Bundesliga - das Geheimnis um die Impfquote

Die Spieler vom FC Augsburg bilden vorm Anstoß einen Kreis

Fußball | Coronafälle

Bundesliga - das Geheimnis um die Impfquote

Von Frank Hellmann

In der Bundesliga sind 94 Prozent der Spieler, Trainer und Betreuer geimpft, sagt die DFL. Die Sportschau hat sich bei den Klubs genauer umgehört - und stößt teilweise auf eine Mauer des Schweigens.

Aus guten Nachrichten wird in der Fußball-Bundesliga selten ein Geheimnis gemacht. Kaum ist die Anfrage an Dominik Schmitz, den Pressesprecher beim FC Augsburg verschickt, erfolgt auch schon die Antwort: "Bei uns sind alle Spieler geimpft." Doch das ist auch im Herbst 2021 noch nicht der Regelfall. Das zeigt eine Umfrage der Sportschau bei verschiedenen Vereinen.

Der 1. FSV Mainz 05 und Eintracht Frankfurt teilten fast gleichlautend mit: "Bei uns sind 98 Prozent aller Personen im Lizenzspielerbereich (Spieler, Trainer, Physios) geimpft." Sprich: Es gibt nur eine Person, die sich noch nicht hat impfen lassen. "Namen nennen wir natürlich keine", teilt die Mainzer Pressesprecherin Silke Bannick mit, "das müsste die betreffende Person selbst entscheiden."

So gut war die Impfquote bei den Nullfünfern bis zum Saisonstart nicht, als mehrere Coronafälle umfangreiche Quarantänemaßnahmen erforderlich machten: Die Rheinhessen traten nur mit einem Rumpfkader zum Auftakt gegen RB Leipzig (1:0) an, leisteten hinter den Kulissen viel Überzeugungsarbeit, die Profis zum Piks zu bewegen.

In Frankfurt ist die Lage besonders brisant

Ähnliches geschah bei Eintracht Frankfurt, wo es immer wieder einzelne Fälle seit Ausbruch der Pandemie gegeben hatte. Die Symbolwirkung der geimpften Spieler ist in Frankfurt nicht zu unterschätzen, da die Eintracht-Führung mit der Fanszene im Dialog steht, unter welchen Bedingungen die Zuschauer zurückkehren - die Ultras lehnten die Beschränkung auf die 2G-Regel kategorisch ab. Der Widerspruch ist ja nicht von der Hand zu weisen: Nur geimpfte oder genesene Fans dürfen ins Stadion, um dann möglicherweise ungeimpfte Kicker anzufeuern.

Nicht alle Vereine sind so auskunftsfreudig wie Augsburg, Mainz oder Frankfurt. Zuletzt hatte Christian Seifert, der scheidende Vorsitzende der Geschäftsführung der Deutschen Fußball-Liga (DFL), verraten, dass die Impfquote der Bundesliga bei 94 Prozent liege, darin seien aber Trainer und Mitarbeiter der Betreuerteams eingeschlossen. Zugleich äußerte Seifert sein Unverständnis darüber, "wenn man sich nicht impfen lässt."

Der größte Anteil der Nicht-Geimpften findet sich wohl unter den Spielern

Die Vermutung liegt bei den immer noch auftretenden Coronafällen nahe, dass der Anteil unter den Nicht-Geimpften bei den Spielern größer ist als bei den Betreuern. Bestätigen will das kein Klub auf Nachfrage. Ganz allgemein heißt es beispielsweise bei der TSG Hoffenheim: "Das Thema Impfung ist ein medizinisches, deshalb privat und wird von uns entsprechend vertraulich verhandelt. Selbstverständlich gibt es eine Impfempfehlung seitens des Klubs, die auch auf entsprechende Resonanz gestoßen ist." Das klingt, mit Verlaub, etwas vage.

Der RB Leipzig wartet mit einer langen Stellungnahme auf: Man habe frühzeitig allen Mitarbeitern - Profis, Verwaltung, Nachwuchs - ein Impfangebot unterbreitet. "Wir empfehlen grundsätzlich allen, sich impfen zu lassen." Diese Haltung bekräftigte am Montag (26.10.2021) auch RB-Trainer Jesse Marsch: "Meiner Meinung nach ist die Situation recht klar: Wenn mehr geimpft sind, ist die Gefahr durch das Virus weniger."

Leipzig teilt mit, man habe bei "unseren Profis und im Betreuerteam eine sehr hohe Impfquote erreichen können", könne aber konkrete Zahlen "angesichts mangelnder gesetzlicher Impfpflicht" nicht in der Öffentlichkeit preisgegeben. Ähnlich argumentiert der VfL Bochum, der auf das sensible Verhältnis zwischen Arzt und Patient "und die daraus resultierende Vertraulichkeit" verweist. Die Impfquote im und beim Team sei "sehr hoch".

