Zusammen an der Taktiktafel: Danny Röhl und Bundestrainer Hansi Flick

DFB | Trainerlizenzen Fußball-Trainerausbildung: Neue Wege - und mehr Sackgassen

Stand: 17.05.2022 08:27 Uhr

In der Trainerausbildung beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) ist kein Stein auf dem anderen geblieben. Die Zugänge sind schwerer geworden, die Lehrgänge teurer. Der Verband wehrt sich gegen die Kritik.

Von Frank Hellmann

Marie-Louise Eta konnte ihr Glück Ende vergangenen Jahres kaum fassen, als die frühere Bundesliga-Spielerin die Zusage für den Erwerb der höchsten Trainerlizenz in ihrem elektronischen Postfach fand. Nach einem theoretischen und praktischen Assessment-Verfahren an der Sportschule Hennef gehört die hauptberufliche Juniorinnentrainerin (U15) vom DFB zum elitären Kreis, der seit Ende Februar den Pro-Lizenz-Trainerkurs absolviert.

Die einzige Frau unter 16 Teilnehmern ist angetan von den Kollegen und den Inhalten, die in den ersten Modulen des insgesamt 13-monatigen Lehrgangs bereits vermittelt worden sind. Bei Eintracht Frankfurt waren Expertengespräche mit Cheftrainer Oliver Glasner und Sportvorstand Markus Krösche möglich, beim 1. FC Köln eine Unterredung mit Kultfigur Steffen Baumgart, beim SC Freiburg mit Leitfigur Christian Streich. Klar, dass solche Begegnungen eine angehende Trainerin prägen.

Weniger Teilnehmer, mehr Qualität

"Alle Erwartungen an den Kurs und an die Ausbildung sind eingetreten, wenn sie nicht sogar übertroffen wurden", sagte die 30-Jährige im Interview mit dem Fachmagazin "Kicker". So etwas hört Daniel Niedzkowski, Leiter der Pro-Lizenz-Ausbildung natürlich gerne. "Wir können durch weniger Teilnehmer pro Ausbilder in den neuen Ausbildungsformaten ein völlig anderes Qualitätsniveau erreichen", sagt der 45-Jährige, der 2018 die bis dahin von Frank Wormuth geleitete Ausbildung zum Fußballlehrer übernahm.

Inzwischen hat der Verband seine Trainerausbildung, die nach dem Umzug auf den DFB-Campus bald in weiten Teilen in Frankfurt abgehalten werden soll, reformiert. Ungeachtet dessen, dass mit Jürgen Klopp (FC Liverpool), Thomas Tuchel (FC Chelsea) und Ralf Rangnick (Manchester United) drei deutsche Trainer diese Saison in der Premiere League arbeiten, müsse der deutsche Fußball sich hier weiterentwickeln, um auch international konkurrenzfähig zu sein, erklärt Niedzkowski gegenüber der Sportschau: "Es gibt ja keinen Grund, nicht noch mehr gute Trainer auszubilden." Aber bitte nach neuen Leitplanken, die den stark veränderten Anforderungen entsprechen.

Akademieleiter Tobias Haupt hat jeden Stein umgedreht

Tobias Haupt, Leiter der DFB-Akademie, betonte wiederholt, dass es alternativlos gewesen sei, jeden Stein an dieser Stelle einzeln umzudrehen. Haupt versprach: "Ende 2021 wird kein Ausbildungsinhalt und keine Lizenzstufe mehr so sein wie noch vor zweieinhalb Jahren."

Was hat sich aber nun konkret geändert? Zuerst einmal sind zwei Stränge strukturell voneinander getrennt: Jeder Anwärter kann sich seitdem entscheiden, ob er Trainerkarriere beim Nachwuchs oder im Erwachsenenbereich machen möchte. Haupt hat nämlich festgestellt, dass von den ausgebildeten Fußballlehrern nur maximal die Hälfte im Profi-Erwachsenenbereich landete - die andere Hälfte zog es in die Nachwuchsleistungszentren oder an die Stützpunkte.

Auch Danny Röhl, rechte Hand von Hansi Flick, drückt die Schulbank

An der Spitze steht weiterhin die Pro-Lizenz-Ausbildung, die auch die Trainer für die drei Profiligen ausspuckt. Der Verband macht keinen Hehl daraus, dass mit der Beschränkung auf 16 anstatt 24 Teilnehmer bei zuletzt deutlich mehr als 100 Bewerbern im Jahr das Nadelöhr noch ein bisschen schmaler geworden ist als vorher, doch bildet der DFB immerhin noch deutlich mehr Profi-Trainer aus als die UEFA eigentlich vorsieht – dort wird alle zwei Jahre ein Kurs mit 20 Teilnehmern genehmigt.

Das Privileg, dass verdiente Nationalspieler mal eben im Schnelldurchgang die Lizenz einsacken, ist längst abgeschafft. So drückt aktuell auch Danny Röhl, rechte Hand von Bundestrainer Hansi Flick, die Schulbank. Die höchste Trainerlizenz kostet übrigens 19.000 Euro plus Unterkunft. Eine schöne Stange Geld, die oft aber von den Arbeitgebern (Vereine oder Verbände) übernommen wird.

