Belgiens Zukunft - wann übernehmen die "Jung-Teufel"?

Jerermy Doku im Spiel gegen Italien

Nach dem Viertelfinal-Aus

Belgiens Zukunft - wann übernehmen die "Jung-Teufel"?

Von Jens Mickler

Belgien verlässt wieder einmal vorzeitig die EM - eine große Enttäuschung für die als "goldene Generation" gepriesene Mannschaft. Vor allem in der Defensive steht nun zwangsläufig ein Umbruch bevor.

Es war eine Freude, dem jungen Jeremy Doku im ohnehin sehenswerten Viertelfinalspiel gegen Italien zuzuschauen. Sobald sich Räume ergaben und der Flügelflitzer etwas Platz hatte, legte Doku los, dribbelte mit enormer Schnelligkeit, zeigte eine beeindruckende Ballfertigkeit und stellte im Eins-gegen-eins die hochgelobte italienische Defensive ein ums andere Mal vor Probleme.

Zum Beispiel kurz vor der Pause, als er den Elfmeter herausholte, der zum Anschlusstor führte oder in der zweiten Hälfte, als er Lukakus Großchance zum Ausgleich mit einem Steckpass auf De Bruyne einleitete. Doku war der Lichtblick in der düsteren Stunde der Belgier.

Rekordwert: 30,4 Jahre im Schnitt

Jeremy Doku, der gerade 19 Jahre alt geworden ist, war auch der mit Abstand jüngste Spieler im Team der "Roten Teufel". Gegen Portugal im Achtelfinale, als Eden Hazard für Doku in der Startelf stand, lag das Durchschnittsalter bei 30,4 Jahren - die älteste Mannschaft, die jemals bei einem EM-Turnier das belgische Trikot trug.

Jerermy Doku mit artistischer Einlage

Jerermy Doku mit artistischer Verrenkung gegen Italien

Neben Doku zählte nur noch Youri Tielemanns mit seinen 24 Jahren zu den Jüngeren. Gegen Ende des Spiels wurde Dennis Praet eingewechselt, der drittjüngste Belgier auf dem Platz, aber auch schon 27 Jahre alt. 27 ist natürlich kein Alter im Fußball. Auch Stars wie Kevin De Bruyne, Eden Hazard oder Axel Witsel, die allesamt schon zur Ü30-Generation gehören, werden noch nicht ans Aufhören denken. Fakt ist aber: Im belgischen EM-Kader sind zehn (!) Feldspieler 30 Jahre oder älter, junge Spieler muss man genau suchen.

Nicht viel zu melden bei den U-Meisterschaften

Auffällig ist zudem, dass die belgischen Nachwuchs-Auswahlmannschaften derzeit weit von der europäischen Spitze entfernt sind. Die U21-Auswahl Belgiens hat zwar einige verheißungsvolle Talente in ihren Reihen wie Aster Vranckx (VfL Wolfsburg) oder Charles De Ketelaere, der beim FC Brügge für Furore sorgt. Auch Yari Verschaeren vom RSC Anderlecht (19 Jahre, im EM-Kader dabei) wird eine große Zukunft vorausgesagt.

Aber für die jüngste EM der U21-Teams - Europameister wurde Deutschland - konnte sich Belgien nicht qualifizieren. Auch bei der vergangenen U19-EM im Jahr 2019 war kein belgisches Team dabei.

Wer soll die "goldene Generation" also nun beerben, wenn die "Alten" nicht mehr da sind. Die WM in Katar Ende nächsten Jahres können die De Bruynes, Hazards und Witsels sicher noch spielen - aber dann?

Umbruch in der Defensive

Wohl noch vor der WM müssen die Belgier einen Umbruch in ihrer Defensive einleiten. Thomas Vermaelen wird in diesem Jahr 36 Jahre alt, Jan Vertonghen ist 34 und Toby Alderweireld auch schon 32. Nur die Italiener stellen eine ähnlich "betagte" Defensive. Jason Denayer und Leander Dendocker, die gegen Italien zum Kader gehörten, stünden parat, müssen allerdings noch beweisen, dass sie das Zeug zur Weltklasse haben.

Roberto Martinez mit Dries Mertens gegen Italien

Ob Trainer Roberto Martinez diesen Umbruch als Nationalcoach einleiten wird, erscheint derzeit mehr als fraglich. "Mir fällt es im Moment schwer, über etwas anderes zu reden als über die Niederlage und unser Ausscheiden aus der EM", sagte der 47-jährige Spanier gewohnt gefasst nach der Niederlage in München. Gefragt worden war er, was die Zukunft bringe, auch mit Blick auf die Nations League und die kommende WM 2022 mit dieser Mannschaft. Martinez' Vertrag als Nationalcoach läuft noch bis zur WM 2022, Premier-League-Klubs haben längst ihr Interesse an ihm hinterlegt.

Nächste Station: Halbfinale Nations League

Bei der nächsten EM 2024 in Deutschland, sagte auch Torhüter Thibaut Courtois, "sind wir alle drei Jahre älter, das ist eine lange Zeit". Vielleicht denkt man auch erst einmal in kürzeren Zeitspannen nach dieser Enttäuschung von München.

Zur WM-Qualifikation im September könnten sie wieder zusammenkommen, am 7. Oktober steigt das Halbfinale in der Nations League gegen Frankreich. Im Endspiel könnte es zur Revanche gegen Italien kommen. Vielleicht reicht es ja wenigstens noch zu einem kleinen Titel.

Stand: 03.07.2021, 10:20

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