Viele Vereine bleiben eine Antwort schuldig

Einige Klubs errichten bei der Thematik eine Mauer des Schweigens: Mit Hinweis auf Privatsphäre und Datenschutz blieben im Sommer bei Umfragen unter allen Erstligisten unter anderem Hertha BSC, VfL Wolfsburg, FC Bayern, Borussia Mönchengladbach, Arminia Bielefeld oder der SC Freiburg eine Antwort schuldig - teilweise auch jetzt wieder.

Genervt vom Thema scheint der von Corona besonders betroffene VfB Stuttgart, wo gleich sechs Spieler zuletzt positiv getestet worden sind. "Ich habe das Thema schon beerdigt, ihr nicht", sagte Trainer Pellegrino Matarazzo am vergangenen Freitag (21.10.2021) auf der Pressekonferenz.

Weder die Klubs noch die DFL sind zur Auskunft verpflichtet

Genau wie ein Fußballlehrer nicht die Aufstellung vor dem Spiel verraten wird, sind die Klubs nicht zur Auskunft verpflichtet, welche Profis geimpft sind und welche nicht. Weder die DFL noch der Deutsche Fußball-Bund (DFB) müssen den Impfstatus des Kaders bekannt geben, obwohl die Datenlage vorläge. Aus der unter DFB-Hoheit stehenden 3. Liga werden die Impfdaten alle zwei, drei Wochen aktualisiert abgefragt, bestätigt ein Klub aus Nordrhein-Westfalen, dabei käme es sehr wohl zu einer gesplitteten Erfassung von Spielern und dem Betreuerteam rund um die Mannschaft.

Öffentlich gemacht wird meist sofort, wenn Protagonisten trotz einer Impfung am tückischen Virus erkranken, wie unlängst Bayern-Trainer Julian Nagelsmann. Seit Joshua Kimmich bekannt hat, sich aus Furcht vor Langzeitschäden vorerst nicht impfen zu lassen, interessiert sich eine größere Öffentlichkeit für die Impfbereitschaft der Fußballer. Unter den dortigen Nicht-Geimpften ist nicht jeder gleich ein Corona-Leugner, da hat Kimmich fraglos Recht, aber es war im Sommer ein offenes Geheimnis, dass etliche Bundesliga-Profis nur schwer erreichbar sind.

Teilweise hänge dies auch mit religiösen und kulturellen Einstellungen zusammen, hieß es von Liga-Insidern. Nur angesprochen wurde die heikle Thematik nicht. Ähnlich gelagert das Problem in England: Dort berichtete die "Daily Mail" vor einigen Wochen, dass offenbar zwei Drittel der Spieler im Sommer noch nicht geimpft waren - und viele eine Impfung ablehnten. Darunter übrigens Stammkräfte aus dem englischen Nationalteam.

In England sind 69 Prozent der Profis komplett geimpft

Es wurden Klubmitarbeiter zitiert, die anonym über Verschwörungstheorien sprachen, die in den Kabinen angeblich weit verbreitet seien - von drohender Impotenz bis zur Kontrolle durch Bill Gates' Mikrochips. Die Premier League reagierte, schob mehrere Initiativen an. Auch Jürgen Klopp vom FC Liverpool mischte sich ein: "Ich möchte an diese Leute appellieren: Egal, ob sie Fußballer sind oder wer auch immer - die Impfstoffe wirken."

Inzwischen sind 69 Prozent der Premier-League-Profis vollständig gegen das Coronavirus geimpft, 81 Prozent haben die erste Spritze erhalten. Das gab die Liga vor einigen Tagen bekannt. "Die Impfquoten werden wöchentlich gesammelt, und die Liga arbeitet weiterhin mit den Klubs zusammen, um Spieler und Mitarbeiter der Vereine zur Impfung zu ermutigen", schrieb die Premier League in einem Statement.

Die Zahlen zeigen aber auch, wie viel Luft nach oben selbst in der Liga mit der größten globalen Reichweite - und damit auch Vorbildwirkung - noch besteht. Bedenkenträger wie Kimmich müssen nicht nur die öffentliche Debatte aushalten, sie könnten spätestens in einem Jahr noch mal vor einer Grundsatzentscheidung stehen. Bei der WM 2022 soll es Sonderregeln voraussichtlich nicht geben. Nach derzeitigem Stand dürfen dann nur vollständig geimpfte Profis spielen.

Stand: 26.10.2021, 15:05

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