Es gibt umfassende Kritikpunkte

Unter der Pro-Lizenz folgt die A-Lizenz - und hier sind die Zugänge tatsächlich deutlich schwieriger, die Lehrgänge teurer geworden und dauern länger. Jedes Halbjahr gibt es bei der A-Lizenz nur noch 24 Plätze. Kostenpunkt 6000 Euro plus Verpflegung. Und statt knapp drei Wochen dauert alles jetzt fast acht Monate. Diejenigen, die jetzt außen vor bleiben oder die Kosten nicht aufbringen können, äußern Unverständnis.

Eine wachsende Kluft zwischen Trainern von Profis und Amateuren, eingeschränkte Chancen zur Weiterbildung und teilweise auch eine fehlende Transparenz bei der Kandidatenauswahl werden moniert. Der Verband hält den Kritikern entgegen: Eine deutliche Verknappung und Steigerung der Kosten sei die logische Konsequenz, wenn die individuelle Betreuung, die Ausbildungszeiträume und das vermittelte Wissen gesteigert werden – schließlich stehen dem DFB nicht unbegrenzt Ausbilder zur Verfügung. Zudem würden im Ausland die Auswahlverfahren zum Großteil nicht weniger restriktiv sein.

Chefausbilder Daniel Niedzkowski sieht ein Missverständnis

Zudem habe sich bei der A-Lizenz die Präsenzzeit gar nicht wesentlich erhöht, da die Teilnehmer nur alle vier Wochen für je drei Tage vor Ort sein müssen. Der Rest wird in Vor- und Anwendungsphasen in den Vereinen erledigt. Dadurch soll dafür gesorgt werden, dass die Trainer ihren Job begleitend zur Ausbildung weiter ausüben und von der Anwendung des neuen Wissens profitieren können, bestenfalls als Co-Trainer in den Profiligen, in der Regionalliga oder Frauen-Bundesliga oder nicht viel tiefer.

Hier liegt für Niedzkowski bei allem nachvollziehbaren Unmut ("wir wussten genau, dass wir für die Reformen nicht nur Applaus bekommen") das grundsätzliche Missverständnis. Zuvor habe man zu viele A-Lizenzinhaber, nämlich rund 250 im Jahr, "quasi mit der Gießkanne" ausgebildet. Lange Zeit sei hier die Quantität zwangsläufig zu Lasten der Qualität gegangen.

Die A-Lizenzausbildung sei von ihrer Bedeutung her jedoch so hochrangig, dass man hier zwingend deutlich intensiver und detaillierter ausbilden müsse als in der Vergangenheit. Schließlich dürfe man mit der Lizenz jede Trainertätigkeit im deutschen Fußball ausüben mit Ausnahme der Cheftrainer-Position in den obersten drei Ligen.

An der Seite von U21-Nationaltrainer Antonio di Salvo: Chefausbilder Daniel Niedzkowski (re.)

An der Seite von U21-Nationaltrainer Antonio di Salvo: Chefausbilder Daniel Niedzkowski (re.)

Dass lange ein wenig effizientes Ausbildungssystem gegriffen habe, in dem Ausbildung nicht viel kostete und bei dem man schnell durchkam, sei zwar angenehm, aber nicht gut für den Einzelnen gewesen, heißt es beim Verband.

Niedzkowski und Co. wollen dieses Denken aufbrechen - und mehr für die Praxis der Trainer tun. "Unsere Jugendspieler werden definitiv davon profitieren, dass ihre Trainer besser ausgebildet sind", glaubt der Chefausbilder, der als Co-Trainer der U21-Nationalmannschaft noch eng mit dem Nachwuchsbereich verknüpft ist.

Generell sind die Formate innovativer, interaktiver und digitaler

Hier ist die neu erschaffene A-Plus-Lizenz (halbjährlich ein Lehrgang mit 20 Teilnehmern) die höchste Stufe. Beim DFB wird sie als die möglicherweise wichtigste Neuerung angesehen, sie ersetzt für Nachwuchstrainer die ehemalige Fußball-Lehrer-Ausbildung. Darunter siedelt sich die B-Plus-Lizenz an (halbjährlich vier Lehrgänge mit je 24 Absolventen). Auch hier sind mehr Inhalte mit mehr Zeitaufwand verbunden: Was früher keine drei Wochen dauerte, wird nun über drei bis vier Monate gestreckt, um Entwicklungsprozesse begleiten zu können.

Ganz egal, wer welche Ausbildung durchläuft: Praxisblöcke und Anwendungsphasen nehmen breiten Raum ein. Die Inhalte folgen neuen Schwerpunkten, wobei im Spitzenbereich neben der Arbeit auf dem Platz vor allem die Führungs- und Sozialkompetenzen der Trainer gestärkt werden sollen. Niedzkowski erläutert, dass durch die viel größeren Funktionsteams als früher auch das Kompetenzspektrum der künftigen Cheftrainer erweitert werden müsste. Generell sind die Formate der deutschen Trainerausbildung innovativer, interaktiver und digitaler geworden.