Endspiel bei der UEFA EURO 2020 Giorgio Chiellini - Spaß bei der Arbeit

Stand: 10.07.2021 07:30 Uhr

Italien braucht im EM-Finale gegen England und 60.000 Fans in Wembley auch Widerstandskraft und Gelassenheit. Beides verkörpert ihr Kapitän und Abwehrchef Giorgio Chiellini.

Von Christian Mixa

Giorgio Chiellini lässt sich schwer aus der Ruhe bringen, auch nicht von vorlauten Journalisten. Eine Reporterin des englischen "Guardian" übermittelte vor dem EM-Endspiel gegen England am Sonntag (11.07.2021) eine Anekdote aus dem Quartier der Italiener: Dort wurde Chiellini in der vergangenen Woche damit konfrontiert, dass er der erste Kapitän der "Squadra Azzura" sei, der ohne Verein dasteht.

Der Vertrag des 36-Jährigen bei Juventus Turin ist zum 30. Juni ausgelaufen. So wie bei Lionel Messi - wie die Fragestellerin schnell hinterherschob und den Sensationswert ihrer Aussage damit selbst relativierte. "Ja", antwortete Chiellini mit einem breiten Grinsen und freute sich über die Vorlage: "Und wir sind auch beide Linksfüßer."

Italiens Kapitän Chiellini - mehr als nur Fußball

Ein typischer Chiellini: schlagfertig, lässig, mit einem Schuss Selbstironie - denn natürlich würde niemand auf die Idee kommen, den famosen, aber fußballerisch doch eher rustikalen Abwehrchef mit dem größten Zauberfuß im Weltfußball zu vergleichen. Chiellinis wacher Geist ist bekannt, in den vergangenen Jahren gab es kaum eine Geschichte über ihn, in der nicht erwähnt wurde, dass er einen Master in Betriebswirtschaft hat. Von der Universität Turin, Abschlussnote summa cum laude - certo.

Er engagiert sich zudem im Sozialprojekt "Insuperabili", ein Netzwerk von Fußballschulen mit sonderpädagogischer Ausrichtung, ebenso bei der Initiative "Common Goal", wo er einen festen Teil seines Gehalts an Hilfsorganisationen abführt.

Jetzt schon legendär: Wortwechsel mit Jordi Alba

Im Fußball hat Chiellini mit seinen fast 37 Jahren viel erlebt. Zuletzt eine schwere Knieverletzung im Sommer 2019, seine Karriere schien fast beendet. Er kämpfte sich noch einmal zurück, Und genießt nun sichtlich die Rolle als Anführer des jungen, wiedererstarkten Italiens, und das nicht nur als "Capo", als Einpeitscher bei der Hymne.

Bei seinem wahrscheinlich letzten großen Turnier scheint es so, als schwebe er über den Dingen. Eines der Bilder dieses Turniers dürfte schon jetzt sein Wortwechsel mit Spaniens Jordi Alba gewesen sein, kurz vor dem Psychoduell im Elfmeterschießen, als Chiellini noch die Zeit fand, seinen Gegner auf die Schippe zu nehmen und ihm danach einen freundschaftlichen Schubser mitgab.

Gelassenheit vonnöten

Die Gelassenheit ihres schlachtenerprobten Kapitäns werden die Italiener gut gebrauchen können, wenn sie am Sonntag in Wembley gegen England antreten, vor 60.000 mutmaßlich berauschten englischen Fans. Ebenso wie sein Kämpferherz und seine Widerstandskraft. Zu Beginn der EURO hatten die Italiener ja noch mit furiosem, direktem Spiel nach vorne begeistert.

Zuletzt aber, vor allem im Halbfinale gegen den Dauerdruck der Spanier, kam der Erfolg erst mit einer Renaissance der gefürchteten, alt-italienischen Abwehrhärte. Immer noch das Spezialgebiet von Chiellini, dem laut "Guardian" "grinsenden Krieger", der sich seit mehr als 100 Länderspielen und 500 Spielen für Juve in die Zweikämpfe stürzt. Meist mit offenem Visier, ohne Rücksicht auf Verluste - davon zeugt der lädierte, mehrfach gebrochene Boxerzinken in Chiellinis Gesicht.

Natürlich hat er auch bei dieser EURO wieder Leonardo Bonucci neben sich, den anderen der zwei sogenannten Senatoren in Italiens Innenverteidigung, die das Zentrum weiter abriegeln und den kompletten Abwehrverbund zusammenhalten. Was den Veteranen an Schnelligkeit abgeht, machen sie mit ihrer großen Routine und Übersicht wett.

Mögliche Krönung im Wembley: "Wir spielen für ganz Italien"

Im EM-Finale wird Chiellini mit seinem 18. Einsatz voraussichtlich zu Italiens EM-Rekordspieler und sogar den ewigen Gianluigi Buffon überholen. "Davon träumen wir seit drei Jahren", sagte Italiens Kapitän vor dem Showdown in Wembley und rief nochmal die verpasste WM 2018 in Erinnerung: "Wir spielen für ganz Italien und hoffen, dass wir einen weiteren fantastischen Abend gemeinsam erleben können."

Neun Meistertitel hat er mit Juventus gewonnen, aber immer noch keinen großen internationalen Titel. Der EM-Triumph in Wembley wäre für ihn deshalb auch eine persönliche Krönung, nach 16 Jahren bei Juventus und bei der "Squadra". "Gewinnen ist mit 37 genauso schön wie mit 21", sagte Chiellini, um sich gleich selbst zu korrigieren: "Vielleicht genießt man es mit 37 mehr. Weil man weiß, wie schwierig alles ist und was dahintersteckt."