Die englischen Fußballerinnen um Kapitänin Leah Williamson jubeln.
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Wer holt den Titel? Die Topteams der EM im Favoritencheck

Stand: 06.07.2022 08:39 Uhr

Gastgeber England, Titelverteidiger Niederlande - oder vielleicht doch Rekord-Europameister Deutschland? Die Sportschau nimmt im Favoritencheck die vermeintlich besten Teams bei der Euro in England unter die Lupe und gibt eine Titel-Prognose ab.

Von Ines Bellinger

England - Himmelhohe Erwartungen an die Gastgeberinnen

Eröffnungsspiel im Old Trafford, Finale in Wembley - und England will bei beiden Highlights dabei sein. Die Erwartungen im Mutterland des Fußballs wachsen in den Himmel. Die Frage ist, ob die zweifellos favorisierten "Lionesses" den Ansprüchen standhalten.

England gehört auf Clubebene zu den Vorreitern im modernen Frauenfußball, die Nationalmannschaft hat allerdings noch keinen großen Titel geholt, obwohl inzwischen fast alle Auswahlspielerinnen bei Topclubs auf der Insel kicken und nicht mehr im Ausland. Bestes Ergebnis bisher: Platz drei bei der WM 2015 in Kanada.

Wie man Titel gewinnt, weiß Trainerin Sarina Wiegman, die mit den Niederlanden 2017 Europameisterin wurde und im September 2021 als englische Teamchefin auf Phil Neville folgte. Größter Trumpf der Engländerinnen ist sicherlich die eingespielte Abwehr um Lucy Bronze, Weltfußballerin von 2020. Auch im Mittelfeld (Jill Scott, Fran Kirby) und Angriff (Ellen White, Nikita Parris) ist Erfahrung Trumpf.

Wiegman hat aber auch aufstrebende Spielerinnen integriert: wie Georgia Stanway, Ella Toone oder Torjägerin Lauren Hemp - allesamt vom Super-League-Dritten Manchester City, der mit neun Kickerinnen auch das Gerüst des Teams stellt.

Christoph Prössl, Sportschau, 04.07.2022 14:06 Uhr

Wenige Tage vor dem EM-Start wurde Titelverteidiger Niederlande in Leeds unerwartet deutlich mit 5:1 geschlagen. Von Österreich, Norwegen und Nordirland sollte in der Vorrunde keine Stolpergefahr drohen.

Titel-Prognose: Top-Favorit

Niederlande - als Turniermannschaft zum Erfolg?

Europameister 2017, Vize-Weltmeister 2019 - die Niederlande gehören seit gut fünf Jahren zu den Top-Teams. Natürlich zählt der Titelverteidiger auch in England wieder zu den Anwärtern auf Europas Krone, doch die Gegebenheiten sind speziell. Trainerin Wiegmann, die die Niederländerinnen in die Weltspitze geführt hat, führt inzwischen das Team der Gastgeberinnen. Und "Oranje"-Coach ist ein Engländer - Mark Parsons.

Der 35-Jährige ist ein ausgewiesener Frauenfußball-Experte, arbeitete für den FC Chelsea, bevor er in die starke US-Frauenliga wechselte und mit den Portland Thorns sehr erfolgreich war. Parsons glaubt, dass die Niederlande als Team noch nicht perfekt aufeinander abgestimmt seien.

Die derbe 1:5-Niederlage im Test gegen England unterstrich seine Einschätzung. Der Coach vertraut aber darauf, dass "Oranje" stark genug ist, die Vorrundengruppe mit Schweden, Portugal und der Schweiz zu überstehen und sich im Laufe des Turniers immer besser einzuspielen.

Niederländische Spielerinnen bejubeln ein Tor im Testspiel gegen England in Leeds.

Beim 1:5 im EM-Test gegen England in Leeds konnten die Niederländerinnen nur über das 1:0 von Lieke Martens jubeln.

Individuelle Qualität ist im Überfluss vorhanden: Vivianne Miedema erzielt Tore am Fließband - in Szene gesetzt von der Flügelzange Lieke Martens und Jill Roord. Dominique Janssen hält wie beim VfL Wolfsburg die Abwehr zusammen und im Mittelfeld zieht die erfahrene Sherida Spitse die Fäden. Neuer Stern am Himmel: Victoria Pelova von Ajax Amsterdam.

