Schiedsrichter und Videobeweis - wer bei der EURO 2020 wann was entscheidet

Felix Brych beim Videobeweis

EURO 2020

Schiedsrichter und Videobeweis - wer bei der EURO 2020 wann was entscheidet

Von Chaled Nahar

Die EURO 2020 ist die erste EM mit Video-Assistent, der Ablauf ist derselbe wie in der Bundesliga oder im Europapokal. Zwei Unparteiische aus Deutschland sind dabei - und als vierte Offizielle erstmals eine Frau.

Brych und Siebert sollen EM-Spiele leiten

Bei der Berufung der Unparteiischen berücksichtigte die UEFA mit Felix Brych und Daniel Siebert zwei Schiedsrichter aus Deutschland. Während es für Siebert das erste große Turnier ist, hat Brych schon die vierte große Endrunde vor sich - nach der WM 2014, der EM 2016 und der WM 2018. Hinzu kamen die Olympia-Teilnahme in London 2012 und der Confed Cup in Brasilien 2013.

Siebert befindet sich nicht in der Elite-Gruppe der UEFA, was keine gute Botschaft für drei andere deutsche Unparteiische ist.

UEFA beruft die deutsche Nummer eins - und eine Überraschung

Schiedsrichter Daniel Siebert soll bei der EURO 2020 Spiele leiten.

Schiedsrichter Daniel Siebert soll bei der EURO 2020 Spiele leiten.

Dass die UEFA mit Brych die deutsche Nummer eins und mit Siebert wohl eher die deutsche Nummer fünf berief, ist eine Überraschung und für Felix Zwayer, Deniz Aytekin und Tobias Stieler keine gute Nachricht. Denn diese drei befinden sich im Gegensatz zu Siebert in der Elite-Gruppe der UEFA.

Aytekin wurde zuletzt ohnehin kaum noch für internationale Spiele berufen. Zwayer hatte in diesem Jahr nur ein Spiel in der Champions League und ist zur EM nicht mal als Video-Assistent berufen worden. Stieler hatte in dieser Saison zunächst die ganz großen Spiele wie Barcelona gegen Juventus oder Liverpool gegen Ajax bekommen - nun ist er doch außen vor. Gründe für die Entscheidungen nennt die UEFA nicht.

Brych wird von Markus Borsch und Stefan Lupp assistiert. Die Assistenten von Daniel Siebert sind Jan Seidel und Rafael Foltyn.

Ein Schiedsrichter aus Argentinien ist dabei

Außerdem bemerkenswert: Mit Fernando Rapallini wird ein Schiedsrichter aus Argentinien Spiele pfeifen. Die Beziehungen zwischen der UEFA und der südamerikanischen Konföderation CONMEBOL sind seit Jahren eng, und das Austauschprogramm geht in beide Richtungen: Der Spanier Jesus Gil Manzano soll mit seinem Team Spiele bei der Copa America leiten. "Das wird beide Wettbewerbe bereichern", sagte UEFA-Präsident Aleksander Ceferin in einer Mitteilung.

Schiedsrichter EURO 2020
SchiedsrichterLand
Felix BrychDeutschland
Daniel SiebertDeutschland
Istvan KovacsRumänien
Ovidiu Alin HateganRumänien
Bjorn KuipersNiederlande
Danny MakkelieNiederlande
Antonio Miguel Mateu LahozSpanien
Carlos Del Cerro GrandeSpanien
Anthony TaylorEngland
Michael OliverEngland
Cüneyt CakirTürkei
Andreas EkbergSchweden
Daniele OrsatoItalien
Orel GrinfeldIsrael
Artur Manuel Ribeiro Soares DiasPortugal
Sergei KarasevRussland
Clement TurpinFrankreich
Slavko VincicSlowenien
Fernando RapalliniArgentinien

Mit der Französin Stephanie Frappart ist erstmals eine Frau in den Teams der Unparteiischen dabei - als vierte Offizielle. Sie hatte zuletzt mehrere Länderspiele und Europapokalspiele der Männer geleitet.

Welche Aufgaben es gibt und was bei Ausfällen passiert

Jedes Team besteht aus neun Personen:

  • Hauptschiedsrichter
  • Zwei Assistenten
  • Ein vierter Offizieller/eine vierte Offizielle
  • Ein Reserve-Assistent
  • Vier Video-Assistenten (drei mit speziellen Aufgaben, beispielsweise Abseits)

Das Trainingscamp der Schiedsrichter befindet sich ab dem 7. Juni in Istanbul. Nach dem Viertelfinale ziehen die verbliebenen Unparteiischen nach London um. Die Teams müssen jeweils einen Tag vor der Partie am jeweiligen Spielort eingetroffen sein.

