Wundertüte 2. Liga: Wo Überraschungen Tradition haben

Könnten es Schalke und Co. schwer machen (v.l.): Karlsruhes Marvin Wanitzek und Philipp Hofmann, Dresdens Heinz Mörschel und SCP-Trainer Lukas Kwasniok

Start der 2. Fußball-Bundesliga

Wundertüte 2. Liga: Wo Überraschungen Tradition haben

Von Julian Tilders

In der 2. Fußball-Bundesliga ist die Planstelle für ein Überraschungsteam traditionell einkalkuliert. Den Scheinriesen Schalke, Bremen und Hamburg steht Konkurrenz ins Haus.

Abgedroschene Phrasen sind im Fußballgeschäft an der Tagesordnung. Gerade dann, wenn es darum geht, dem Publikum sportliche Highlights zu verkaufen - oder solche, die ihre Vorschusslorbeeren erst noch bestätigen müssen. So auch charakteristisch für die 2. Bundesliga, die mal wieder als "die beste aller Zeiten" angepriesen wird.

Fanstarke Traditionsvereine gibt es im Unterhaus zuhauf, mit den abgestiegenen FC Schalke 04 und SV Werder Bremen reihen sich in dieser Hinsicht zwei weitere attraktive "gefühlte Erstligisten" ein neben dem Hamburger SV, Fortuna Düsseldorf und Konsorten. Dass nüchtern betrachtet die 2. Liga nun mal sportlich immer zweitklassig bleiben wird und die Absteiger verdient abgestiegen sind, ist die weniger glamouröse Seite der Geschichte.

Überraschungen haben in der 2. Liga Tradition

Zumal längst nicht in Stein gemeißelt ist, dass besagte Klubs am Ende ganz oben stehen werden. In einer Mischung aus löblicher Bescheidenheit und bitterem Realismus wurde bisher vermieden, die Meisterschaft als Ziel auszugeben.

Bremens neuer Trainer Markus Anfang sprach lieber vom "Wiederaufbau" denn vom "Wiederaufstieg", S04-Vorstand Peter Knäbel betonte, "wie weit der Weg zu den Rängen zurück ist, von denen wir gekommen sind." Währenddessen schob HSV-Sportchef Jonas Boldt Schalke die Favoritenrolle zu.

Klar ist: Überraschungen im Unterhaus haben Tradition. Vergangene Saison stiegen mit dem VfL Bochum und Greuther Fürth zwei solcher Überraschungsteams auf. Davor Arminia Bielefeld, davor Union Berlin. Und 2017/18 scheiterte Holstein Kiel als Aufsteiger erst in der Relegation am Durchmarsch.

Kiel und Darmstadt mit widrigen Umständen

Der KSV Holstein, vermeintlich erster Kandidat, der die Scheinriesen überraschen könnte, scheiterte auch vergangene Saison erst in der Relegationsrunde gegen den 1. FC Köln. Und wird in der kommenden Saison erst einmal damit beschäftigt sein, Abgänge von wichtigen Säulen aufzufangen: Hamburg schnappte sich Sechser Jonas Meffert, die Offensivkräfte Janni Serra (Bielefeld) und Jae-sung Lee (Mainz) zog es in die 1. Liga.

Darmstadt 98, Vorjahres-Siebter, schwirrt auch wieder seit zwei Saisons im erweiterten Dunstkreis der Top-Fünf umher - der neue Trainer Torsten Lieberknecht wird nach Serdar Dursuns Abgang zu Fenerbahce Istanbul aber erst einmal den Angriff reorganisieren müssen. Dursun (27 Tore, sechs Assists) war vergangene Saison an über der Hälfte der "Lilien"-Treffer beteiligt.

Schlägt die Stunde der Ex-Scheinriesen?

Stattdessen könnte die Stunde von Ex-Bundesligisten schlagen, die über den Status des Scheinriesen teils schon hinweg sind - wie Aufsteiger VfL Bochum in der vergangenen Saison. Die "Wundertüten" SC Paderborn, Fortuna Düsseldorf und Hannover 96 versuchen es mit neuen Trainern, die wissen, wie Aufstieg geht.

Beim SCP ruhen die Hoffnungen auf Saarbrückens ehemaligem Aufstiegscoach Lukas Kwasniok, der an den Offensivfußball Steffen Baumgarts anknüpfen soll. Viele Stammspieler sind an Bord geblieben, über zehn Akteure gingen, neue entwicklungsfähige Spieler wie Innenverteidiger Jasper van der Werff (22 Jahre, Salzburg) kamen.

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Düsseldorfs neuer Coach Christian Preußer brachte jüngst die zweite Mannschaft des SC Freiburg in die 3. Liga, kann "junge Spieler formen und eine Mannschaft entwickeln", wie Vorstand Klaus Allofs betonte. "Wir sind ehrgeizig und wollen oben dabei sein. Ich bin schon einige Male aufgestiegen", sagte Preußer selbst.

Hannover 96 geht mit Jan Zimmermann als Trainer ins Rennen. Der 41-Jährige kitzelte zuletzt den Regionalligisten TSV Havelse mit beschränkten Mitteln zum Aufstieg. In den Testspielen ruckelte es aber zuletzt noch an der ein oder anderen Stelle.

Druck von unten

Mehr als nur die sorgenfreie Platzierung im gesicherten Mittelfeld könnte auch für den Karlsruher SC herausspringen, der vergangene Saison einen nahezu sensationellen Platz sechs erreichte. Mut macht die auf Kampf angelegte Spielphilosopie von Trainer Christian Eichner, ebenso der voraussichtliche Verbleib von Torjäger Philipp Hofmann (13 Tore, sieben Vorlagen).

Und die Aufsteiger Dresden, Rostock und Ingolstadt, die ihrerseits in der 3. Liga als "gefühlte Zweitligisten" galten, brennen auf die Duelle mit den "gefühlten Erstligisten". Ingolstadt und Dresden bauen dabei auf junge Wilde - sie haben die dritt- und viertjüngsten Kader der kommenden Saison. Und dass ein Durchmarsch aus der 3. Liga ins Oberhaus machbar ist, zeigte nicht zuletzt der SC Paderborn zwischen 2017 und 2019.

Dass sich womöglich im Mai 2022 dann wirklich auf die "beste 2. Liga aller Zeiten" zurückblicken lässt, wird also wohl nicht nur den Noch-Scheinriesen geschuldet sein.

Stand: 21.07.2021, 21:21

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