Sexualisierte Gewalt: Judotrainer zu sieben Jahren Haft verurteilt

Ein schwarzer Gurt beim Judo

Urteil des Landgerichts Berlin

Sexualisierte Gewalt: Judotrainer zu sieben Jahren Haft verurteilt

Von Andrea Schültke

Das Berliner Landgericht hat einen Judotrainer wegen teilweise schweren sexuellen Straftaten zu sieben Jahren Haft verurteilt. Der Fall zeigt auch, wie schwer sich die Verbände tun, bei Verdachtsmomenten Maßnahmen zu ergreifen.

"Ich werde das Recht des mir anvertrauten Kindes, Jugendlichen und jungen Erwachsenen auf körperliche Unversehrtheit achten und keine Form der Gewalt, sei sie physischer, psychischer oder sexualisierter Art ausüben." So steht es im Ehrenkodex des Deutschen Judobundes. Den hatte 2018 auch der nun vor dem Landgericht Berlin angeklagte Judotrainer unterzeichnet. Eine Unterschrift ohne Wert, wie bei der Urteilsverkündung deutlich wurde.

Betroffene zur Tatzeit zwischen 11 und 17 Jahren

Das Gericht verurteilte den Mann zu sieben Jahren Haft wegen vielfacher, teilweise schwerer sexueller Gewalttaten an seinen schutzbefohlenen Sportlern. Der Vorsitzende Richter Norbert Nowak beschrieb in seiner Urteilsverkündung detailliert die 20 Übergriffe, die der Angeklagte den sieben Betroffenen angetan hatte. Die Rede war von brutalen Schlägen, die in sexuellen Handlungen mündeten, "in einigen Fällen auch in Tateinheit mit Vergewaltigung oder Körperverletzung", so Gerichtssprecherin Lisa Jani.

Die Betroffenen, zur Tatzeit zwischen 11 und 17 Jahren alt, waren bei der Urteilsverkündung im Gerichtssaal. Was sie durchmachen mussten, in einem Alter, als sie noch keine Worte hatten für das, was ihr Trainer ihnen antat, konnten die Zuhörenden im Saal wenn überhaupt nur erahnen. "Sie sind rücksichts- und empathielos vorgegangen", bescheinigte der Richter dem Angeklagten. Bei den Taten habe er seinen Judoka auch Schmerzen zugefügt. "Sie sollten ihre Einsatzbereitschaft fürs Judo demonstrieren", war eine der Begründungen, die der Angeklagte benutzt habe, um seine Schützlinge körperlich zu züchtigen und sich dann an ihnen zu vergehen.

Schläge in der "Gasse"

Auch während des Trainings soll es zu groben Ritualen gekommen sein, etwa der sogenannten "Gasse". Die Sportler hätten sich gegenübergestellt, schilderte ein Zeuge während des Verfahrens. Der Athlet, der etwa als Strafe durch die Gasse laufen musste, sei von den anderen mit der Hand oder dem Judogürtel geschlagen worden, so fest sie wollten.

"Für uns war das ein Spaß", schilderte der Zeuge. "Wir haben das manchmal sogar gefordert und gerufen: 'Gasse, Gasse'." Der Zeuge berichtet auch von anderen sexualisierten Ritualen im Training des Angeklagten. Junioren-Bundestrainer Bruno Tsafack schüttelt darüber den Kopf: "Ich kann nicht verstehen, warum ein erwachsener Mensch das zulässt."

Judo-Juniorenbundestrainer Bruno Tsafack: "Es steht und fällt mit der Haltung des Trainers" Sportschau 08.12.2020 01:07 Min. Verfügbar bis 08.12.2021 Das Erste

Vertrauen der Judoka und Eltern missbraucht

Der Angeklagte sei für die Judoka eine Respektsperson gewesen, die sie bewundert hätten. "Es war ein Wechselspiel", sagte der Richter, "zwischen Zuneigung, Nähe und Strafe". Für die Jungen war ihr Trainer so etwas wie eine Vaterfigur. "Im Rahmen ihrer Vereinszugehörigkeit wuchsen die Sportler in ein Abhängigkeitsverhältnis zu Ihnen hinein", wendete sich Richter Norbert Nowak an den Angeklagten.

Judo-Juniorenbundestrainer Bruno Tsafack: "Das Erziehungssystem Judo ist ausgenutzt worden" Sportschau 08.12.2020 01:40 Min. Verfügbar bis 08.12.2021 Das Erste

Der Trainer habe das Vertrauen missbraucht, das ihm die Judoka und ihre Eltern entgegengebracht hätten. Denn er soll sich neben den sportlichen auch um erzieherische Fragen gekümmert haben. So hätte er Einblick in Zeugnisse haben wollen und gesagt, nur ein guter Schüler könne auch ein guter Judoka sein.

