Kommentar: Strategiepapier ohne Strategie

Eine Plenarsitzung im Bundestag

Nationale Sportgroßveranstaltungen

Kommentar: Strategiepapier ohne Strategie

Von Bianka Schreiber-Rietig

Nach 15-monatiger Zusammenarbeit mit dem Deutschen Olympischen Sportbund DOSB wurde ein Papier mit dem Titel "Nationale Strategie Sportgroßveranstaltungen" geboren. Das nahm sich jetzt der Sportausschuss des Deutschen Bundestages in einer öffentlichen Anhörung vor. Ein Kommentar.

Tatsächlich ist es dringend notwendig, sich mit einer Strategie zu beschäftigen. Das zeigen die Vorgänge um "Rhein Ruhr City", wo nun die siebte deutsche Bewerbung seit 1972 dilettantisch versiebt wurde. Das Team Bundesinnenministerium (BMI)/DOSB hat also einen langen Anlauf genommen - und ist dann doch wieder zu kurz gesprungen. Die 103 Seiten sind eine Zusammenfassung altbekannter Argumente und Fakten, teilweise einer nostalgischen Betrachtung des Spitzensports und einer Art Betriebsanleitung für das Ausrichten von Sportevents - ein Strategiepapier ohne Strategie.

"Grundsätzliche Defizite"

Der deutsche Sport hat eine Menge verschlafen. Sylvia Schenk von Transparency International nennt es freundlich "grundsätzliche Defizite". Nachhaltigkeit, Umsetzung internationaler Standards in Sachen Transparenz, Good Governance, Stakeholder-Einbindung oder Menschenrechtsfragen - Note ungenügend.

Und die Verantwortlichen müssen sich sagen lassen, dass sie international nichts mitkriegen. Noch immer meint der DOSB, dass er auf der Weltsportbühne gut vertreten ist. Doch nicht nur Johannes Herber von Athleten Deutschland beklagt, dass die internationale aber auch nationale Vernetzung zu wünschen übrig lasse.

Unsicherheit: Strategie oder Konzept?

BMI-Staatssekretär Stephan Mayer war sich während des Hearings zum Strategiepapier am Mittwoch  zumindest in der Wortwahl auch nicht mehr ganz sicher, ob er nun über eine Strategie oder ein Konzept redete. Klar jedenfalls sei: Man habe eine Reihe von Dingen noch nicht zu Ende gedacht, das räumte Kareeh Niroomand als sein direkter DOSB-Partner ein. Aber was und wie will man dann in Zukunft umsetzen?

Viele Fragen bleiben. Wie etwa: Wie will man Bürger wieder für Sportgroßveranstaltungen begeistern? Sicher nicht mit Geschwurbel über Stahlkraft, Werte und Vorbildfunktion des Sports. Damit hätte man sicher noch viele Menschen in den 80er-Jahren begeistert, aber heute ist auch die Sportwelt in Deutschland eine andere. Und das nicht nur in Pandemiezeiten.

Die Autoren des Papiers formulieren ja selbst, dass die Strahlkraft von Sportgroßveranstaltungen unter Skandalen in der olympischen Familie in nationalen ebenso wie in internationalen Verbänden zu leiden habe. Tatsächlich ist sie mittlerweile auf Taschenlampenformat geschrumpft.

Helfen weitere Heldensagen?

Also wie soll Sportdeutschland in Euphorie versetzt werden? Mit in dem Papier herausgestellten Heldensagen wie der vom Turner Toba, der trotz Verletzung bei Olympia in Rio weiterturnte und sein Team im Wettbewerb hielt? Sicher nicht, zumal wenn man gleichzeitig darauf verweist, dass man für gesunden Sport steht. Braucht es wirklich Spitzensport und große Sportevents, damit die Deutschen näher zueinanderfinden und sich mit ihrem Land identifizieren? Willkommen im 21. Jahrhundert.

Nein, dieses Narrativ des Sports ist überholt. Es geht schlicht um Gewinn und Prestige bringende Sportgroßereignisse. Dabei führt das Papier Olympische Spiele gar nicht mehr als oberste Priorität, das sei nicht mehr "explizites Ziel der Strategie", heißt es. Um das Thema Olympia werde herumgeeiert, sagt auch Sylvia Schenk.

Deutschland kann Großveranstaltung

Großveranstaltung ist nicht mehr gleich Großveranstaltung. Will man nur noch lauschige Weltmeisterschaften mit Bierzeltfestcharakter? Natürlich nicht: Die Deutschen können Großsportveranstaltungen. Selbst unter Pandemiebedingungen.

Wie gerade die Nordische Ski-WM in Oberstdorf. Oder vor kurzem die Bob- und Rodel-WM in Altenberg. Das sind zwei Beispiele, die aber auch ohne Covid-19 eher nur ein (regionales) Fachpublikum, Sponsoren und das Institut für Forschung und Entwicklung von Sportgeräten (FES) in Verzückung versetzen.

Und auch über ein neues Finanzierungskonzept jenseits von öffentlichen Mitteln ist in dem Strategiepapier nichts zu finden. Wie passt das zur Autonomie des Sports, auf die der DOSB so gerne pocht, wenn man sich immer weiter finanziell abhängig macht? Und wer hat dann im entscheidenden Kompetenzgremium das Sagen?

Allein 1,25 Millionen Euro wurden für externe sportferne Beraterfirmen und ihren Input für das Strategiepapier ausgegeben, die besser im Kinder- und Jugendsport angelegt wären. Es wird sicher spannend, wo der Orientierungslauf, zu dem die Strategen aus BMI und DOSB mit einer alten Landkarte angetreten sind, sie hinführen wird.

Stand: 04.03.2021, 11:34

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