Ukraines Zinchenko - einst geflüchtet, nun gefeiert

Oleksandr Zinchenko war der entscheidende Mann beim Achtelfinal-Sieg der Ukraine.

Neuer Nationalheld mit harter Vergangenheit

Ukraines Zinchenko - einst geflüchtet, nun gefeiert

Von Sebastian Hochrainer

Mit einer Top-Leistung beim 2:1-Sieg gegen Schweden hat Oleksandr Zinchenko die Ukraine ins Viertelfinale der EURO geführt. Schon immer galt Zinchenko als talentiert, doch sein Weg in den Profifußball war ein ungewöhnlicher.

Die Fans von Manchester City haben ein Problem. Sie haben Oleksandr Zinchenko im Klub als linken Flügelspieler kennengelernt. Trainer Pep Guardiola stellt ihn aufgrund des Überangebots im Mittelfeldzentrum und der Not auf den Außen dort auf, obwohl er gelernter Zehner ist. Wie gut er in der Mitte des Feldes ist, haben die City-Fans im ersten Gruppenspiel der EM gegen die Niederlande (2:3) gesehen und forderten in Massen per Twitter-Posts, dass man ihm eine solche Position doch mal im Verein anvertrauen möge.

Überragend in der Guardiola-Rolle

Doch Zinchenkos Auftritt am Dienstagabend zeigte ein anderes Bild. Erstmals spielte er von Anfang an auf dem Flügel bei der EURO - und er machte sein bestes Spiel. Mit großer Entschlossenheit erzielte der 24-Jährige das 1:0, mit großer Technik bereitete er das entscheidende 2:1 in der Nachspielzeit der Verlängerung gegen Schweden vor und brachte sein Heimatland somit ins EM-Viertelfinale.

Schweden gegen Ukraine - die Zusammenfassung Sportschau 29.06.2021 03:10 Min. Verfügbar bis 31.12.2021 Das Erste

"Es ist ein unglaubliches Gefühl. Wir haben Geschichte für unser Land geschrieben. Ich möchte mich für die Unterstützung bedanken", sagte Zinchenko hinterher. "Heute möchte ich feiern, aber ab morgen müssen wir ans nächste Spiel denken, weil wir noch mehr erreichen können."

Ein Mann mit Mut und Ambitionen

Worte, die genau in das Bild passen, das Zinchenko in seiner Karriere vermittelt. Der Ukrainer ist nicht nur hochtalentiert, sondern auch noch extrem motiviert und lernwillig. "Er skizziert Änderungen in der Taktik und Spielzüge, die im Training eingeübt wurden", hat seine Frau Vlada Sedan, die in ihrer ukrainischen Heimat als TV-Reporterin arbeitet, einmal erzählt. "Er notiert das alles und erzählt es mir. Wir haben einen großen Ordner zuhause, in dem alles aufgeschrieben ist."

Auch deswegen ist City-Trainer Guardiola ein Fan von Zinchenko. Er liebt formbare, aber höchst ambitionierte Spieler wie den Ukrainer. Seine Unkümmertheit, sein Mut, seine Leidenschaft - diese Eigenschaften schätzt Guardiola noch mehr als seine fußballerischen Fähigkeiten.

In der Halbzeit eines Ligaspiels gegen den FC Southampton, bei dem Zinchenko ein Tor verschuldet hatte, forderte der 50-Jährige mal sein Star-Ensemble auf: "Lernt von Zinchenko." Den Grund für seine eigenwillige Analyse lieferte Guardiola direkt nach. "Er war heute der beste Spieler auf dem Platz. Wisst ihr, warum? Weil er sich nach dem Fehler nicht versteckt hat. Jeder kann Fehler machen. Aber schaut euch seine Reaktion an."

"Alex hat viel gekämpft, um hier zu sein"

Diesen Umgang mit Rückschlagen musste Zinchenko auf harte Weise erlernen. "Alex hat viel gekämpft, um heute hier zu sein", sagte Guardiola einst voller Anerkennung für das, was sein Spieler erlebt hatte. Mit 13 Jahren entschied sich Zinchenko, seine Heimatstadt Radomyshl im Norden der Ukraine zu verlassen und ins 800 Kilometer entfernte Donezk zu ziehen, wo er sich der Jugendakademie von Schachtjor anschloss. Schnell entwickelte er sich zur Nachwuchshoffnung, war in der U19 Kapitän und schaffte auch den Sprung in die U-Nationalmannschaft. Doch dann gab es einen großen Karriere-Knick.

In der Blütezeit des Klubs war es für Zinchenko schwer, einen Platz bei den Profis zu ergattern. Doch genau das forderte der damalige Youngster ein. Das Problem: Donezk konnte ihm nicht geben, was er wollte, wollte aber unbedingt, dass er seinen Vertrag verlängert. Zinchenko lehnte ab - und bekam dafür die Quittung. "Vier Monate lang bin ich jedes Training nur um den Platz gerannt. Ich spielte nicht. Und war vom Team komplett abgekoppelt", hat Zinchenko später einmal erzählt.

Die Flucht nach Russland

Und dann wurde es noch schlimmer. Als 2014 der Konflikt um die Krim in der Ostukraine, unweit von Donezk, eskalierte, floh er mit seiner Familie nach Russland. Das Problem: Dort durfte er bei keinem neuen Verein anheuern, weil er in Donezk noch unter Vertrag stand und der Klub einen Transfer blockierte. Zinchenko trainierte bereits bei Rubin Kasan, einen Wechsel gab es aufgrund des Schachtjor-Vetos jedoch nicht. Ihm blieb nur die Straße. Auf dem Moskauer Asphalt arbeitete er monatelang bei Eiseskälte für seine Rückkehr auf den Rasen.

Erst ein Jahr nach seinem letzten Spiel für Donezks U19 unterzeichnete Zinchenko schließlich einen Vertrag - beim russischen Erstligisten FK Ufa im tiefen Osten Russlands in der Nähe der asiatischen Grenze. Absolute Fußballprovinz mitten im Nirgendwo, für Zinchenko aber das Tor in den Spitzenfußball.

Mit guten Leistungen in den Fokus von Manchester City

Mit starken Leistungen schaffte er es in die ukrainische Nationalmannschaft, dort in die Notizbücher der Scouts von Manchester City. Der englische Top-Klub schlug schließlich im Sommer 2016 zu, investierte in einer Zeit, in der die "Citizens" hohe zweistellige Millionensummen für Stars ausgaben, zwei Millionen Euro für den damals unbekannten Zinchenko.

Dass er fünf Jahre später noch immer bei Manchester City spielt, hat ihm damals kaum jemand zugetraut. Doch er hat sich durchgesetzt. In der vergangenen Saison stand er in immerhin 24 Pflichtspielen in der Startelf - Tendenz steigend. Auch im Champions-League-Finale gegen den FC Chelsea (0:1) gehörte er zum Stamm des Guardiola-Teams. Mit entsprechend großem Selbstvertrauen reiste er dann zur ukrainischen Nationalmannschaft.

"Wir stehen vor einem schweren Turnier, haben aber neue Ziele, eine neue Motivation - deshalb freue ich mich auf die Arbeit. Es ist eine Ehre für mich, dabei zu sein", sagte Zinchenko vor der EM. Dass sein Team es dort mindestens bis ins Viertelfinale schaffen wird, ahnte er zu diesem Zeitpunkt nicht. Zinchenko hat jedoch einen großen Anteil daran, dass es trotzdem so gekommen ist.

Stand: 30.06.2021, 15:15

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