Tour de France: Bennett frustriert Sagan im Kampf um Grün

Peter Sagan (vorne) und  Sam Bennett

Ire weiter im Grünen Trikot

Tour de France: Bennett frustriert Sagan im Kampf um Grün

Von Michael Ostermann (Champagnole)

Der Ire Sam Bennett wird mit großer Sicherheit das Grüne Trikot der Tour de France gewinnen. Auf der 19. Etappe nach Champagnole hängt er wie ein Schatten an Peter Sagan, der diesmal wohl mit leeren Händen aus Frankreich zurückkehren wird.

Auf der Schotterpiste hinter dem Ziel war Peter Sagan seinen grünen Schatten endlich los. Während der Slowake nach der 19. Etappe der Tour de France frustriert ausrollte und wohl am liebsten noch bis in den dahinter liegenden Wald weiter gefahren wäre, war Sam Bennett direkt hinter der Ziellinie in Champagnole rechts abgebogen Richtung Podium. Dort wurde ihm das Grüne Trikot für den punktbesten Sprinter übergestreift, das er nach Lage der Dinge nun auch bis Paris tragen wird.

Bennett hat 65 Punkte Vorsprung

Bennett muss nur noch heile bis in die französische Hauptstadt kommen. "Das klingt leicht, ist es aber nicht", sagte der Ire. Aber das war nur die übliche Plattitüde. Genau wie der Satz, er schaue auch jetzt weiter von Tag zu Tag und Etappe zu Etappe. Bennetts Vorsprung auf Sagan beträgt nach der 19. Etappe 55 Punkte. Das ist ein sehr komfortables Polster zwei Tage vor dem Ende der Tour. Ein Bergzeitfahren und der Sprint auf den Champs-Élysées liegen noch an.

So richtig daran geglaubt, dass Sagan das Blatt in Sachen Grün noch einmal ändern könne, hatten sie bei seinem Team Bora-hansgrohe sogar schon vor der 19. Etappe nicht mehr. "Bennett noch einzuholen, wird unmöglich sein", vermutete Maximilian Schachmann vor dem Start in Bourg-en-Bresse. "Die Sache ist fast vorbei", unkte auch Sagan selbst. Dennoch versuchte seine Mannschaft, das Rennen bis zum Zwischensprint zu kontrollieren. Was zwar gelang, aber auch dafür sorgte, dass Bennett dort wieder ein paar Zähler mehr einsammelte als Sagan und seinen Vorsprung weiter ausbauen konnte.

19. Etappe - die Zusammenfassung Sportschau 18.09.2020 02:51 Min. Verfügbar bis 18.09.2021 Das Erste

Bennett lässt sich nicht abschütteln

Im Finale, als sich eine zwölfköpfige Ausreißergruppe mit Sagan und Bennett abgesetzt hatte, um den Tagessieger zu ermitteln, brachte der Ire den Ex-Weltmeister dann an den Rand der Verzweiflung, weil er sich partout nicht abschütteln lassen wollte. Egal, was Sagan versuchte, der Mann im Grünen Trikot blieb an seinem Hinterrad. "Klar, das muss frustrierend für ihn gewesen sein", ahnte Bennett.

Man hätte Sagan gerne dazu befragt, aber der war nach einem kurzen Interview für das slowakische Fernsehen verschwunden. Und sein Team verschickte anders als sonst auch keine Sprachnachricht des dreimaligen Weltmeisters, der diesmal mit leeren Händen aus Frankreich heimkehren wird - ohne Etappensieg und ohne das Maillot Vert, das er seit 2012 sieben Mal gewonnen hat.

Sagans Körpersprache spricht Bände

Aber Sagans Frust über den lästigen Bennett war ja unterwegs schon deutlich geworden. Er hatte immer wieder und zunehmend grimmiger hinübergeblickt zu dem Mann, der "sein" Trikot trug und nicht abzuhängen war. Ob denn auch gesprochen worden sei, wurde Bennett später gefragt. "Nein, es war mehr Körpersprache", behauptete er. Doch das war wohl ein wenig geflunkert. Sagan hatte natürlich gesprochen.

Es ging später ja auch um die Frage, ob der Ire sich nicht an der Nachführarbeit beteiligen wolle, nachdem sich der spätere Etappensieger Sören Kragh Andersen rund 16 Kilometer vor dem Ziel aus der Fluchtgruppe abgesetzt hatte. "Aber das war nicht mein Rennen heute, das war sein Rennen", sagte Bennett über die letztlich erfolgreiche Solofahrt des Dänen, der bereits seinen zweiten Etappensieg feierte.

Bei Bora-hansgrohe keine Chance auf die Tour

Bennett ging es tatsächlich nur darum, seinen ehemaligen Teamkollegen Sagan in Schach zu halten. Bei Bora-hansgrohe, wo er 2014 seine Karriere als Radprofi begann, hatte er Sommer für Sommer zusehen müssen, wie der 2016 zum Team gestoßene Sagan Jahr für Jahr bei der Tour de France das Grüne Trikot abräumte. Bennett gewann derweil Etappen beim Giro d'Italia und der Vuelta a Espana für die deutsche Mannschaft. Und als dort mit Pascal Ackermann noch ein heimische Sprinter zur Weltklasse reifte, musste Bennett fürchten, um seine Chance beim wichtigsten Radrennen der Welt gebracht zu werden.

Bennett drängte auf einen Wechsel, und trotz eines gültigen Vorvertrags ließ Bora-hansgrohe ihn schließlich nach einigem Hin und Her Ende vergangenen Jahres zum Team Deceunick-Quick Step ziehen. Für die belgische Mannschaft hat er nun seinen ersten Etappensieg bei der Tour de France gelandet - mit 29. Als er den Sprint der 10. Etappe auf der Île de Ré gewann, übermannten ihn auch deshalb die Tränen. "Das Ding ist, dass man dich nicht als Topsprinter betrachtet, wenn du keinen Sprint bei der Tour gewonnen hast", sagte er.

Tourdebüt im Grünen Trikot

Nun also wird Bennett seine erste Tour de France wohl gleich im Grünen Trikot beenden. Natürlich profitierte er dabei auch davon, dass Sagan wegen eines unsauberen Sprints auf der 11. Etappe sämtliche Punkte des Tages abgezogen wurden. Aber mit der Zähigkeit, die er am Freitag auf dem Weg nach Champagnole an den Tag legte, hat er sich des Trikots als würdig erwiesen.

"Normalerweise versuchst du als Sprinter, so viel Energie wie möglich für die Massensprints zu sparen", sagte Bennett im Ziel. "Im Grünen Trikot, muss du am Anfang der Etappe aufpassen, wer in die Fluchtgruppe geht, du muss die Zwischensprints bestreiten und die Massensprints. Das ist viel mehr Arbeit." Am Freitag hat er diese Arbeit sehr effektiv erledigt. Das wird auch Peter Sagan anerkennen, wenn er seinen grünen Schatten an diesem Tag irgendwann wieder vergessen hat.

Stand: 18.09.2020, 20:14

Tour de France | Sprintwertung

NamePkt
1.Sam Bennett380
2.Peter Sagan284
3.Matteo Trentin260
4.Bryan Coquard181
5.Wout van Aert174
6.Caleb Ewan170
7.Julian Alaphilippe150
8.Tadej Pogacar143
9.Sören Kragh Andersen138
10.Michael Mörköv138
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