FIFA-Entscheidung WM 2022 - Neue Abseitstechnik kommt

Stand: 01.07.2022 10:00 Uhr

Abseitssituationen schneller und genauer erkennen: Darum geht es bei der halbautomatischen Abseitserkennung, die bei der WM 2022 in Katar zum Einsatz kommen wird.

Abseits oder kein Abseits? Jeder Fußballfan kennt sie mittlerweile: Diese Unterbrechungen, die ein spannendes Match stoppen, wenn der VAR im Kölner Keller die kalibrierten Linien hin- und herschiebt, um zu entscheiden, ob ein Treffer regulär war oder eben nicht. Sekunden dauert das, manchmal sogar Minuten. Nervig.

Abseits soll deutlich schneller erkannt werden

Bei der WM in Katar im November soll es das alles nicht mehr geben. Dann kommt die sogenannte "halbautomatische Abseitserkennung" zum Einsatz. Eine Technik, die dem VAR und den Schiris auf dem Rasen in Sekundenbruchteilen signalisieren wird, ob eine Abseitsposition vorgelegen hat, oder nicht. Zwölf Kameras werden dafür unter die Stadiondächer jeder WM-Spielstätte montiert. Es soll dann jeweils nur noch drei bis vier Sekunden dauern, um eine eventuelle Abseitsstellung zu erkennen.

Die Technologie sendet automatisch eine Warnung, wenn sich ein Spieler in einer Abseitsposition befindet, dann muss der VAR beurteilen, ob dieser Spieler aktiv ist und/oder das Spiel beeinflusst, und wenn ja, eine Benachrichtigung an den Schiedsrichterassistenten senden, um die Flagge zu heben.

Enorme Datenmenge von zwölf Kameras

Die gelieferte Datenmenge wird enorm sein: Die Kameras erfassen den Ball sowie bis zu 29 Datenpunkte jedes Spielers 50 Mal pro Sekunde. So wird deren genaue Position auf dem Spielfeld berechnet. Die 29 erfassten Datenpunkte umfassen alle Glieder und Extremitäten, die für Abseitsentscheidungen massgebend sind.

Der offizielle Spielball für die WM 2022 liefert dabei mit einem eingebauten Sensor für inertiale Messdaten (IMU) ein weiteres Element, um die engen Abseitssituationen zu erkennen. Der Sensor im Herzen des Balls übermittelt 500 Mal pro Sekunde Balldaten an den Video-Überprüfungsraum, wodurch sich der Moment der Ballabgabe genau erkennen lässt.

Abseitsposition im Spiel Gladbach gegen Augsburg

Binnen Sekunden - Grafik für die Fans im Stadion und am TV

Nach der Bestätigung der Entscheidung durch die Video-Spieloffiziellen und den Schiedsrichter auf dem Spielfeld werden dieselben Datenpunkte, die für die Entscheidung genutzt wurden, zu 3-D-Animationen aufbereitet, die die Position der Gliedmaßen des Spielers zum Zeitpunkt der Ballabgabe veranschaulichen.

Die 3-D-Animationen, die stets die bestmöglichen Perspektiven für eine Abseitssituation zeigen, werden danach auf der Grossleinwand im Stadion eingeblendet und an die FIFA-Sendepartner übermittelt, damit alle Zuschauer möglichst transparent informiert werden.

Die Abseitstechnik der FIFA in Benutzung

Halbautomatische Abseitserkennung - so funktioniert's

  • Die Sache ist komplex und läuft ständig im Hintergrund eines jeden Spiels: Mit der Kombination von Gliedmaßen- und Ballortungsdaten sowie der Anwendung künstlicher Intelligenz sendet die neue Technologie den Video-Spieloffiziellen im Video-Überprüfungsraum jeweils eine automatische Abseitswarnung, wenn der Ball von einem Angreifer angenommen wird, der zum Zeitpunkt der Ballabgabe durch einen Mitspieler im Abseits war.
  • Ehe die Video-Spieloffiziellen den Schiedsrichter auf dem Spielfeld informieren, überprüfen sie die vorgeschlagene Entscheidung, indem sie den automatisch ausgewählten Zeitpunkt der Ballabgabe und die Abseitslinie, die anhand der berechneten Positionen der Gliedmaßen des Spielers automatisch erstellt wurde, manuell kontrollieren. Dies geschieht binnen Sekunden, womit Abseitsentscheidungen schneller und präziser gefällt werden können.

Collina: "Abseitsentscheidungen dauerten zu lange"

Pierluigi Collina, Chef der FIFA-Schiedsrichterkommission, zeigt sich zuversichtlich: "Die VAR haben einen überaus positiven Effekt auf den Fussball. Dank ihrem Einsatz gibt es erheblich weniger Fehlentscheidungen. Wir erwarten, dass es mit der halbautomatischen Abseitstechnologie noch weniger werden."

Der ehemalige Kult-Schiri aus Italien findet: "Wir sind uns bewusst, dass es manchmal zu lange dauert, mögliche Abseitssituationen zu überprüfen, insbesondere, wenn die Abseitsentscheidung sehr eng ist. Hier kann die halbautomatische Abseitstechnologie dabei helfen, schneller und genauer zu entscheiden."

"Trockenübungen" in Düsseldorf und München, echte Tests beim Arab-Cup und der Klub-WM

Getestet wurde die neue Technologie bereits mehrfach: In 2021 erstmals bei "Trockenübungen" mit Nachwuchsakteuren in Düsseldorf und München, beim Arab Cup in Katar im November 2021 und bei der Klub-WM 2021, die im Februar 2022 in den Vereinigten Arabischen Emiraten ausgetragen wurde, dann auch bei offiziellen Wettbewerben. Nun befand die FIFA: Das System ist einsatzbereit für die WM.