Leipzigs Marco Rose, Unions Urs Fischer, Frankfurts Oliver Glasner, Freiburgs Christian Streich und Dortmunds Edin Terzic

Spannung in der Bundesliga Fünf Jäger - Bayern braucht kein Fernglas mehr

Stand: 03.02.2023 14:17 Uhr

Das Fernglas, das Spott-König Uli Hoeneß jahrelang für die Bayern-Konkurrenten brauchte, kann er in dieser Saison wegpacken: Gleich fünf Teams sitzen dem Dauermeister im Nacken.

Nach 18 Spielen der vorigen Saison war allein Dortmund mit sechs Zählern Abstand noch in der erweiterten Verfolgerrolle der Münchener, danach wurde es für die ambitionierten Konkurrenten fast schon peinlich: Bayer Leverkusen lag bereits 14 Punkte zurück, RB Leipzig sogar schon 18. Am Saisonende durfte der "Stern des Südens" schon im April feiern, gewann mit acht Zählern Vorsprung seinen 32. Meistertitel. Es war, gähn, der zehnte in Serie.

Diesmal ist das alles etwas anders. Bayern München ist nach 18 Spielen zwar nach wie vor Tabellenführer. Doch wenn man mal etwas genauer hinhört, was beispielsweise die nicht gerade als große Lautsprecher bekannten Fußballlehrer Niko Kovac und André Breitenreiter unter der Woche rund um ihre Pokalspiele erzählten, kann man sich einen ziemlich stark anschwellenden Kamm in Bad Wiessee vorstellen und sich bei passender oder unpassender Gelegenheit auf die Replik von Uli Hoeneß freuen.

Leipzig die "aktuell klar beste Mannschaft"

Kovac gab jedenfalls vor dem Spiel seiner Wolfsburger an der Alten Försterei zu Protokoll, dass es momentan schwieriger wäre, bei Union Berlin anzutreten als bei Bayern München. Sein Kollege Breitenreiter entschuldigte dann am Mittwochabend die Chancenlosigkeit seiner Hoffenheimer im Duell mit RB Leipzig damit, dass man halt gegen die aktuell klar beste deutsche Mannschaft gespielt habe, das sehe ja jeder.

Leipzig "klar besser" als Bayern? Ein Auswärtsspiel bei den "Eisernen" härter als im Schlauchboot von Unterföhring? Sowas haben in den vergangenen zehn Jahren nicht viele Konkurrenten behauptet, und wenn, war ihnen die Rache der Roten ziemlich gewiss. Im Jahr 2023 kann sich der FC Bayern aber tatsächlich momentan nicht so sehr mit dem Bestrafen frecher Sprüche anderer Vereine befassen. Es geht erstmal um die eigene Stabilität.

Ein Triple ist schon sicher

Wobei, stabil waren die Bayern in diesem Jahr bisher. In Leipzig, gegen Köln und gegen Frankfurt gab es jeweils ein 1:1, bei Twitter wurde das schon als Gewinn des Triples gefeiert. Im Gegensatz zu den Vorjahren haben die Verfolger die sechs verlorenen Punkte der Münchener nun auch wirklich mal genutzt, um die Jagd aufzunehmen, und dabei gibt es ein paar Aspekte, die die Bayern nachdenklich machen könnten.

Borussia Dortmund beispielsweise hat in diesem Jahr alle drei Partien gewonnen, dabei die ersten beiden davon ausgesprochen glücklich. Aber auf das 4:3 gegen Augsburg und das spielerisch teilweise miserable 2:1 in Mainz folgte eine absolute Klasseleistung und ein hochverdientes 2:0 in Leverkusen, das seinerseits zuvor fünf Spiele in Serie gewonnen hatte. Der BVB hat also sogar aus Siegen gelernt, wie es noch besser geht.

Stressresistente Verfolger

Auch die anderen Mannschaften aus den Top 6 haben 2023 eine bessere Ausbeute als Bayern. Beim SC Freiburg befürchteten nach dem Jahresauftakt-0:6 in Wolfsburg schon viele den kompletten Einbruch, doch es folgten ein Unentschieden in Frankfurt und der Sieg über Augsburg. Freiburg meistert genau wie Frankfurt die Doppelbelastung mit Europa total stressresistent, auch Union Berlin lässt einfach nicht locker und ist nach drei Erfolgen in diesem Jahr nur noch einen einzigen Punkt vom Spitzenreiter entfernt.

So ein Verein kann nicht Meister werden? Das haben 2016 in England Manchester City, der FC Arsenal und all die anderen superreichen Topklubs auch gedacht, bevor Leicester City den Gegenbeweis antrat. Dass auch die Frankfurter Eintracht mit derzeit fünf Punkten Rückstand zu allem in der Lage ist, hat die Mannschaft von Oliver Glasner inzwischen nachhaltig in der Europa League und jetzt sogar in der Königsklasse bewiesen.

Leipzig siegt auch ohne Nkunku

National und international stark tritt auch RB Leipzig unter Marco Rose auf und hat einen derart beängstigenden Lauf, dass man André Breitenreiter wahrscheinlich sogar vollumfänglich zustimmen muss. Gar nicht auszudenken, wie gefährlich es für München noch wird, wenn demnächst auch noch der aktuelle Fußballer des Jahres in die Mannschaft zurückkehrt. Denn die Top-Leistungen zuletzt gelangen alle ohne Christopher Nkunku.

Fünf Verfolger hat Bayern München also aktuell, und wenn sie am Sonntag (05.02.2023, ab 17.20 Uhr live im Audiostream bei sportschau.de) beim VfL Wolfsburg verlieren sollten, würden sie sich auch noch den sechsten dazuholen. Da erscheint es aber möglich, dass sich der Union-Spruch von Niko Kovac dann doch etwas nachteilig auswirken könnte.

Was kann der "Wut-Motor" der Bayern?

Thomas Müller hat bereits angekündigt, nun aber mal den "Wut-Motor" anzuwerfen, und im Pokal gegen den 1. FSV Mainz 05 sah das in der Tat schon beeindruckend aus. Es wird auf jeden Fall interessant zu beobachten, ob sich Julian Nagelsmann das System mit fünf Offensivspielern auch bei den "Wölfen" traut - und ob es auch dort so gut funktioniert.

Dass es in diesem Jahr im Meisterkampf aber überhaupt mal interessante Fragen und dazu fünf bis sechs ziemlich angstfrei wirkende Konkurrenten gibt, für die man absolut kein Fernglas mehr braucht, das sind für die Fans außerhalb von Bayern allein schon sehr gute Nachrichten.