Dortmunds Aufholjagd belohnt BVB-Joker Modeste raubt Bayern die Spitze

Stand: 10.10.2022 00:01 Uhr

Es sah schon nach einem klaren Sieg von Bayern München aus, doch dann kam Anthony Modeste: Eine Vorlage und ein Tor des Jokers brachten Borussia Dortmund im Fußball-Bundesliga-Klassiker ein ganz spätes Remis.

Das 2:2 (1:0) des Rekordmeisters vor 81.365 Zuschauern war am Ende verdient, weil die Bayern ihre Zwei-Tore-Führung zu früh nur noch verwalten wollte - und Dortmund den richtigen Joker zog.

Viel Härte, wenig Klasse

Beide Teams gingen ersatzgeschwächt in die Partie, beim BVB fehlten unter anderem Gregor Kobel, Marco Reus und Thomas Meunier, die Bayern begannen ohne Thomas Müller, Lucas Hernandez und Joshua Kimmich. Spürbar war aber sofort die besondere Brisanz dieses Duells, die sich zunächst in übertriebener Härte statt spielerischem Glanz widerspiegelte: Allein in der ersten Viertelstunde zeigte Schiedsrichter Deniz Aytekin den Münchenern Marcel Sabitzer und Matthijs de Ligt sowie dem Dortmunder Jude Bellingham Gelb.

Daniela Müllenborn, Sportschau, 08.10.2022 20:53 Uhr

Vor den Toren tat sich weit weniger als in den Zweikämpfen. Einen ersten zaghaften Versuch unternahm Donyell Malen nach gut 20 Minuten, der Ball wurde aber geblockt. Manuel Neuer musste erst nach einer halben Stunde eingreifen, als Raphael Gurreiro von halblinks den linken Winkel anvisierte - Neuer parierte aber mühelos.

Erster Schuss, gleich die Führung

Von den Gästen kam offensiv noch weniger, doch sie erwiesen sich als Meister der Effektivität: Gleich ihr erster Abschluss saß. Jamal Musiala bediente nach 32 Minuten Leon Goretzka an der Strafraumgrenze, die BVB-Deckung stand in diesem Moment kollektiv zu weit hinten - so konnte Goretzka unbedrängt flach ins linke Eck einschießen.

Davies ins Krankenhaus, Bellingham im Glück

Kurz vor dem Wechsel hatte Dortmund Glück: Bellingham traf Alphonso Davies mit den Stollen im Gesicht, nachdem der Bayern-Verteidiger ihm den Ball weggeköpft hatte. Aytekin hätte den bereits verwarnten Dortmunder dafür eigentlich vom Platz schicken müssen, ließ aber Gnade vor Recht ergehen.

Davies musste anschließend ausgewechsekt werden und wurde für weitere Untersuchungen ins Krankenhaus gebracht. "Es besteht der Verdacht auf eine Gehirnerschütterung. Das ist bei dem Tritt ins Gesicht nicht verwunderlich", sagte Bayern-Trainer Julian Nagelsmann später und wunderte sich über Aytekins Entscheidung: "Vor vier Monaten hatten wir eine Schulung. Da haben sie uns erzählt, dass ein Tritt ins Gesicht glatt Rot ist."

Sané erwischt Meyer aus der Distanz

Aus der Kabine kam Dortmund entschlossener und erhöhte den Druck. Doch Neuer lenkte einen abgefälschten Schuss des eingewechselten Marius Wolf über die Latte, kurz danach setzte Guerreiro einen Volleyschuss etwas zu hoch an.

Die Bayern überstanden die aufmüpfige Phase mit ziemlicher Gelassenheit - und konterten mit dem nächsten Wirkungstreffer. Sadio Mané verfehlte in der 49. Minute mit seinem Kopfball noch das leere Tor, doch Leroy Sané zielte anschließend genauer: Aus gut 20 Metern zog er hart ab, Alexander Meyer bekam noch eine Faust an den Ball, konnte den Einschlag aber nicht verhindern.

Zweimal der gleiche Fehler

Wie beim 0:1, als Meyer zunächst einen kleinen Schritt in die falsche Richtung machte, war es kein klassischer Torwartfehler, man konnte sich aber bei beiden Treffern sehr gut vorstellen, dass ein fitter Kobel sie verhindert hätte. Allerdings hatten auch Meyers Vorderleute, vor allem Niklas Süle, aus dem ersten Gegentor nichts gelernt: Wieder ließen sie sich zu tief fallen, wieder war dadurch der Raum vor der Strafraumgrenze unbesetzt.

Doch Dortmund war noch nicht geschlagen, auch weil die Bayern nicht nachlegten. BVB-Coach Edin Terzic erhöhte in der 70. Minute mit der Hereinnahme von Anthony Modeste endlich das Risiko und die körperliche Komponente im Angriff, prompt wurde er belohnt: Modeste setzte sich im Zweikampf stark durch und bediente Youssoufa Moukoko - der ließ Neuer aus kurzer Distanz keine Chance (74.).

Modeste vergibt - und trifft doch noch

Schon acht Minuten vor dem Ende hätte Modeste seine Nichtberücksichtigung in der Startelf Lügen strafen können, wenn nicht müssen: Nach brillanter Vorarbeit von Karim Adeyemi traf er aber aus fünf Metern den Ball dermaßen schlecht, dass Neuer noch abwehren konnte.

Auch danach versuchten die Dortmund bis zum Schlusspfiff alles, konnten aber auch aus ihrer Überzahl (Kingsley Coman sah kurz vor Schluss Gelb-Rot) zunächst kein Kapital schlagen. Erst in der 94. Minute schlug der Gastgeber zu: Modeste köpfte eine Nico-Schlotterbeck-Flanke von aus kurzer Distanz zum umjubelten Ausgleich ins Tor.

"Haben uns den Punkt verdient"

Terzic freute sich nach der Partie für Modeste, dessen Start in sein BVB-Abenteuer glatter hätte verlaufen können: "Wir brauchen jeden Einzelnen, das hat heute den Ausschlag gegeben. Ich habe mich gefreut bei dem Tor zum 2:2. Wir haben uns den Punkt verdient, weil wir alles nach vorne geworfen haben."

Bayern-Trainer Julian Nagelsmann analysierte fair: "Am Ende ist es ein gerechtes Ergebnis. Wir hätten den Sack zumachen können, dann haben wir nicht verteidigt beim ersten Gegentor. Und vor dem zweiten Treffer hatte Schlotterbeck einfach viel zu viel Zeit zum Flanken. Am Ende ist es ganz gerecht, auch wenn das 2:2 spät fiel."

Dortmund und Bayern unter der Woche in der Champions League

Am 4. Spieltag der Champions-League-Gruppenphase empfängt Dortmund den FC Sevilla (Dienstag, 11.10.2022 um 21.00 Uhr). Einen Tag später ist der FC Bayern auswärts in Pilsen gefordert (21.00 Uhr).
Am 10. Spieltag der Fußball-Bundesliga geht es für die Schwarz-Gelben an die alte Försterei zu Union Berlin (Sonntag, 16.10.2022 um 17.30 Uhr). Der Rekordmeister spielt zwei Stunden später zu Hause gegen den SC Freiburg.