Frankreichs N'Golo Kanté - Schleicher mit Tempo

Ngolo Kanté beim Spiel gegen Bulgarien

EURO 2020

Frankreichs N'Golo Kanté - Schleicher mit Tempo

Von Tim Beyer

Frankreich hat Kylian Mbappé, Antoine Griezmann und Karim Benzema, doch der wichtigste Spieler ist N'Golo Kanté. Beinahe wäre er gar kein Profi geworden, sondern Buchhalter. Heute ist Kanté Frankreichs Metronom.

In den Tagen vor dem Start der EURO 2020 hat Bixente Lizarazu eine Kolumne für die Zeitung "L'Équipe" geschrieben, es finden sich darin einige kluge Gedanken zur Situation der französischen Nationalmannschaft. Lizarazu, 51, war einst Fußballer, ein Linksverteidiger, Welt- und Europameister mit Frankreich, auch mit den Bayern hat er Titel gewonnen. Heute ist Lizarazu ein anerkannter Experte im französischen Fußball.

Lizarazu schrieb nicht über Kylian Mbappé, Antoine Griezmann und Karim Benzema, die mit Toren glänzen und mit Tricks. Er würdigte N'Golo Kanté, dem jeder Glanz so fremd ist, dass er lieber andere glänzen lässt. Kanté, schrieb Lizarazu, sei gerade der weltbeste Mittelfeldspieler. "Er verlässt sich auf sein Spielverständnis und seine Intuition. Ähnlich einem Judoka, der die Bewegungen seines Gegners nutzt, um ihn zu bezwingen. Kanté ist ein Seiltänzer, ein Ästhet."

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Nun lässt sich über solche Wertungen streiten, es stellt sich immer auch die Frage nach den Kriterien. Man kann einen Mittelfeldspieler an Toren messen, seine Dribblings und Übersteiger zählen, dann wäre ein solches Lob für Kanté nicht angebracht. Er ist ein defensiver Mittelfeldspieler und kein Fußballer für das Spektakuläre, war er noch nie. Und doch wird man gerade eher nicht so viele Menschen finden, die Lizarazu vehement widersprechen möchten.

Da ist Schönheit in Kantés Fußball - man muss sie nur sehen

Mit dem FC Chelsea hat Kanté gerade die Champions League gewonnen, nach dem Finale wählte ihn die UEFA zum Spieler des Spiels. Zuvor waren die Offensivspieler von Manchester City oft auf Kanté zugelaufen, nur kamen sie selten an ihm vorbei. Einmal dribbelte Phil Foden durch das Zentrum, den Blick nach vorne gerichtet. Als er Kanté bemerkte, war es zu spät - und der Ball verloren.

Thomas Tuchel umarmt Ngolo Kanté (r.)

Thomas Tuchel umarmt Ngolo Kanté (r.).

Es sind Szenen wie diese, die man mit Kanté verbindet. Seinem Spiel wohnt eine seltene Schönheit inne, man muss sie nur entdecken. Natürlich ist da zunächst die Erkenntnis: Kanté läuft viel und sehr geschickt. "Zwei Drittel der Erde sind von Wasser bedeckt. Den Rest deckt Kanté", sagen sie in England, wo Kanté seit einigen Jahren spielt. Ein Kompliment, verpackt in britischen Humor.

Doch man würde Kanté nicht gerecht, reduzierte man ihn nur auf seine Laufstärke. Er hat ein nahezu perfektes Stellungsspiel, sein Gespür für den Raum ist beeindruckend, Fehlpässe erlaubt er sich selten. Gefahren sieht Kanté oft schon, bevor sie überhaupt entstehen. Kaum jemand verteidigt so geschickt wie er.

Balleroberungen sind seine Spezialität

Und dann sind da noch die Balleroberungen, sie sind seine Spezialität. Er ist so gut darin, dass er nur selten grätscht. Kanté ist ein Schleicher, aber einer mit Tempo und Timing. Man hat das schon oft beobachten können: Wie Kanté sich anschleicht und dann den Fuß ausfährt, oft aus einem Winkel, den der Gegenspieler gerade nicht im Blick hat.

Natürlich weiß auch Frankreichs Trainer Didier Deschamps um die Stärken von Kanté, dem er im 4-3-3 meist den Platz in der Mittelfeldzentrale anvertraut. Als Frankreich im letzten Testspiel vor der EURO Bulgarien besiegte, spielte halbrechts Paul Pogba und halblinks Corentin Tolisso. Pogba schaltete sich oft in die Offensive ein, während Tolisso um Absicherung bedacht war. Den Rhythmus aber gab Kanté vor, er ist das Metronom der Franzosen.

Wie es auch hätte laufen können: Buchhalter, kein Fußballer

Dabei wäre Kanté beinahe gar kein Profi geworden. Aufgewachsen ist er im Westen von Paris, als Sohn malischer Einwanderer und mit sieben Geschwistern. Fußball hat er schon immer gespielt, einmal durfte er in der Akademie des französischen Verbandes FFF trainieren und fiel durch. Weil ihm das mit dem Sport fortan zu unsicher war, machte er lieber eine Lehre zum Buchhalter.

Später spielte Kanté in Amateurliegen, Profi wurde er erst mit Anfang 20 in der dritten Liga. Er war 23, als er für SM Caen in der ersten französischen Liga debütierte. Ein Jahr später wechselte er zu Leicester City und wurde sensationell Meister. Von dort ging es wieder ein Jahr später zu Chelsea.

Tuchel über Kanté: "Ein Geschenk"

Kanté ist mit Frankreich Weltmeister geworden, er war zweimal englischer Meister, hat mit dem FC Chelsea die Europa League und die Champions League gewonnen. Wenn er seine Form bei der EURO bestätigt, wäre er ein Kandidat für den Titel Weltfußballer des Jahres. Kanté sagt, darüber mache er sich keine Gedanken. "Am Ende des Tages bin ich ein normaler Mensch, ein Spieler unter vielen."

Thomas Tuchel war noch nicht lange Trainer des FC Chelsea, als er einmal nach dem Spieler Kanté gefragt wurde. Er erzählte davon, dass er Kanté schon lange beobachtet habe und ihn immer gerne trainiert hätte. Weil Kanté nicht zu Tuchel kam, kam Tuchel eben zu Kanté. Die Zusammenarbeit, sagte Tuchel, sei "ein Geschenk".

Stand: 09.06.2021, 16:04

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