DFB-Nachwuchschef: "Uns fehlen überragende Einzelspieler"

Joti Chatzialexiou

Interview mit Joti Chatzialexiou

DFB-Nachwuchschef: "Uns fehlen überragende Einzelspieler"

Die U21 hat Probleme, auch in den jügeren Nationalmannschaften hinken die deutschen Teams der Konkurrenz hinterher. DFB-Nachwuchschef Joti Chatzialexiou fordert im Interview mit sportschau.de neue Ansätze in der Ausbildung.

Joti Chatzialexiou, Jahrgang 1976, arbeitete während des Sportstudiums im Leistungszentrum von Eintracht Frankfurt als Trainer. Nach Abschluss seines Sportstudiums ging er zum Deutschen Fußball-Bund (DFB). Im Rahmen der Neugliederung des DFB wurde Chatzialexiou am 1. Januar 2018 in der Direktion "Nationalmannschaften & Akademie" zum Sportlichen Leiter Nationalmannschaften ernannt.

Herr Chatzialexiou, Sie haben kürzlich in einem Interview mit dem "Kicker" gesagt, der deutsche Nachwuchsfußball habe gegenüber der Konkurrenz aufzuholen. Wo sehen Sie Defizite?

Joti Chatzialexiou: Uns fehlen seit ein paar Jahren im Vergleich zur Konkurrenz die überragenden Einzelspieler. Man kann das ganz gut an den aktuellen Marktwerten der U19-, U20- und U21-Spieler ablesen. Da haben Nationen wie England, Frankreich, Portugal, die Niederlande oder auch Belgien ganz andere Werte als unsere Spieler. Heißt: Dort wachsen mehr Einzelkönner heran. Unsere Auswahlteams hingegen kommen mehr über die mannschaftliche Geschlossenheit. Diese Spielentscheider, die wir beispielsweise 2009 in der U21 mit den damaligen Europameistern noch hatten, wollen wir wieder vermehrt entwickeln.

Woran liegt es, dass uns andere Nationen da den Rang abgelaufen haben?

Chatzialexiou: So etwas ist kein Zufall. Ich denke, wir müssen unser Ausbildungssystem, für das wir lange auch von der Konkurrenz beneidet wurden, mittlerweile kritisch hinterfragen. Sowohl in den Leistungszentren der Klubs als auch in den vom DFB organisierten Stützpunkten müssen wir dahin kommen, dass wir die individuelle Entwicklung der Spieler und die Freude am Spiel stärker in den Vordergrund stellen.

Künftig mehr Arbeit an und mit den Spielern als am System?

Chatzialexiou: Genau. Es muss zukünftig wieder mehr um die Spieler gehen, als um das System oder die Mannschaftstaktik. Der Spieler muss wieder im Mittelpunkt allen Handelns stehen! Wir brauchen daher eine bessere individuelle Begleitung, den Fokus auf der Entwicklung des Einzelnen. Wir wollen die kreativen Spieler, dann müssen wir ihnen auch Freiräume geben, sich auszuprobieren und dürfen sie nicht ständig in Schablonen und Spielsysteme pressen.

Die Elite-Ausbildung in Deutschland fußt auf zwei Säulen: Den Leistungszentren der Profivereine (LZ) und den Stützpunkten des Deutschen Fußball Bundes (DFB). Ist dieses System das Maß der Dinge?

Chatzialexiou: Dieses System ist gut und sehr leistungsfähig. Und es ist durchsetzt mit einer Menge Know how. Allerdings müssen wir nach all den Jahren eine Zäsur machen! Wir wollen zum Beispiel die Stützpunkte neu verteilen, um mehr Spieler in den Ballungsräumen zu fördern. Außerdem müssen unsere Stützpunktkoordinatoren die Trainer an den einzelnen Stützpunkten häufiger begleiten können.

Treten Sie mit den Stützpunkten dann nicht in Konkurrenz zu den Leistungszentren der Bundesligisten, die ja auch vor allem in den Ballungsräumen arbeiten?

Chatzialexiou: Nein, die Spieler in den Stützpunkten sind zu dem Zeitpunkt für die Leistungszentren noch nicht interessant. Wir wollen diesen aber durch die zusätzliche Förderung die Möglichkeit geben, interessant zu bleiben. An den Stützpunkten werden meist die Spieler gefördert, die kein ‚schreiendes Talent‘ sind, die nicht direkt ins Auge stechen, sondern ein ‚flüsterndes Talent‘ sind, aber ein immenses Potenzial mitbringen.

