Die EM und das Superstar-Problem

Kylian Mbappé (v.l.), Cristiano Ronaldo, Kevin de Bruyne und Robert Lewandowski hatten bei der EM keinen mannschaftlichen Erfolg.

Entscheidender Faktor Teamgeist

Die EM und das Superstar-Problem

Von Sebastian Hochrainer

Cristiano Ronaldo, Kevin De Bruyne, Kylian Mbappé und Robert Lewandowski mögen die besten Spieler sein, die bei der EURO angetreten sind, Erfolg hatten sie aber nicht. Weil die mannschaftliche Geschlossenheit diesmal entscheidend ist.

Es hat eine lange Zeit bei der EURO gedauert, bis Harry Kane zu seiner Form gefunden hat. In der Schlussphase des Achtelfinales gegen Deutschland erzielte Englands Topstürmer sein erstes Turniertor. Danach verhalf er beim 4:0 gegen die Ukraine seinem Team mit zwei Treffern ins Halbfinale. Dennoch gilt für England das gleiche wie für das ganze Turnier: Nicht die Superstars sind entscheidend, sondern das Kollektiv.

Das Team ist Trumpf

Dass England es soweit geschafft hat, ist in erster Linie ein Verdienst der Defensivarbeit. Torhüter Jordan Pickford hat noch keinen Gegentreffer hinnehmen müssen, er musste wegen der taktischen Disziplin seiner Vorderleute auch nur selten eingreifen. Kane hat sich eingegliedert und definiert sich nicht nur über seine Tore, der Kapitän arbeitet für die Mannschaft. "Es gibt kaum Teams mit so einem Spirit", sagt Coach Gareth Southgate.

Gleiches behaupten auch die anderen drei Teilnehmer des Halbfinales von sich. "Ich habe noch nie mit so einem Lächeln gespielt. Es ist, wie mit Freunden unter der Woche zu spielen. Er macht es möglich, dass wir unseren besten Fußball spielen", sagt Lorenzo Insigne über den Teamgeist, den Italiens Trainer Roberto Mancini geschaffen hat. Spaniens Coach Luis Enrique sagt wenig bescheiden über seine Mannschaft. "Wir sind beeindruckend." Am Dienstag (21 Uhr/ARD) spielen die beiden Teams den ersten Finalisten aus.

Eriksen gibt Dänemark Kraft - nur anders als sonst

Der vierte Halbfinalist Dänemark (Mittwoch um 21 Uhr gegen England) hat bei dem Turnier seine ganz eigene Geschichte geschrieben, der Zusammenbruch von Christian Eriksen im ersten Gruppenspiel gegen Finnland (0:1) hat die Mannschaft zusammengeschweißt. Jeder wisse seit diesem Tag, "dass wir den Menschen um uns herum vertrauen können", sagte Kapitän Simon Kjaer.

Dänemark hat es ohne das sportliche Mitwirken seines großen Stars ins Halbfinale geschafft. Er war aber mental entscheidend, weil die Mannschaft für ihren Mitspieler erfolgreich sein wollte. Wie bei England war es nicht die Leistung des besten Spielers, die entscheidend war, sondern der Auftritt des gesamten Teams. Und genau da lag das Problem der wohl besten Einzelkönner, die bei diesem Turnier angetreten sind, aber mit ihrer Nation kein Erfolg hatten.

Ronaldo dominiert Portugal weiter zu sehr

Portugal reiste mit einem Kader an, der gespickt war mit Spielern, die bei ihren Klubs herausragende Leistungen zeigen. Cristiano Ronaldo war der einzige von ihnen, der auch bei der EM überzeugte. Mit seinen fünf Toren führt er zwar nach wie vor die Torschützenliste an, aber das Zusammenspiel mit Diogo Jota, Bruno Fernandes und Bernardo Silva funktionierte nicht.

Das war auch im entscheidenden Moment bei den Belgiern der Fall. Das italienische Kollektiv hat es im Viertelfinale geschafft, Kevin De Bruyne nahezu komplett aus dem Spiel zu nehmen. Zwar überzeugte Romelu Lukaku, ohne die Mithilfe des vielleicht besten Mittelfeldspielers der Welt war er aber machtlos gegen die "Squadra Azzurra".

Nahezu auf sich allein gestellt war Robert Lewandowski. Der Weltfußballer erzielte immerhin drei Tore für Polen, besonders viel Unterstützung bekam er von seinen Kollegen jedoch nicht. Das Ergebnis: Für den vermeintlichen Geheimfavoriten war schon nach der Gruppenphase Schluss.

Frankreich scheitert an seiner Selbstverliebtheit

Der größte Anwärter auf den Titel war Frankreich. Wie gut der Weltmeister von 2018 ist, wenn er als Team funktioniert, musste die deutsche Nationalmannschaft erleben. Beim 1:0 trat die "Équipe Tricolore" als Einheit auf, arbeitete vor allem gut gegen den Ball. Im Achtelfinale gegen die Schweiz scheiterten die Franzosen aber besonders am fehlenden Teamgeist.

Kylian Mbappé, der Spieler mit den meisten Dribblings bei der EM, verzettelte sich in (erfolglosen) Einzelaktionen, Paul Pogba feierte sein Traumtor zum 3:1 so ausgelassen, dass er danach offenbar kaum noch Luft für seine Aufgaben hatte. "Ich habe keine Mannschaft gesehen. Wir haben es nicht verdient, weiterzukommen", urteilte der ehemalige Mittelfeldspieler Patrick Vieira.

Bei den vier Halbfinalisten gibt es keinen Spieler mit einer derart herausragenden Stellung, keinen Spieler, auf den man angewiesen ist. Selbst England käme ohne die Tore von Kane bestens zurecht. Dänemarks Toptorschütze Kasper Dolberg (drei Tore) stand sogar erst zweimal in der Startelf, bei Italien sind vier Akteure mit zwei Treffern am erfolgreichsten, bei Spanien drei Spieler mit der gleichen Ausbeute. Im Gegensatz zu Portugal, Frankreich, Belgien und Polen richtet es nicht ein einzelner Profi, sondern die gesamte Mannschaft - mit Erfolg.

Stand: 05.07.2021, 07:00

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