Englischer Fußball bekommt die Stehplätze zurück

Fans in der Safe-Standing-Methode im Tottenham Hotspur Stadium

Gesetzesänderung

Englischer Fußball bekommt die Stehplätze zurück

Von Hendrik Buchheister (Manchester)

Seit Jahren setzen sich Fans in England für die Rückkehr von Stehplätzen ein. Jetzt gab die Regierung grünes Licht.

Um für die Zukunft gerüstet zu sein, haben die großen Vereine der Premier League im Sommer nicht nur ihre Kader für viel Geld umgebaut, sondern auch Veränderungen an ihren Stadien vorgenommen. Rekordmeister Manchester United, Meister Manchester City, Champions-League-Sieger FC Chelsea und der FC Liverpool haben die spielfreie Zeit genutzt, um in einigen Sektoren ihrer Spielstätten sogenanntes "Rail Seating" zu installieren, also Klappsitze mit Geländer, die sich leicht in Stehplätze umwandeln lassen, bekannt aus der Bundesliga. Genauso, wie es Tottenham Hotspur und die Wolverhampton Wanderers schon vor einer Weile getan haben.

Den Grund für die Maßnahme benannte am deutlichsten der FC Chelsea: "Wir haben uns entschieden, jetzt zu handeln, um auf eine künftige Entscheidung der Regierung vorbereitet zu sein, Stehplätze in Premier-League-Stadien einzuführen."

Stehplätze seit der Hillsborough-Katastrophe verbannt

Diese Entscheidung, die sich seit Monaten angebahnt hatte - sie ist jetzt gefallen. Das gab die für Sicherheit in Fußballstadien zuständige Sports Grounds Safety Authority (SGSA) am Mittwoch (22.09.2021) bekannt. Die Fußballvereine der englischen Premier League und die Klubs der zweitklassigen Championship dürfen ab dem 1. Januar 2022 unter bestimmten Voraussetzungen eine begrenzte Anzahl von Stehplätzen im Stadion anbieten.

Der Schritt ist Teil eines Pilotprojekts. Um daran teilzunehmen, müssen sich die Klubs bis zum 6. Oktober bewerben.

Katastrophe im Hillsborough-Stadion als Wendepunkt

Im angeblichen Mutterland des Fußballs und der Fan-Kultur waren Stehplätze seit Mitte der 1990er verbannt. Anlass dafür war die Katastrophe im Hillsborough-Stadion in Sheffield im April 1989. Beim Halbfinale des FA-Cups zwischen dem FC Liverpool und Nottingham Forest kam es auf der Tribüne der Liverpool-Fans wegen Überfüllung zu einer Massenpanik. Viele, vor allem junge Menschen wurden erdrückt. Vor wenigen Monaten starb ein Liverpool-Fan an den Langzeitschäden, die er in Hillsborough erlitten hatte. Er ist offiziell das 97. Todesopfer der Katastrophe.

Mittlerweile ist geklärt, dass Fehler der Polizei zu dem Desaster geführt haben. Damals allerdings wurde angeblich randalierenden Liverpool-Fans die Schuld gegeben, unter Mithilfe der englischen Boulevardpresse, allem voran der "Sun". Diese Deutung passte in eine Zeit, in der der Hooliganismus in England blühte und Fußball-Fans öffentlich einen verheerenden Ruf hatten. Die konservative Premierministerin Margaret Thatcher verfügte, dass alle Stadien in der ersten und zweiten Liga Englands künftig reine Sitzplatz-Arenen zu sein hatten.

Fußball dramatisch verändert

Zwei City-Fans sitzen im Etihad Stadium in der Safe-Standing-Methode

Die Verbannung der Stehplätze fiel zeitlich zusammen mit der Gründung der Premier League. Diese veränderte den englischen Fußball dramatisch. Er wurde vom Spiel der Arbeiterklasse zum internationalen Milliardengeschäft. Englands Stadien werden mittlerweile vor allem von Besserverdienern besucht. Darunter hat die Stimmung gelitten. Wer heutzutage aus Deutschland anreist, um bei einer x-beliebigen Premier-League-Partie die berühmte englische Atmosphäre zu spüren, kehrt in der Regel desillusioniert zurück.

Sitze mit Geländer

Seit Jahren schon setzen sich Fan-Aktivisten in England für die Rückkehr der Stehplätze ein, um die Stimmung zu verbessern. Außerdem hoffen sie, dass durch Stehplätze ein Teil der Eintrittskarten günstiger wird. Die Fans argumentieren mit der Wirklichkeit. Diese sieht so aus, dass in einigen Bereichen der englischen Stadien ohnehin gestanden wird, vor allem hinter den Toren und im Gästeblock. Die Ordner drücken ein Auge zu.

Um das Stehen sicherer zu machen, so die Sicht der Stehplatz-Befürworter, sollten in diesen Zonen Sitze mit Geländer installiert werden – so würde verhindert, dass stehende Zuschauer beim Torjubel über die flachen Sitzschalen fallen würden. Zudem haben Zuschauer weiterhin die Möglichkeit, sich im Stehplatzbereich zu setzen. Diese Argumentation hat sich jetzt durchgesetzt.

Emotionale Diskussion

Die Safe-Standing-Methode in Wimbledon

Die Rückkehr der Stehplätze in England ist ein Sieg des Pragmatismus. Praktisch ändert sich in den Stadien nicht viel. Nur, dass die Fans, die ohnehin stehen, das neuerdings auch offiziell dürfen. Dass es bis zu einer Lösung so lange gedauert hatte, liegt auch daran, dass das Thema wegen der Hillsborough-Katastrophe extrem emotional diskutiert wird. Die Familien der Todesopfer, die insbesondere im Kosmos des FC Liverpool eine wichtige Stimme sind, haben sich immer wieder öffentlich gegen die Rückkehr von Stehplätzen ausgesprochen.

Doch selbst bei dem Klub von der Anfield Road ist die Haltung in den vergangenen Jahren gekippt. Schon 2017 sprachen sich bei einer Umfrage des Fan-Dachverbands "Spirit of Shankly" 88 Prozent der Teilnehmer für die Einführung sicherer Stehplätze aus.

Politiker auf Wählerfang

Auch die Politik hat festgestellt, dass sich Fan-Themen eignen, um Wähler zu gewinnen. Vor den Parlamentswahlen 2019 hatten alle Parteien die Einführung von Stehplätzen in ihrem Wahlprogramm – und es hat eine gewisse Ironie, dass ausgerechnet die Konservativen von Premierminister Boris Johnson das Dekret der reinen Sitzplatz-Stadien von Margaret Thatcher rückgängig machen.

Neben der Bundesliga dient übrigens Schottland als Vorbild. Der FC Celtic aus Glasgow führte schon vor fünf Jahren Stehplätze in einer Sektion des Celtic Parks ein.

Stand: 22.09.2021, 13:47

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