Bei der EURO werden bereits die Spielregeln der Saison 2021/22 genutzt. Wichtigste Änderung: Eine Ballberührung mit der Hand oder dem Arm ist bei einer Torvorbereitung nicht mehr automatisch unabhängig von einer Absicht Handspiel.

Bei Ausfällen einzelner Team-Mitglieder gilt:

  • Wenn der Schiedsrichter ausfällt, wird er durch den vierten Offiziellen/die vierte Offizielle ersetzt.
  • Wenn einer der beiden Assistent ausfällt, wird er durch den vierten Offiziellen/die vierte Offizielle oder den Reserve-Assistenten ersetzt.
  • Im Notfall kann auf den vierten Offiziellen/die vierte Offizielle am Spielfeldrand verzichtet werden.

Video-Assistent: Der "Kölner Keller" steht bei der EM in Nyon

Der Raum für die Video-Assistenten in der UEFA-Zentrale in Nyon/Schweiz

Der Raum für die Video-Assistenten in der UEFA-Zentrale in Nyon/Schweiz

Der Video-Assistent kommt erstmals bei einer EM zum Einsatz. Was in Deutschland der "Kölner Keller" ist, wird bei der EM eine ähnliche Einrichtung in der UEFA-Zentrale in Nyon in der Schweiz sein. Der Video-Assistent ist für die Kommunikation mit dem Schiedsrichter bei Zwischenfällen verantwortlich. Bei jedem der 51 EM-Spiele stehen dem Video-Assistenten drei weitere Assistenten zur Seite. Der erste verfolgt während dessen den weiteren Verlauf des Spiels, der zweite ist für die Erkennung von potenziellen Abseitsstellungen verantwortlich, der dritte behält im Hintergrund unterstützend den Überblick. Drei sogenannte Opratoren stellen das Bildmaterial bereit.

"Unser Ziel ist, dass die Video-Assistenten vorsichtig, klar und einheitlich eingreifen", sagte der Schiedsrichterchef der UEFA, Roberto Rosetti in einer Mitteilung.

Vier Video-Assistenten aus Deutschland dabei

Aus Deutschland sind vier Schiedsrichter an den Bildschirmen vorgesehen: Bastian Dankert, Christian Dingert, Marco Fritz und Christian Gittelmann. Sie und die 18 anderen Video-Assistenten werden mit zahlreichen Perspektiven arbeiten, um mögliche Fehlentscheidungen zu verhindern.

Der grobe Ablauf

Der VAR hat zwei Anlässe zum Eingriff:

  1. Fehlerhafte Wahrnehmung des Schiedsrichters: Das ist der berühmte "klare und offensichtliche Fehler". In einem solchen Fall soll der Video-Assistent dem Schiedsrichter die Ansicht der Bilder empfehlen.
  2. Fehlende Wahrnehmung des Schiedsrichters: Der VAR soll außerdem zum Monitor bitten, wenn der Schiedsrichter eine entscheidende Szene überhaupt nicht wahrgenommen hat und die Bilder ihm den ersten Eindruck geben können.

Der VAR darf nur in diesen vier Situationen eingreifen:

  • Tore und Vorfälle, die zu einem Tor führen
  • Strafstoßentscheidungen und Vorfälle, die solchen vorausgehen
  • Vorfälle, die zu glatt Roten Karten führen
  • Die Verwechslung von Spielern bei persönlichen Strafen
  • Ausgeschlossen ist ein Eingriff bei falsch entschiedenen Freistößen oder falsch ausgeführten Einwürfen, Eckstößen und Freistößen

Der genau Ablauf ist im VAR-Protokoll des IFAB geregelt.

Wichtig: Ist es eine faktische Entscheidung oder interpretierbar?

Der Schiedsrichter kann sich ohne Ansicht der Bilder auf ein Urteil des VAR verlassen, wenn es um klare Ja/Nein-Fragen geht: grundsätzliche Abseitsstellungen, ob ein Ball zuvor im Aus war, ob ein Foul wirklich innerhalb des Strafraums stattfand oder ob ein falscher Spieler bestraft wurde.

Alle Entscheidungen, die sich in Grauzonen befinden können, soll der Schiedsrichter am Bildschirm hinter der Seitenline - der "Review Area" klären. Das gilt für Fouls, Handspiele oder beispielsweise die Frage, wer bei einer Abseitsstellung zuletzt am Ball gewesen ist oder ob sich ein Spieler im passiven oder aktiven Abseits befand.

Auch klar ist, wie weit der Video-Assistent "zurückspulen" darf: Per Videobeweis geklärt werden Fälle, die in der "Angriffsphase" mit weitgehendem Ballbesitz stattfanden, die zu einem Tor/Strafstoß führte.

Grundsätzlich hat der Schiedsrichter im Zweifel immer das letzte Wort.

Stand: 04.06.2021, 20:31

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