Bayerns Arjen Robben im Zweikampf mit Nani (Manchester United) im Viertelfinale der Champions-League

Fußball | Europapokal Europapokal: Die Zeit nach der Auswärtstorregel

Stand: 08.03.2022 07:23 Uhr

Über Jahrzehnte bestimmte sie Taktiken und Diskussionen, jetzt gibt es sie nicht mehr: Die Auswärtsttorregel ist in der Champions League, der Europa League und der Europa Conference League abgeschafft.

Im Achtelfinale der Champions League sowie in den Zwischenrunden der Europa League und der Europa Conference League gilt damit erstmals, dass ein Team zwingend ein Tor mehr als der Gegner geschossen haben muss, um die nächste Runde zu erreichen. Im Juni fasste das UEFA-Exekutivkomitee einen entsprechenden Beschluss.

Einen großen Anteil daran, dass in dieser Saison erstmals seit 1965 die Auswärtstorregel in K.o.-Spielen im Europacup nicht mehr zum Tragen kommt, hat nach eigenen Angaben Wanja Greuel. "Ich wage zu behaupten, dass ich den entscheidenden Stein mit meinem Antrag ins Rollen gebracht habe", sagte Greuel im Interview mit "SPOX".

Der Geschäftsführer des Schweizer Erstligisten Young Boys Bern empfand es als Ungerechtigkeit, wie sein Herzensverein 1. FC Kaiserslautern 1991/92 aus dem Europapokal der Landesmeister gegen den FC Barcelona in der 2. Runde ausschied. Die "Roten Teufel" führten auf dem Betzenberg 3:0, das 0:2 aus dem Hinspiel war wettgemacht - bis Jose Maria Bakero den FCK mit einem Treffer aus allen Träumen riss: In der Addition beider Spiele stand es danach 3:3, die Auswärtstorregel entschied für Barcelona.

Enttäuschte Lauterer Spieler nach der 3:1 Niederlage gegen Barca 1991

Enttäuschte Lauterer Spieler nach der 3:1 Niederlage gegen Barca 1991

"Die Regeländerung macht den Fußball gerechter und auch attraktiver"

Als Greuel 2019 in den Vorstand der Europäischen Klubvereinigung ECA gewählt wurde, konnte er sein Herzensthema endlich vorantreiben. Er fand breite Zustimmung und stellte einen Antrag, der schließlich im Club Competition Committee der UEFA landete. Von dort gab es eine Empfehlung ans Exekutivkomitee, das im vergangenen Juni die Regel nach 56 Jahren abschaffte.

Manager Wanja Greuel (Young Boys Bern)

Manager Wanja Greuel (Young Boys Bern)

Bei Torgleichheit nach Hin- und Rückspiel in der K.o.-Phase kommt nun nicht mehr die Mannschaft weiter, die mehr Treffer auswärts erzielt hat. Stattdessen geht es in die Verlängerung - und falls danach noch keine Entscheidung gefallen ist, ins Elfmeterschießen. 

Greuel ist "felsenfest davon überzeugt, dass die Regeländerung den Fußball gerechter und auch attraktiver macht". Die Auswärtstorregel sei aufgrund des immer geringeren Nachteils durch Reisen "einfach nicht mehr zeitgemäß" gewesen.

Auswärtstorregel lieferte einige Legenden

Die Auswärtstorregel ist nun Geschichte, unvergessen bleiben aber einige legendäre Abende, die mit der Regel zusammenhingen. Bayern München spielte im Viertelfinale der Champions League 2009/10 gegen Manchester United. Das Hinspiel gewannen die Bayern in München 2:1, lagen in Manchester aber schnell 0:3 hinten. Ivica Olic gelang das erste Tor für die Bayern, in der Schlussphase glich Arjen Robben mit einem Traumtor zum 4:4 in der Gesamtabrechung aus - aber die Auswärtstorregel sprach für die Bayern.

Lucas Moura von Tottenham Hotspur feiert den dritten Treffer seiner Mannschaft.

Lucas Moura von Tottenham Hotspur feiert den dritten Treffer seiner Mannschaft.