Das und seine berufliche Tätigkeit als Anwalt hätte die Eltern überzeugt. So sehr, dass sie ihre Kinder mit ihm auf Fahrten zu Trainingslagern nach Schweden oder zu Wettkämpfen geschickt hätten. Unter anderem bei den gemeinsamen Übernachtungen dort soll es zu den Übergriffen gekommen sein. "Athlet und Trainer haben nicht im selben Zimmer zu übernachten", stellt Juniorenbundestrainer Bruno Tsafack klar.

Unterschrift unter aktualisierten Ehrenkodex verweigert

Genau so steht es auch seit dem vergangenen Jahr in den Verhaltensregeln, die der Deutsche Judobund seinem aktualisierten Ehrenkodex hinzugefügt hat: "Bei Übernachtungen (im Rahmen eines Trainingslagers/einer Wettkampffahrt usw.) schlafe ich grundsätzlich nicht im selben Zimmer wie die (minderjährigen) Teilnehmer/innen."

Seine Unterschrift unter den aktualisierten Ehrenkodex hat der Beschuldigte auch nach Gesprächen mit dem Deutschen Judobund verweigert, wie der damalige Geschäftsführer Reinhard Nimz bereits im Mai gegenüber dem Deutschlandfunk erklärte.

Reinhard Nimz, ehem. Geschäftsführer des DJB: "Er wollte nicht unterschreiben"

Sportschau 08.12.2020 00:32 Min. Verfügbar bis 08.12.2021 ARD


Trotz Verdachtsmomenten weiter trainiert

Dennoch sahen weder Landes- noch Dachverband nach Bekanntwerden der Vorwürfe im vergangenen Sommer eine Möglichkeit, dem Angeklagten die Trainerlizenz zu entziehen. Eine Suspendierung vom Trainingsbetrieb hätte nur der Verein aussprechen können, hieß es. Da der Beschuldigte Trainer und gleichzeitig Vereinsvorsitzender des Judoklubs in Berlin war, ist das nicht passiert.

Er konnte weiter agieren - bis zu seiner Verhaftung im November. "Die Vorstellung, dass der Trainer weiter trainiert hat, wenn schon Verdachtsmomente da sind und die Verbände Bescheid wissen, ist für mich kaum aushaltbar. Das kommt einem vor wie unterlassene Hilfeleistung", beschreibt ein Vater seine Gefühle. Nun ist es an den Verbänden, den Entzug der Trainerlizenz erneut zu prüfen. Wie der Deutsche Judobund auf Anfrage mitteilte, "ruht die Lizenz bereits ab Ermittlungsverfahren. Mit Rechtskraft wird ein Entzug erfolgen".

Offen bleibt auch eine andere Frage: Sollte der Beschuldigte nach seiner Haftentlassung nach Schweden ziehen, wo er ein Ferienhaus besitzt und dort eine Lizenz beantragen – gibt es Möglichkeiten, den dortigen Verband über die Vorwürfe zu informieren? Der DJB habe bisher keine Kenntnisse von Ferienhäusern des Angeklagten, schreibt der Dachverband auf eine Anfrage von sportschau.de, "wird aber beim schwedischen Verband proaktiv die Anfrage stellen, ob er dort eine Lizenz hat und sich mit den Kollegen über das weitere Vorgehen austauschen".

Angeklagter nimmt Urteil reglos auf

Seit einem Jahr sitzt der Angeklagte in Untersuchungshaft, und das bleibt auch nach der Urteilsverkündung so. Die nahm der ehemalige Trainer reglos auf. Während des gesamten Verfahrens hatte er die Taten bestritten und für diese Ansicht unter anderem die These aufgestellt, die älteren Jungen hätten ihn aus finanziellen Interessen belastet.

Wohl auch deshalb wendete sich Richter Norbert Nowak direkt an den Beschuldigten: "Sie haben die Taten begangen, Sie schließen die Augen davor, Ihre Verteidigungsstrategie hat versagt, die Taten haben so stattgefunden." Damit machte der Richter vollkommen klar: Die Kammer hat den Aussagen der Betroffenen geglaubt.

Die ehemaligen Judoka und ihre Familien wirkten erleichtert, als sie aus dem Gerichtssaal kamen. Richtig aufatmen können sie allerdings noch nicht. Es gilt als sicher, dass der Angeklagte in Revision geht. So wird es noch bis weit ins nächste Jahr hinein dauern, bis das Urteil rechtskräftig ist und die Betroffenen für sich damit abschließen können.

Stand: 08.12.2020, 13:14

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