US-Coach Gregg Berhalter auf der Pressekonferenz vor dem Spiel gegen die Niederlande

FIFA WM 2022 Berhalter trotzt Streit und formt USA zu Minimalisten

Stand: 02.12.2022 14:39 Uhr

Gregg Berhalter hat die Unterstützung von US-Präsident Joe Biden und kann die USA am Samstag (03.12.2022) zum ersten Mal seit 2002 in ein WM-Viertelfinale führen. Vor dem Duell mit den Niederlanden bestimmt dennoch ein Zoff um Giovanni Reyna die Schlagzeilen.

Am Tag vor dem ersten WM-Spiel hatte Gregg Berhalter plötzlich den US-Präsidenten an der Strippe. Der Trainer der Nationalmannschaft der USA, der gerade im Kreise seiner Spieler stand, kündigte "Showtime" an und sagte: "Da steht POTUS". President of the United States. Joe Biden am Apparat. Dieser scherzte dann zunächst, wie bei einem auf Twitter verbreiteten Video zu sehen ist, dass er fit sei und in die Startelf gehöre. Dann wünschte er dem Team viel Glück. "Go, get 'em guys." Schnappt sie euch. Gesagt, getan.

USA folgen Bidens Wunsch

Drei Spiele ohne Niederlage später steht die US-Auswahl im WM-Achtelfinale und könnte mit einem Erfolg gegen die Niederlande zum ersten Mal seit 2002 zu den acht besten Teams der Welt gehören. "Lasst euer Herz auf dem Platz", hatte Biden gefordert. Die Nationalspieler folgten. Der Baumeister dieses Erfolgs ist aber Trainer Berhalter.

Durch ein Tor von Christian Pulisic gewinnen die USA gegen den Iran und sichern sich den WM-Achtelfinaleinzug - die Zusammenfassung des Spiels.

Berhalter mit bester Bilanz aller Trainer

Der 49-Jährige, der während seiner Profizeit mit Energie Cottbus aus der Bundesliga abstieg und mit dem TSV 1860 München mehrere Jahre im Mittelfeld der 2. Liga herumdümpelte, hat die US-Auswahl seit seinem Amtsantritt mental aufgerichtet und sportlich deutlich weiterentwickelt. Nach der verpassten Qualifikation für die WM 2018 in Russland unter Bruce Arena wurde Berhalter im Dezember 2018 Nationalcoach. Seitdem geht es bergauf.

In insgesamt 59 Partien unter Berhalter setzte es für die USA gerade einmal zehn Niederlagen, einen besseren Punkteschnitt gab es in der Historie der US-Auswahl noch nie. "Wir haben vier Jahre darüber geredet, hierher zu kommen. Jetzt sind wir da", sagte Berhalter nach dem erfolgreichen Erreichen der K.o.-Phase. "Wir haben uns dieses Spiel verdient. Und wir wollen auch danach nicht nach Hause fahren." Klares Ziel: das erste Viertelfinale seit 2002. Doch ist das realistisch?

USA mit zwei Toren ins Achtelfinale

Klar ist, dass die von Bondscoach-Legende Louis van Gaal trainierten Holländer als Favorit in die Partie gehen. Klar ist aber auch, dass das US-Team ein sehr unangenehmer Gegner ist. Das einzige Gegentor in der Gruppenphase erzielte Gareth Bale per Elfmeter, gegen England und den Iran stand hinten die Null. Dass die USA mit lediglich zwei selbst erzielten Treffern und einem Torverhältnis von 2:1 ins Achtelfinale einzogen, ist bezeichnend. Berhalter hat die USA zu erfolgreichen Minimalisten geformt.

Berhalter coacht wie er spielt

Passend zu seinem früheren Spielstil setzt Berhalter, der als Verteidiger der eher rustikalen Gattung zuzuordnen war, trotz starker Individualisten in der Offensive auf Safety First. Vor einer Viererkette spielt mit dem ehemaligen Leipziger Tyler Adams, dem ehemaligen Schalker Weston McKennie und Talent Yunus Musah ein Trio, das mit dem Ball umgehen kann, aber gleichzeitig auch keinem Zweikampf aus dem Weg geht. Go, get 'em.

Pulisic wegen Beckenprellung im Krankenhaus

Der Mix aus Körperlichkeit hinten und Tempo vorne hat die USA in die nächste Runde geführt. Vor dem Achtelfinale bereitet nun aber die Offensive Berhalter gleich aus mehreren Gründen Kopfzerbrechen. Grund Nummer eins: Der Ex-Bremer Josh Sargent und der Ex-Dortmunder Christian Pulisic, der talentierteste und gefährlichste US-Angreifer, sind angeschlagen. Pulisic geht es nach seiner Beckenprellung, wegen der er sogar im Krankenhaus war, zwar besser. Sicher ist sein Einsatz aber noch nicht. "Wir müssen das Training abwarten", so Berhalter.

Streit um Reyna von Borussia Dortmund

Grund Nummer zwei ist die anhaltende Kritik an Berhalters Personalentscheidungen im Sturm. Dass er wie sein deutscher Kollege Hansi Flick auf einen echten Neuner verzichtet, kommt in den USA nicht gut an, ist aber wie in Deutschland einem Mangel an international erfahrenem Fachpersonal geschuldet. Dass er den Dortmunder Giovanni Reyna zudem bislang für nur sieben Minuten aufs Feld schickte, führte inzwischen zu einem handfesten Zoff.

Nach dem Sieg gegen Iran beschreiben US-Coach Gregg Berhalter und Stürmer Timothy Weah ihre Vorfreude auf das WM-Achtelfinale.

Auslöser ist der US-amerikanische WM-Experte Nummer eins: Eric Wynalda. Der 53 Jahre alte Ex-Profi hatte Berhalter vorgeworfen, eine Verletzung von Reyna erfunden zu haben, um damit seine Nichtberücksichtigung zu begründen. "Er hat die Medien angelogen", wetterte Wynalda in der "LA Times" und sprach von einem Zerwürfnis zwischen Trainer und Nachwuchsstar. Dies habe Reynas Vater Claudio ihm sogar bestätigt. "Jetzt sitzt er auf der Bank, das ist bedauerlich."

Berhalter kontert Wynalda

Berhalter konterte die Aussagen Wynaldas umgehend und widersprach diesen Darstellungen. "So bin ich einfach nicht", betonte er. "Das ist nicht das, was ich repräsentiere." Für ein Ende des Streits könnte wohl nur eine Nominierung Reynas für die Startelf sorgen. Eine komplett ungestörte Vorbereitung auf das Highlight-Spiel gegen die Niederlande hat die US-Auswahl aber definitiv nicht. Die Unruhe kommt zur Unzeit.