Dramatisch ging es auch 2018/19 zu, als mit Ajax Amsterdam und Tottenham Hotspur zwei Überraschungsteams im Halbfinale standen. Ajax gewann das Hinspiel 1:0, im Rückspiel stand es 2:2 - Tottenham traf in der sechsten Minute der Nachspielzeit zusammengerechnet zum 3:3 - die Auswärtstorregel brachte den Klub ins Finale.

Es gab viele weitere denkwürdige Unentschieden, die Sieger hervorbrachten: AS Rom gegen den Barcelona 2018 (4:4), Chelsea gegen Paris 2015 (3:3) oder Chelsea gegen Barcelona 2009 (1:1) - doch nun endet die Zeit, in der man Spiele mit einem Remis für sich entscheidet.

DFL wird das Ende der Auswärtstorregel auch in der Relegation umsetzen

Die Relegationsspiele zwischen dem 16. Tabellenplatz der Bundesliga und dem Dritten der 2. Bundesliga werden künftig ebenfalls ohne die Auswärtstorregel ausgetragen. In der Spielordnung der Deutschen Fußball Liga (DFL) ist eine Übernahme der UEFA-Maßgabe festgelegt. "Die Relegationsspiele werden als Hin- und Rückspiel entsprechend den Bestimmungen der UEFA-Clubwettbewerbe ausgetragen, die für die Austragung von Spielen im K.o.-System gelten", heißt es unter Paragraph 3, der Auf- und Abstieg regelt.

Auch in Deutschland endet also die Ära der Auswärtstorregel. Drei Mal entschied seit Wiedereinführung der Relegation zur Saison 2008/09 die Auswärtstorregel darüber, wer in der Bundesliga mitspielen durfte und wer nicht. So retteten sich 2014 der Hamburger SV und 2020 Werder Bremen über die Regel, Union Berlin verhalfen zwei Auswärtstreffer 2019 zum Aufstieg.

Die Argumente für und gegen die Regel

Die Debatte wurde länger geführt. Befürworter der Regel argumentierten, dass sie in einer Verlängerung den Heimvorteil des einen Teams ausgleiche. Sie sorge außerdem dafür, dass es seltener zu sportlich oft unattraktiven Verlängerungen komme. Zudem komme sie eher kleineren Teams zugute, weil sie aufgrund von Setzlisten häufig im Rückspiel auswärts antreten müssen.

Gegner der Regel bemängelten, dass sie eher die Heimmannschaft zum Defensivspiel als die Auswärtsmannschaft zum Offensivspiel animiere. Sie wirke unlogisch, wenn nach einem Gesamt-Unentschieden in zwei Spielen ein Team gewonnen hat. Die Regel sei außerdem veraltet, weil der Nachteil des Auswärtsspiels durch normierte Bälle, bessere Schiedsrichter oder gleich gute Platzbedingungen nicht mehr so groß sei wie früher. Außerdem sorge die Regel in Rückspielen manchmal für Vorentscheidungen und gelte für ein Team bei einer Verlängerung 30 Minuten länger.

UEFA-Präsident Ceferin: "Der Heimvorteil ist nicht mehr so wichtig wie früher"

Die UEFA teilte im Juni mit, dass Statistiken von Mitte der 1970er Jahre bis heute einen klaren Trend zeigten, dass es immer weniger Heimsiege gebe. Damals habe das Verhältnis bei 61 zu 19 Prozent gelegen, mittlerweile stehe es bei 47 zu 30 Prozent. "Die Wirkung der Regel läuft nun ihrem ursprünglichen Zweck zuwider, da sie Heimmannschaften - insbesondere in den Hinspielen - nun vom Offensivspiel abhält, weil sie befürchten, ein Gegentor zu kassieren, das ihrem Gegner einen entscheidenden Vorteil verschaffen würde", sagte UEFA-Präsident Aleksander Ceferin einer Mitteilung zufolge.

Aleksander Ceferin, Präsident der Europäischen Fußball-Union.

"Man kann mit Fug und Recht sagen, dass der Heimvorteil heute nicht mehr so ​​wichtig ist wie früher", sagte der UEFA-Präsident. "Das UEFA-Exekutivkomitee hat die richtige Entscheidung getroffen, indem es die Ansicht vertritt, dass ein Auswärtstor nicht mehr Bedeutung haben sollte als eines, das zu Hause erzielt wurde."