Titel-Prognose: Mitfavorit

Spanien - Mit Tiki-Taka, aber ohne Weltfußballerin Putellas

In Spanien hat sich auf Clubebene neben England in den vergangenen Jahren am meisten bewegt. Alle großen Clubs haben inzwischen Frauenteams, Meister FC Barcelona, Real Sociedad oder Real Madrid füllen selbst große Stadien wie das Camp Nou.

Legt man den Aufschwung in der Liga und die Erfolge des FC Barcelona zugrunde, zählt der deutsche Gruppengegner zu den ganz heißen Titelanwärtern in England - auch wenn bislang überhaupt nur zwei Endrunden-Teilnahmen bei WM und drei bei EM auf der Habenseite stehen. Das Halbfinale bei der EM 1997 war der größte Erfolg.

Doch die Stimmung bei den Spanierinnen ist gedrückt. Nach Rekordtorschützin Jennifer Hermoso (45 Treffer), die vom FC Barcelona zum mexikanischen Club Pachuca wechselt, fällt auch ihre vormalige Teamkollegin Alexia Putellas wegen einer Knieverletzung aus. Die Weltfußballerin hat sich kurz vor dem Turnierstart einen Kreuzbandriss zugezogen.

Ob die technisch starke und taktisch gereifte Mannschaft von Nationaltrainer Jorge Villa, gleich beide Ausfälle verkraften kann? Zweifellos ist immer noch viel Qualität vorhanden. Die Hoffnungen ruhen nun auf Irene Paredes und Sandra Paños. In der Qualifikation zur EM erzielten die Spanierinnen in acht Spielen 48 Tore - genauso viele wie Dänemark und die Niederlande, die jedoch zwei Spiele mehr bestritten.

Titel-Prognose: Mitfavorit

Frankreich - Noch ohne großen Titel

Eine Grande Nation ist Frankreich auch im Frauenfußball - Olympique Lyon hat gerade zum achten Mal die Champions League gewonnen und gilt als Topadresse auf Clubebene. Aber für die Equipe Tricolore gilt dasselbe wie für England: Die Nationalmannschaft hat noch keinen großen Titel gewonnen.

Bei den vergangenen drei Europameisterschaften und zwei WM-Endrunden schieden die Französinnen jeweils im Viertelfinale aus. Bei großen Turnieren gelangen ihnen ganze zwei Siege in K.o.-Spielen.

Größter Trumpf ist die Offensivkraft: Kadidiatou Diani und Delphine Cascarino bringen Tempo ins Spiel, Marie-Antoinette Katoto schießt die Tore, ist aber auch eine effiziente Passgeberin.

Die französische Fußball-Nationalspielerin Delphine Cascarino (r.) behauptet den Ball im WM-Qualifikationsspiel gegen Wales.

Delphine Cascarino (r.) von Olympique Lyon ist die Vorlagengeberin Nummer eins im französischen Team.

Eine bemerkenswerte Vita hat Nationaltrainerin Corinne Diacre. Die ehemalige Nationalspielerin erwarb als erste Frau in Frankreich die höchste Trainerlizenz und trainierte drei Jahre erfolgreich das Zweitliga-Männer-Team Clermont Foot, ehe sie im September 2017 zur Nationaltrainerin der Frauen berufen wurde. Diacre lässt ihre Mannschaft im 4-3-3-System spielen.

Obwohl ihre Zusammenarbeit nicht von Anfang an so gut funktionierte, ist ihr verlängerter Arm auf dem Platz Wendie Renard. Die auf Martinique geborene Kapitänin ist nicht nur wegen ihrer Körpergröße (1,87 m) eine Ausnahmeerscheinung im internationalen Frauenfußball. Die von ihr dirigierte Abwehr beendete die Qualifikation für die Endrunde in England ohne Gegentor. Frankreich hat seit April 2021 zwölf Siege in Serie eingefahren. Unter Diacre gab es in fünf Jahren erst fünf Niederlagen.

