Eine Fußballerin steht vor einem Ball

Start in Frauen-Wettbewerben Neue Transgender-Regeln in Fußball und Leichtathletik?

Stand: 22.06.2022 10:51 Uhr

Der Schwimm-Weltverband FINA hat die Teilnahme von Transgender-Athletinnen an seinen Wettkämpfen stark eingeschränkt, auch der Radsport-Weltverband hat seine Regeln verschärft. Andere Sportarten könnten ebenfalls neue Richtlinien beschließen: Fußball und Leichtathletik kündigten an, ihre Regelwerke zu überprüfen.

Von Chaled Nahar

Auf Anfrage der Sportschau teilte ein Sprecher der FIFA am Montag (20.06.2022) mit, dass sich der Weltverband in einem Konsultationsprozess über eine neue Richtlinie befinde. "Die FIFA überprüft derzeit ihre geschlechtsspezifischen Zulassungsbestimmungen in Absprache mit sachverständigen Interessengruppen", sagte der Sprecher. Weil die Überprüfung noch laufe, könne man keine Einzelheiten zu Änderungen des bestehenden Reglements kommentieren.

Pubertät und Testosteronspiegel auch im Fußball ausschlaggebend?

Die englische Zeitung "The Times" zitierte eine Quelle aus FIFA-Kreisen, dass eine "wissenschaftlich fundierte" Lösung gesucht werde. "Wir werden uns die neuen Regeln der FINA sehr genau ansehen, und es kann gut sein, dass die männliche Pubertät und/oder der Testosteronspiegel der entscheidende Faktor sein werden", sagte die FIFA-Quelle laut "The Times". Aktuell würden solche Entscheidungen im Einzelfall getroffen, so die FIFA zur Sportschau, "wobei das klare Bekenntnis der FIFA zur Achtung der Menschenrechte berücksichtigt wird".

Der Schwimm-Weltverband FINA hatte am Sonntag bei seinem Kongress entschieden, dass Transgender-Athletinnen nur noch dann an Frauen-Wettbewerben teilnehmen dürfen, wenn sie ihre Geschlechtsanpassung bis zum Alter von zwölf Jahren abgeschlossen haben oder wenn sie keinen Teil der männlichen Pubertät über ein bestimmtes Stadium hinaus erlebt haben - je nachdem, was später eintritt. Die FINA hat zudem eine Arbeitsgruppe ins Leben gerufen, die an einer so genannten "offenen" Wettkampfkategorie arbeiten soll.

Der Radsport-Weltverband UCI verschärfte am vergangenen Freitag seinen Regeln und beschloss, die Übergangszeit bei der Geschlechtsanpassung von 12 auf 24 Monate zu verlängern und den maximalen Wert für den zulässigen Testosteronspiegel von 5 auf 2,5 Nanomol pro Liter Blut zu senken. Die International Rugby League hat in der Nacht zu Dienstag alle Transgender-Athletinnen vorläufig ausgeschlossen, bis eine Neuregelung steht.

Leichtathletik: Coe sagt, er ziehe "Fairness" der Inklusion vor

Sebastian Coe, Präsident des Leichtathletik-Weltverbands, deutete eine ähnliche Regel wie im Schwimmen an, die Transgender-Athletinnen die Teilnahme an Frauen-Wettbewerben weitgehend untersagt.

Der britische Sportfunktionär Sebastian Coe

Der britische Sportfunktionär Sebastian Coe

"Meine Verantwortung ist es, die Integrität des Frauensports zu schützen, und wir nehmen das sehr ernst. Und wenn das bedeutet, dass wir in Zukunft Anpassungen an den Protokollen vornehmen müssen, werden wir das tun", sagte Coe in Budapest im Rahmen der Schwimm-WM. "Und ich habe immer klar gemacht: Wenn wir jemals so weit in die Ecke gedrängt werden, dass wir ein Urteil über Fairness oder Inklusion fällen müssen, werde ich immer auf die Seite der Fairness schwenken."

Aktuell dürfen Transgender-Athletinnen in Frauen-Wettbewerben starten, wenn sie einen Testosteronspiegel für 12 Monate von unter 5 Nanomol pro Liter Blut nachweisen. Coe lobte die FINA für ihre Entscheidung und bekräftigte, dass auch für ihn "Testosteron ein Schlüsselfaktor für die Leistung" ist. Ende des Jahres sei eine Diskussion im Rat des Verbands angesetzt, fügte er hinzu.

Fairness für die einen - Ausgrenzung für die anderen

Die Kritik an der Teilnahme von Transgender-Athletinnen an Frauen-Wettbewerben bezieht sich vor allem darauf, dass sie körperliche Vorteile haben können, wenn sie im Frauensport antreten.

Dass es - wie von Coe angedeutet - fairer ist, die Transgender-Athletinnen effektiv von Wettbewerben auszuschließen, ist allerdings keineswegs Konsens. In der olympischen Charta steht: "Die Ausübung von Sport ist ein Menschenrecht. Jeder Mensch muß die Möglichkeit zur Ausübung von Sport ohne Diskriminierung jeglicher Art und im olympischen Geist haben." Transmenschen erleben in ihrem Alltag häufig Ausgrenzung und Diskriminierung, so wie auch die Schwimmerin Lia Thomas. An ihr entzündete sich die Debatte teilweise. Sie sagt: "Ich bin eine Frau wie jede andere im Team."

Anne Lieberman, Direktorin bei der LGBTQ-Organisation Athlete Ally, teilte mit: "Die neuen Zulassungskriterien der FINA sind zutiefst diskriminierend, schädlich, unwissenschaftlich." Ein Teil der Argumentation bei der Befürwortung der Teilnahme von Transgender-Athletinnen an Frauen-Wettbewerben lautet, dass ein Vorteil immer durch physische Merkmale entstehe - egal, in welchem Geschlecht man geboren wird.

IOC: Keine allgemeine Regelung für den Sport

IOC-Präsident Thomas Bach sagte, dass es keine einheitliche Lösung für den Sport insgesamt geben werde. Das IOC hatte im November Rahmenbedingungen beschlossen, die den internationalen Verbänden der einzelnen Sportarten mehr Flexibilität nahelegen.