ARD-Doku: "Milliardenspiel Amateurfußball - Wenn das Geld im Umschlag kommt"

Sportschau 17.01.2022 41:00 Min. UT Verfügbar bis 19.01.2023 Das Erste

ARD-Doku "Milliardenspiel Amateurfussball"

Amateurfußball: Schwarzgeld von womöglich 500 Millionen Euro

Stand: 19.01.2022, 06:00 Uhr

Eine ARD-Befragung von mehr als 10.000 Amateurfußballern zeigt, wie viel Geld auch in unteren Ligen fließt – zum Teil an der Steuer vorbei.

Von Hajo Seppelt, Arne Steinberg, Wigbert Löer und Ben Arcioli

Die bislang größte Befragung zu Finanzstrukturen im deutschen Amateurfußball zeigt erstmals das riesige Ausmaß einer Schwarzgeld-Kultur hinab bis in die Kreisligen. Hochrechnungen auf Grundlage einer ARD-Befragung unter mehr als 10.000 Fußballerinnen und Fußballern lassen den Schluss zu, dass unterhalb der Profiligen Jahr für Jahr mehr als eine Milliarde Euro gezahlt wird - die Hälfte davon mutmaßlich an der Steuer vorbei.

Die Online-Befragung hat die ARD mit Unterstützung des gemeinnützigen Recherchezentrums "Correctiv" durchgeführt. Tageszeitungen, Fachzeitschriften und Fußballportale halfen, die Umfrage zu verbreiten. Die Teilnehmer gaben in dem Fragebogen an, in welchen Ligen sie gespielt haben, was sie dort verdient haben und ob ihr Verdienst schriftlich festgehalten wurde.

Auch zur Art der Bezahlung – bar, per Überweisung, durch Sachwerte und Dienstleistungen – äußerten sich die Spieler. Manche hinterließen ihren Namen und Kontaktdaten, andere beantworteten die Fragen anonym.

Selbst in der Bezirksliga kassiert mehr als jeder dritte Befragte

Unter den Teilnehmern waren 8085 männliche Spieler im Alter von 18 bis 39 Jahren. Von ihnen haben 60,2 Prozent einmal oder öfter Geld dafür bekommen, in einem Amateurverein Fußball zu spielen. Sie erhielten einen monatlichen Festbetrag und/oder Punkt- und Siegprämien. 36,9 Prozent von ihnen gaben an, im Stichproben-Monat Oktober 2020 Geld fürs Fußballspielen kassiert zu haben.

Auch in tieferen Ligen ist es der Erhebung zufolge keineswegs ungewöhnlich, mit Fußball Geld zu verdienen. In der fünften Liga werden demnach 89,9 Prozent aller Spieler bezahlt. In Liga 6 sind es 76,6 Prozent, in der siebten Liga 50,9 Prozent. In der achten Liga, in manchen Landesverbänden des DFB ist das die Bezirksliga, in anderen die Kreisliga, erhalten noch immer 36,4 Prozent der Spieler Geld für ihren Einsatz für den Verein.

Hochrechnung: halbe Milliarde Euro mutmaßliches Schwarzgeld pro Jahr

Geht man davon aus, dass Deutschlands Amateurfußballer im Schnitt etwa genauso viel Geld bekommen wie die Teilnehmer der bundesweiten Befragung, so ergibt die Hochrechnung der Daten für den Beispielmonat Oktober 2020 eine gewaltige Summe. In diesem Monat wurden in Deutschland rund 100 Millionen Euro an Amateurspieler bezahlt. Geht man davon aus, dass etwa zwei Monate im Jahr kein Fußball gespielt wird, macht dies auf eine Saison gerechnet eine Milliarde Euro.

Geht man zudem davon aus, dass der Anteil verdeckter Zahlungen ("schwarz", "im Umschlag") ebenso hoch ist wie von den Spielern in der Befragung angegeben, dann würden pro Monat 50 Millionen, pro Saison also 500 Millionen Euro mutmaßliches Schwarzgeld bezahlt.

