Lutz Wagner: "Brauchen einen Teamspirit zwischen Spielern und Schiedsrichter"

DFB-Schiedsrichterlehrwart Lutz Wagner

Sportschau-Experte im Interview zum Dahoud-Platzverweis

Lutz Wagner: "Brauchen einen Teamspirit zwischen Spielern und Schiedsrichter"

Von Sebastian Hochrainer

Hat Deniz Aytekin bei seinem Platzverweis gegen Mahmoud Dahoud richtig gehandelt? Ex-Schiedsrichter und Sportschau-Experte Lutz Wagner positioniert sich im Interview und nennt Lösungsansätze.

Sportschau: Herr Wagner, Deniz Aytekin hat für seinen Platzverweis gegen Mahmoud Dahoud Lob und Kritik bekommen. Wie ist Ihr Standpunkt?

Lutz Wagner: Man muss das Ganze im Zusammenhang sehen. Deniz hat den Mannschaften gesagt und signalisiert, dass er solche Gesten nicht so sehen möchte, nachdem es zuvor schon mal passiert war. Ich habe mit ihm nach dem Spiel telefoniert, er wird sich auch hinterfragen, ob er da nicht zu emotional reagiert hat. Menschlich ist das absolut verständlich, aber vielleicht war er dennoch etwas zu impulsiv. Man darf jetzt aber nicht Opfer und Täter verwechseln.

Sportschau: Wie meinen Sie das?

Wagner: Dahoud hatte zuvor schon eine Gelbe Karte gesehen und in diesem Moment ein eindeutiges Foul begangenen. Warum muss man sich darüber in dieser Form so beschweren? Er macht es ja auch nicht, in dem er mit Deniz darüber spricht, sondern mit einer offensichtlichen abwertenden Geste, die auch das Publikum gegen den Schiedsrichter aufbringt. Das ist das große Problem.

Sportschau: Also sind Beschwerden unter vier Augen in Ordnung, aber nicht in der Öffentlichkeit?

Wagner: Natürlich sind im Gespräch Beleidigungen tabu, aber untereinander kann man die Sache auch mal mit klaren Worten klären. Die Schiedsrichter lassen ja auch mit sich reden, das funktioniert dann auf einer ganz ruhigen Basis. Aber wenn man diese Gesten braucht, finde ich das nicht akzeptabel, weil man dadurch ja auch die Fans in seinem Rücken hat und sie gegen den Schiedsrichter aufbringt. Darunter leidet dann die Autorität des Schiedsrichters.

"Das Reklamieren hat sich eingebürgert"

Sportschau: Werden diese Gesten zu häufig gemacht?

Wagner: Diese Art von abwertenden Gesten ist schon eine Grundreaktion geworden. Vielleicht ist das auch gar nicht böse gemeint, aber das Reklamieren hat sich eingebürgert. Wir müssen wieder dahin zurückkommen, dass es nicht so ist. Ein Beispiel, wo das geklappt hat, ist beim Ballwegschlagen. Bis noch vor anderhalb Jahren passierte das ständig, bei fast jedem Freistoß. Dann haben wir angefangen, das zu sanktionieren und heute tritt kaum noch jemand den Ball weg.

"Wir brauchen Maßnahmen, die sofort wirken"

Sportschau: Wie sollten zukünftig Gesten wie das Abwinken bestraft werden? Hellmut Krug hat Zeitstrafen vorgeschlagen.

Wagner: Das wäre sicher gut, um jemanden wieder runterzubringen, aber man müsste das ja dann auch international einführen. Das wird jetzt nicht passieren. Wir brauchen Maßnahmen, die sofort wirken und nicht welche, die vielleicht erst in fünf Jahren möglich sind. Ich denke, die Gelbe Karte ist die richtige Sanktion, wobei ich auch betone, dass es dann eigentlich schon zu spät ist. Wir brauchen einen Teamspirit zwischen Spielern und Schiedsrichter auf dem Platz, wir müssen miteinander sprechen und die Gesten unterlassen werden.

Sportschau: Also mehr Rationalität als Emotionalität?

Wagner: Die Emotionen müssen unbedingt bleiben. Aber man muss unterscheiden zwischen Emotionen und Dingen, die einfach nicht gehen. Der Spieler darf auch mal etwas sagen, darf auch mal verbal ausbrechen, die Schiedsrichter legen dann nicht alles auf die Goldwaage. Aber die Spieler dürfen nicht das ganze Stadion mit ihrem Verhalten gegen den Schiedsrichter aufbringen. Genau da ist die Grenze: Wenn das Missfallen derart öffentlich wird. Es dürften doch auch alle Spieler in der Lage sein, das zu zweit mit dem Schiedsrichter auszutragen. Dafür braucht man nicht die Zuschauer.

Stand: 27.09.2021, 12:40

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