Titel-Prognose: Mitfavorit

Schweden - Aus Erfahrung gut

Der erste Europameister der Geschichte im Frauenfußball (1984) ist irgendwie immer vorne dabei und doch nie ganz oben. Als einziges europäisches Frauenteam nahmen die Schwedinnen an allen EM-, WM- und Olympia-Turnieren teil. In der Weltrangliste belegen sie Rang zwei, bei der WM 2019 in Frankreich besiegten sie England im Spiel um Platz drei. Bei den vergangenen beiden Olympia-Turnieren blieb ihnen "nur" Silber.

In die Waagschale wirft Schweden vor allem Erfahrung. Torhüterin Hedvig Lindahl, Abwehrspielerin Linda Sembrant und die Offensivkräfte Kosovare Asllani und Sofia Jakobsson haben alle schon weit über hundert Länderspiele bestritten - Kapitänin Caroline Seger sogar mehr als 200.

Daneben kann der ehemalige Hammarby-Profi Peter Gerhardsson auf internationale Topspielerinnen wie Fridolina Rolfö (FC Barcelona), Stina Blackstenius (Arsenal), Magdalena Eriksson (Chelsea) oder Hanna Glas (Bayern München) zurückgreifen.

Die einst starke schwedische Frauenliga hat viel von ihrer Anziehungskraft verloren. Nur fünf Spielerinnen aus dem aktuellen EM-Aufgebot sind in der Damallsvenskan aktiv. Für das Nationalteam sollte das aber kein entscheidender Nachteil sein, denn die meisten spielen schon lange zusammen und Teamgeist wird in Schweden schon immer groß geschrieben.

Titel-Prognose: gute Chancen

Deutschland - Titelsammlerinnen a.D.

Acht EM-Titel hat das DFB-Team bereits gewonnen, der letzte Erfolg liegt mittlerweile aber neun Jahre zurück. 2016 folgte noch der Olympiasieg in Brasilien. Danach schien der zweimalige Weltmeister mit dem Viertelfinal-Aus bei der EM 2017 und der WM 2019 den Anschluss an die Weltspitze verloren zu haben.

Martina Voss-Tecklenburg setzte jedoch einen langfristigen Entwicklungsprozess mit jungen Spielerinnen in Gang, der auf fruchtbaren Boden zu fallen scheint. "Die Leistungsdichte in unserem Kader ist hoch", sagt die Bundestrainerin. Aber reicht das Niveau für ganz oben? 

Eine Baustelle besteht nach wie vor in der Defensive, in der zwar mittlerweile mehr Fußballerinnen stehen, die auch in der Spieleröffnung stark sind. In den Schnittstellen fehlt es aber häufig an der Feinabstimmung, wie die unerwartete 2:3-Niederlage in der WM-Qualifikation gegen Serbien zeigte.

In der Offensive besteht ein Überangebot an kreativen, dribbelstarken Fußballerinnen. Spielerinnen mit einer starken Physis wie Alexandra Popp und Lena Oberdorf sind derzeit aber Mangelware, im Vergleich zu Teams wie England oder Schweden könnte das ein entscheidender Nachteil sein.

Fußball-Nationalspielerin Giulia Gwinn (l.) im Laufduell mit der Schweizerin Rachel Rinast.

Außenverteidigerin Giulia Gwinn dürfte im DFB-Team gesetzt sein.

Die Rückkehr von Kapitänin Popp nach langer Verletzungspause ist sicherlich ein Segen für das deutsche Team. Die Versetzung von Almuth Schult, einer weiteren Wortführerin, ins zweite Glied war vielleicht die erste wirklich schwierige Personalentscheidung der Bundestrainerin. Auf Merle Frohms lastet nicht nur deshalb großer Druck. Die Ex- und Bald-wieder-Wolfsburgerin bestreitet ihr erstes Turnier als Nummer eins.

Insgesamt gleicht das DFB-Team einer Wundertüte. Zwischen Ausscheiden in der starken Vorrundengruppe mit Spanien, Dänemark und Finnland bis zur Finalteilnahme scheint alles möglich.

Titel-Prognose: Wundertüte

Dieses Thema im Programm: Das Erste | Sportschau | 06.07.2022 | 20:15 Uhr