Umfrage nicht repräsentativ aber wissenschaftlich geprüft

Der Statistik-Professor Andreas Groll von der TU Dortmund hat die Erhebung für die ARD ausgewertet. Groll sagt, eine Online-Befragung dieser Art könne natürlich nicht repräsentativ sein. Die Erhebung sei aber "statistisch und wissenschaftlich sauber durchgeführt". Das Statistik-Labor der Ludwig-Maximilians-Universität München bescheinigt nach Prüfung der Hochrechnung, diese sei unter den getroffenen Annahmen "korrekt und nachvollziehbar".

Spielerverträge – im Amateurfußball eine Seltenheit

Die ARD hat dem renommierten Münchner Sportrechtler Thomas Summerer die Ergebnisse der Befragung vorgelegt. Summerer erstellte dazu ein juristisches Gutachten. Der ARD sagte er, die Befragung werde "ein kleines Erdbeben auslösen, denn wenn es schwarze Kassen gibt, dann ist das per se schon ein Straftatbestand, nämlich Untreue."

Vereinen, die bei Schwarzgeldzahlungen erwischt würden, drohe "der Entzug der Gemeinnützigkeit". Und auch ein Spieler, der Schwarzgeld annehme, könne laut Summerer "massive Probleme bekommen". Er könne "wegen Steuerhinterziehung bis zu fünf Jahre Freiheitsstrafe oder eine Geldstrafe" erhalten.

Laut DFB-Spielordnung dürfen Amateurfußballer nicht mehr als 250 Euro pro Monat an Auslagenerstattung und/oder Aufwandsentschädigung bekommen. Fließt mehr Geld, muss ein Amateurvertrag abgeschlossen werden. Hier werden dann Steuern und Sozialabgaben fällig. Trotz der hohen Geldflüsse ist die Zahl der Amateurverträge im Amateurfußball allerdings verschwindend gering.

In der Saison 2020/2021 kamen auf mehr als 700.000 Amateurspieler laut Angaben der 21 Landesverbände des DFB gerade mal rund 8500 Amateurverträge. Ein Mäzen aus Hessen, der Unternehmer Gerhard Klapp, sagte der ARD, in den von ihm unterstützten Vereinen gebe es "wenig Amateurverträge". Er erklärte das mit den Zusatzkosten und bestätigte, den offiziellen Weg zu gehen sei für die Vereine teuer.

Handwerkerleistungen oder Schein-Mini-Job für die Freundin

Bei der ARD-Befragung gab fast jeder fünfte Spieler (18,2 Prozent) an, für das Fußballspielen auch schon mit Sachwerten und Dienstleistungen entlohnt worden zu sein. Die Vereine oder Sponsoren honorieren den Einsatz des Spielers auf dem Platz, indem sie ihm zum Beispiel eine Wohnung oder ein Auto zur Verfügung stellen.

Manche Amateure erhalten auch Handwerkerleistungen, und zuweilen bekommt die Freundin einen Mini-Job, der dann nicht ausgeführt, aber bezahlt wird. Eine verbreitete Praxis, einen Spieler zu entlohnen, ist auch, ihn zum Schein als Jugendtrainer zu engagieren – ohne dass er jedoch irgendeine Mannschaft trainiert.

Beim Deutschen Fußballbund sieht man die Bezahlung in unteren Ligen grundsätzlich kritisch. Ein DFB-Sprecher bezeichnete der ARD gegenüber Zahlungen in den unteren Amateurligen als den "falschen Weg". Für die 21 Landesverbände unter dem Dach des DFB sei allerdings "eine Kontrolle nicht möglich". Die internen Regelungen in den Vereinen seien "Sache der insoweit unabhängigen Vereine". Die Rahmenbedingungen dafür setze der Gesetzgeber.

Im Frauenfußball wird, das zeigen die Daten aus der Befragung, auf Amateurniveau so gut wie nie Geld bezahlt.

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