Wie funktioniert die Zusammenarbeit des DFB mit den Leistungszentren der Profiklubs?

Auf der Ebene der Nationalmannschaften wollen wir die Zusammenarbeit mit den Leistungszentren, die sich in den vergangenen Jahren schon sehr positiv entwickelt hat, noch weiter intensivieren. Heißt: Die Vereine bilden unsere Spieler aus, wir bilden sie in den U-Nationalmannschaften weiter. Gemeinsam wollen wir die Entwicklung der Spieler in den Fokus rücken - derzeit hat der Mannschaftserfolg in den Leistungszentren häufig noch einen zu hohen Stellenwert. Ein Trainer braucht dort Ergebnisse, gute Platzierungen und Erfolge - daran wird er gemessen. Aber die Karriere eines Trainers darf nicht wichtiger sein als die Weiterentwicklung der Spieler.

In den Leistungszentren geht’s ja auch um viel Geld. Fußball ist ein Geschäft, die Entwicklung junger Spieler ist ein Markt. Das Rad ist kaum zurückzudrehen...

Chatzialexiou: Das Geld spielt häufig eine zu große Rolle. Es ist in der Regel aber nicht förderlich für die Entwicklung der Spieler, wenn die Leistungszentren sich die Jugendspieler gegenseitig abwerben. Es gab einmal ein Gentlemens Agreement zwischen den Vereinen, nach dem Spieler unter 15 Jahren nicht zwischen den Leistungszentren wechselten, das war eine gute Sache.

Bei allem Aufwand ist die Quote der Jugendspieler, die es von einem Leistungszentrum in den Profifußball schaffen, sehr gering. Man spricht derzeit von etwa vier Prozent aller Fußballer, die es in die 1., 2. oder 3. Liga schaffen. Was muss verbessert werden, damit die Quote steigt?

Chatzialexiou: Wir müssen die Qualität der jungen deutschen Spieler erhöhen. An einem guten Spieler - ob jung oder alt - kommt kein Trainer vorbei. Hier sehen wir uns gemeinsam mit den Vereinen in der Verantwortung. Vieles gehen wir bereits an, manche Pläne für die Zukunft versuchen wir im Hintergrund voranzutreiben. Uns ist es aber auch wichtig, den Spielern Rüstzeug für ein Leben außerhalb des Spielfeldes auf den Weg zu geben. Wie gut die Ausbildung auch ist - es kann nur eine geringe Anzahl der Leistungszentren-Spieler Profi werden, alle anderen müssen ihre Brötchen später auf anderen Wegen verdienen. Der Druck ist enorm, denn es schaffen ja nur die Wenigsten.

Wie kann der Druck herausgenommen werden? Fußball ist ja nun einmal Teil unserer Leistungsgesellschaft.

Chatzialexiou: Wir müssen weg vom Prozess der Selektion hin zu einem Prozess der Entwicklung. In unserem 'Projekt Zukunft' arbeiten wir beim DFB beispielsweise an einem modifizierten Terminkalender und an alternativen Wettbewerbsformen, um den ständigen Druck zu reduzieren. Wir benötigen Druck - aber nicht in jedem Spiel und in jeder Einheit. Die Entwicklung muss vor Resultaten stehen! Wir wollen den Spielern ermöglichen, mal wieder mit ihrer Familie in den Urlaub zu fahren.

Sind die Jugend-Bundesligen nicht stark genug?

Chatzialexiou: Schon der Name ‚Jugend-Bundesliga‘ weckt bei den Spielern Hoffnungen, die kaum gehalten werden können, denn von der richtigen Bundesliga sind sie ja noch weit entfernt. Das Niveau in den Ligen ist okay, aber es gibt zum Beispiel weniger Startplätze in diesen Ligen als Leistungszentren. Dieser Umstand fördert den Selektionsprozess, um mit allen Mitteln in der höchsten Klasse zu spielen. Schon in jungen Jahren rückt der Ergebnisfußball in den Mittelpunkt, um die Klasse zu halten. Dies alles ist kontraproduktiv und steht unseren Zielen entgegen. Das System trägt Mitschuld an den aktuellen Entwicklungen!

Das Gespräch führte Olaf Jansen

Stand: 12.10.2020, 12:45

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