Barcelonas Alexia Putellas feiert ihren Treffer gegen Real Madrid

Fußball | Champions League Eine neue Ära? Barça gegen Real vor Rekord-Kulisse

Stand: 30.03.2022 11:31 Uhr

Im Frauenfußball wankt der Zuschauerweltrekord. Champions-League-Sieger FC Barcelona will am Mittwoch (30.03.22) das Camp Nou mit bis zu 99.000 Zuschauern füllen.

Von Florian Haupt

An einem historischen Tag droht die Gefahr von oben. Für Mittwoch ist Regen angekündigt in Barcelona, und Regen bedeutet ein Problem beim Fußball im Camp Nou; er fällt oft subtropisch heftig, und der Großteil des Stadions ist nicht überdacht. Bei den Männern sind die 99.354 Plätze dann meist nicht mal zur Hälfte besetzt. Und bei den Frauen?

Die Bestmarke stammt aus dem 20. Jahrhundert

Die Spielerinnen des FC Barcelona treten heute zum Champions-League-Viertelfinalrückspiel gegen Real Madrid erstmals vor Publikum im Camp Nou an. Es soll ein Tag werden, der Zuschauer-Rekorde im Frauenfußball bricht. Entsprechend äußerte sich Barcelonas Präsident Joan Laporta am Dienstag in einem Interview mit dem Radiosender "Rac-1": "Wir wollen den Weltrekord schaffen."

Den Zuschauer-Rekord für die Champions League (50.212 Zuschauer, Finale 2012 im Münchner Olympiastadion) und den für die Klubebene (60.739, Atlético Madrid gegen Barcelona 2019). Ja, sogar die absolute Bestmarke: 90.185 kamen 1999 zum WM-Finale der USA gegen China.

Bis auf das Wetter ist alles vorbereitet für den Eintrag in die Geschichtsbücher. Allen voran hat Barça ein Team, das jedes seiner 35 Saisonspiele gewonnen hat und aktuell das Nonplusultra seines Sports darstellt.

Der Gegner stimmt, die Anstoßzeit um 18.45 Uhr auch, und die Ticketpreise ab neun Euro waren günstig – bei den Männern geht in der Regel nichts unter 40 Euro. Seit Monaten ist die Partie offiziell ausverkauft.

Rituale wie bei den Männern

"Es kann der Anfang einer neuen Ära werden und viele inspirieren", sagte Weltfußballerin Alexia Putellas am Dienstag. Die Rituale werden denen eines großen Champions-League-Abends bei den Männern gleichen.

Knapp zwei Stunden vor Spielbeginn sollen die Fans den Teambus mit Spalier und Bengalos über die letzten Meter zum Stadion begleiten. Zum Einlaufen im Camp Nou werden die Zuschauer dann ein riesiges Mosaik bilden mit dem Schriftzug: "More than empowerment". Eine Anspielung auf das Vereinsmotto, "mehr als ein Klub" zu sein.

Der FC Barcelona darf sich insofern ganz bei sich fühlen, denn tatsächlich bedeutet der Ausflug ins Camp Nou den vorläufigen Höhepunkt einer Emanzipationsgeschichte. Südeuropa ist insgesamt eher ein Spätstarter im Frauenfußball. Als sich Barças Frauenabteilung 2015 professionalisierte, spielten weder spanische Klubs noch die Nationalelf international eine große Rolle.

Schon 2019 erreichten die Katalaninnen dann das Champions-League-Finale. Vorigen Sommer gewannen sie durch ein 4:0 im Finale gegen Chelsea als erstes südeuropäisches Team den Titel.

Spätnachts vom Training nach Hause

Barças Mittelfeldspielerin Melanie Serrano, 32, erlebte noch die Zeiten, als die jungen Mädchen nur spätabends auf den hintersten Plätzen trainieren konnten. Sie musste dann manchmal früher weg, um noch die letzte S-Bahn in ihren Wohnort Blanes zu erwischen.

Als sie am Montag über das bevorstehende Highlight sprach, war ihr der Stolz anzumerken auf den weiten Weg, den die Frauen gekommen sind. Nun arbeiten sie praktisch unter denselben Bedingungen wie die Männer und werden für ihr flüssiges Spiel nach Art des Hauses bewundert.

Barcelonas Melanie Serrano vor dem Spiel gegen Juventus Turin

Die Sehnsucht, es vor Zehntausenden auf einem der heiligen Rasen des Weltfußballs zu präsentieren, ist über all die Jahre gereift. "Bis zum Zerreißen gespannt" seien die Emotionen, erklärt Serrano.

"Schmetterlinge im Bauch"

"Es gibt nur ein erstes Mal, und es wird unvergesslich werden", sagt Mittelfeldspielerin Patri Guijarro, sie berichtet von "Schmetterlingen im Bauch". Normalerweise spielen die Barça-Frauen im Zweitstadion auf dem Vereinscampus. 3.000 Leute kommen im Schnitt zu Ligamatches, viel im Frauenfußball.

Aber trotzdem kein Vergleich zu den einschüchternden Dimensionen des Camp Nou. "Es ist ein besonderes Spiel, das ist jeder klar", beschreibt Stürmerin Claudia Pina die Stimmung in der Kabine. "Wir brauchen uns nichts sagen, ein Blick reicht, um uns zu versichern, was auf uns zukommt."

Barcelonas Patri Guijarro jubelt nach ihrem Tor gegen Real Madrid

Barcelonas Trainer Jonatan Giráldez dürfte beruhigen, dass seine Mannschaft mit einem Vorsprung in das Match geht. Im Hinspiel wirkte sie zwar schwerfällig wie nie zuvor in dieser Saison, lag zur Halbzeit 0:1 zurück und kam erst durch einen Elfmeter nach umstrittenem Eingriff des Videoschiedsrichters zum Ausgleich.

In der Schlussphase stellten Pina und Alexia aber noch einen 3:1-Sieg sicher. Ein Polster, um heute nicht mental zu blockieren, denn Giráldez hat für den Frauenfußball festgestellt: "Bisher bevorzugte viel Stimmung auf den Rängen eher die Gastmannschaften."

Barcelonas Trainer Jonatan Giráldez an der Seitenlinie

Real Madrid hat noch Nachholbedarf

Doch sollte wirklich eine neue Ära anbrechen, werden volle Stadien dereinst auch für die Frauen so etwas wie Routine sein. In Spanien dürfte vor allem der Clásico für dauerhaftes Interesse sorgen. Noch steht Real Madrid erst im dritten Jahre seines Engagements im Frauenfußball und konnte im Hinspiel nicht mal sein kleines Zweitstadion füllen.

Doch angesichts der ewigen Rivalität beider Klubs dürften die Hauptstädter alsbald den Einsatz erhöhen – schon um dem Erzfeind aus Katalonien nicht so das Feld zu überlassen wie heute mit dem möglichen Weltrekord.