FIFA-Präsident Gianni Infantino

FIFA WM 2022 Die Zukunft der FIFA heißt Gianni Infantino - zumindest bis 2027

Stand: 25.11.2022 18:11 Uhr

Dänemark sprach von einem Austritt aus der FIFA, der DFB sieht sich "in Opposition" zu Präsident Gianni Infantino - doch der wird den Weltverband wohl mindestens bis 2027 prägen.

Die Unzufriedenheit ist nur in wenigen Verbänden groß, Infantinos Wiederwahl gilt als sicher. Warum das so ist und kaum jemand sich in der Lage sieht, daran etwas zu ändern: Fragen und Antworten zur Zukunft der FIFA.

Können Verbände die FIFA einfach verlassen?

Ein Nationalverband, der aus der FIFA austreten möchte, kann dies tun. Der Austritt muss laut aktueller FIFA-Statuten aber sechs Monate vor Jahresende eingereicht werden, also wäre aktuell 2024 das Jahr, in dem die FIFA Verbände verlieren könnte.

Jesper Möller, Präsident von Dänemarks Verband DBU sprach öffentlich von einem Austritt. Man habe darüber mit anderen Verbänden aus Skandinavien gesprochen, es sei aber keine Entscheidung gefallen. Wenig später bestätigte ein Pressesprecher zwar die Unzufriedenheit des dänischen Verbands mit der FIFA-Führung, nannte die Berichte über einen Austritt Dänemarks aus der FIFA aber ein "Missverständnis". Klar ist: Die Konsequenzen eines Austritts wären groß, der Nutzen wäre es zunächst nicht.

Welche Konsequenzen hätte ein Austritt?

Sollte ein Nationalverband austreten, könnte er vor allem nicht mehr an den Weltmeisterschaften teilnehmen. Das würde für die Männer genauso wie für die Frauen und die Jugendteams gelten.

Eine Loslösung aus den FIFA-Strukturen würde den Verband in dem jeweiligen Land eine Menge Geld kosten, die Zuwendungen der FIFA aus den hohen Einnahmen der Männer-WM würden dann ausbleiben.

Wäre ein Weltfußball ohne FIFA denkbar?

Im Boxen gibt es drei Weltverbände, im Basketball finden europäische Wettbewerbe außerhalb der Verbandsstrukturen statt und auch im Fußball wäre so etwas theoretisch denkbar.

Ein weiteres Hemmnis neben dem Geld allerdings: Die organisatorische Rolle der FIFA ist immens. Beispielsweise werden internationale Spielertransfers, zahlreiche Wettbewerbe und der internationale Spielkalender mit den Länderspielfenstern von der FIFA reguliert.

Vor allem aber fehlt es an einem breiten internationalen Wunsch nach einem Ausbruch aus der FIFA. Der größte Teil der FIFA-Mitglieder unterstützt Präsident Infantino. Die Einnahmen steigen seit Jahren, ab 2026 gibt es 16 WM-Teilnehmer mehr - das sorgt weltweit weitgehend für Zufriedenheit.

Kann Infantino sein Amt bei der Wahl 2023 verlieren?

Das ist mittlerweile so gut wie ausgeschlossen. Die FIFA hat am 30. März 2022 gemäß ihrer Statuten zur Nominierung von Kandidaten für den FIFA-Kongress am 16. März 2023 in Ruandas Hauptstadt Kigali aufgerufen. "Alle FIFA-Mitgliedsverbände sind dazu eingeladen, Kandidaten für das Amt des FIFA-Präsidenten gemäß der Fristen vorzuschlagen", hieß es. Die Frist endete laut Statuten vier Monate vor dem Kongress, also am 16. November 2022. Niemand wurde vorgeschlagen - außer Infantino.

"Es gibt nur einen Kandidaten und wir müssen sehen, ob es doch noch einen neuen Kandidaten gibt. Denn es ist noch etwas Zeit", sagte Dänemarks Verbandspräsident Möller acht Tage nach Fristablauf. "Wir müssen jetzt reagieren. Und wir haben das Gefühl, dass wir das wirklich müssen." Eine Erkenntnis, die spät gereift ist - und den Statuten zufolge wohl zu spät. Infantino gibt sich bereits als Sieger und sagte in einer Mitteilung: "Ich fühle mich demütig und geehrt, der globalen Fußballgemeinschaft in den nächsten vier Jahren dienen zu können."

Neuendorf: "Sind in Opposition zur FIFA"

Lea Wagner, Sportschau, 23.11.2022 10:05 Uhr

Neben Dänemark wollen auch der Deutsche Fußball-Bund (DFB) und Norwegen Infantino bei seiner Wiederwahl nicht unterstützen. DFB-Präsident Bernd Neuendorf sprach nach der Posse um die "One Love"-Kapitänsbinde davon, "in Opposition" zur FIFA zu stehen. Damit sind diese drei Verbände absolute Ausnahmen. Einen Gegenkandidaten zu Infantino präsentiert aber auch der DFB nicht.

211 Mitglieder hat die FIFA zurzeit, nach Angaben des Weltverbands haben mehr als 200 davon ihre Unterstützung für Infantino angekündigt. Selbst in Südamerika und in Teilen der UEFA - beide waren bei vielen Themen zuletzt Gegenspieler Infantinos - gibt es keinen Widerspruch.

Auf Druck der FIFA entscheiden sich große Fußballverbände Europas dagegen, die "One Love"-Kapitänsbinde zu tragen. FIFA-Präsident Gianni Infantino hat damit eine Schlacht im Machtkampf gegen Europa gewonnen.

Warum kandidiert niemand gegen Infantino?

Ein Grund ist die Chancenlosigkeit angesichts der breiten Unterstützung für Infantino. "Einen Gegenkandidaten ins Rennen zu schicken, der keine Chance hat, wäre sinnlos gewesen", sagte DFB-Präsident Bernd Neuendorf. Infantinos Rückhalt sei bekannt. Mit dem offiziellen Entzug der Unterstützung habe der DFB aber ein Zeichen setzen wollen, so Neuendorf. Mehr Zeichen als dieses gibt es nicht, eben auch nicht in Form einer Person, die sich gegen Infantino aufstellen lässt.

Norwegens Verbandspräsidentin Lise Klaveness äußerte ihr Bedauern, dass es keinen Gegenkandidaten gibt. Der norwegische Verband (NFF) habe "viele Versuche" unternommen, jemanden zur Kandidatur zu bewegen - doch alle hätten abgelehnt, sagte sie. Sie selbst wollte auch nicht.

DFB-Präsident Bernd Neuendorf (r.) mit FIFA-Präsident Gianni Infantino

DFB-Präsident Bernd Neuendorf (r.) mit FIFA-Präsident Gianni Infantino

Wie lange kann Infantino Präsident bleiben?

Die aktuellen Statuten, an denen Infantino nach seinem Amtsantritt 2016 mitgewirkt hat, sehen maximal drei Amtszeiten für den Präsidenten vor. Ab 2016 führte Infantino die Wahlperiode des zurückgetretenen Sepp Blatter zu Ende, 2019 wurde er für vier Jahre wiedergewählt und das soll nun 2023 bis 2027 nochmal passieren. In den Statuten ist allerdings die Rede davon, dass der Präsident "für vier Jahre gewählt" wird - da die erste Amtszeit nicht komplett war, könnte er 2027 möglicherweise nochmal antreten - bis 2031.

Für die Wahl 2027 besteht die Möglichkeit für interessierte Verbände, einen Kandidaten oder eine Kandidatin aufzubauen, um neben dem Personalwechsel auch einen sportpolitischen Wandel zu erreichen. Doch dafür muss viel Überzeugungsarbeit geleistet werden, es ist eine schwierige Aufgabe. Als Norwegens Verbandspräsidentin Klaveness beim FIFA-Kongress 2022 in Doha/Katar mutig und offen die Missstände rund um die WM in Katar ansprach, erhielt sie wie bestellt wirkenden Widerspruch. Beigepflichtet hat ihr aus dem Plenum damals offen kein einziger Verband, auch nicht der DFB oder Dänemark.

Die FIFA-Zentrale in Zürich - Infantino wird wohl bis 2027 hier das Sagen haben.

Die FIFA-Zentrale in Zürich - Infantino wird wohl bis 2027 hier das Sagen haben.

Klaveness sagte vor der WM dem WDR in Bezug auf die FIFA, dass "wir weltweite Organisationen brauchen", die jedoch ethisch korrekt sein müsssten. "Aber was ist das? Was ist der gemeinsame ethische Standard für Somalia? Für Norwegen? Für Kanada? Es ist schwierig."

Wird Infantino nach seiner Zeit als Präsident im Fußball von der Bildfläche verschwinden?

Wenn Infantino aus dem Amt scheidet, könnte er dem Fußball als Geschäftsmann verbunden bleiben. In den vergangenen Jahren trieb er viele Projekte voran: Er scheiterte mit dem Zwei-Jahres-Rhythmus der WM und der globalen Nations League, erreichte aber den Beschluss der erweiterten Klub-WM mit 24 Teams. Die wurde wegen Corona bislang nie ausgetragen.

Im Gespräch war bei einigen Projekten nach Recherchen von "Süddeutscher Zeitung" und WDR aber auch der Verkauf zahlreicher Rechte an diesen Wettbewerben an externe Investoren, hinter denen ein Konsortium aus Saudi-Arabien stehen soll. In Riad war Infantino in den vergangenen Jahren immer wieder zu Besuch - er könnte im Fußball also möglicherweise geschäftlich weiter in Erscheinung treten. Saudi-Arabien erhofft sich gemeinsam mit Ägypten und Griechenland noch während Infantinos kommender Amtszeit den Zuschlag für die WM-Ausrichtung 2030.