Gewichtheben von neuen Enthüllungen erschüttert

Die thailändische Gewichtheberin Rattikan Gulnoi

Zwischenbericht der WADA

Gewichtheben von neuen Enthüllungen erschüttert

Von Nick Butler und Jörg Mebus

Tausch-Urin, Doppelgänger und ein Klima der Angst: Ein Zwischenbericht der WADA über die Ermittlungen im Gewichtheber-Milieu vergrößert die Nöte der traditionsreichen Sportart.

Neue Enthüllungen der Welt-Anti-Doping-Agentur WADA erschüttern das internationale Gewichtheben und stellen die olympische Zukunft der traditionsreichen Sportart mehr denn je infrage. Der weit verbreitete Einsatz von Tausch-Urin und Doppelgängern bei Dopingtests zur Verhinderung positiver Ergebnisse gehört zu den neuen Vorwürfen, die die WADA in einem Zwischenbericht zu ihren Untersuchungen im Gewichtheber-Milieu am Donnerstag (23.10.2020) erhob.

Die jüngsten Enthüllungen folgen auf ein monatelanges Chaos in einer der ältesten olympischen Sportarten, nachdem im Januar in der ARD-Dokumentation "Der Herr der Heber" erstmals Vorwürfe wegen Korruption und Doping-Vertuschung im Weltverband IWF erhoben worden sind. Zuletzt war die Interims-Präsidentin Ursula Papandrea, die nach dem erzwungenen Abtritt des mächtigen Verbandsbosses Tamás Aján einige Reformen angestoßen hatte, von dessen Verbündeten abgesetzt worden.

18 Beschuldigte – und eine hohe Dunkelziffer

18 Gewichtheber aus sechs Ländern werden nun beschuldigt, Proben mit gefälschtem Urin eingereicht zu haben, um einen positiven Test zu vermeiden. Die Fälle wurden durch eine neue Methode der DNA-Profilanalyse identifiziert. Die WADA vermutet, dass viel mehr Fälle ans Tageslicht gekommen wären, wenn die Proben nicht vorschnell vernichtet worden wären.

Namen und Nationalitäten der beschuldigten Athleten, die etwa mit Hilfe von Doppelgängern positive Testergebnisse verhindert hatten, nannte die Anti-Doping-Dachorganisation nicht. Stattdessen wurden die Fälle zur weiteren Analyse an die International Testing Agency weitergeleitet, die mittlerweile für das Anti-Doping-Programm der IWF zuständig ist.

Geheimsache Doping - der Herr der Heber Sportschau 18.04.2020 45:00 Min. Verfügbar bis 18.04.2021 Das Erste

"Die WADA ist entsetzt über das, was ihre Ermittlungsabteilung bei dieser Untersuchung aufgedeckt hat", sagte der polnische Präsident der in Montreal ansässigen Organisation, Witold Banka. In einer Erklärung fügte er hinzu: "Zu lange mussten sich saubere Gewichtheber mit einer in ihrem Sport tief verwurzelten Dopingkultur auseinandersetzen, in der ein Klima der Angst dafür sorgte, dass die Wahrheit verborgen blieb, und diejenigen, die das Richtige tun wollten, isoliert wurden.

Fünf Millionen Dollar aus Russland?

Der Ungar Aján war im April nach 20 Jahren als IWF-Präsident als Folge der ARD-Enthüllungen zurückgetreten. Ein unabhängiger Bericht im Juni bestätigte und erweiterte dann viele der Vorwürfe und stellte unter anderem fest, dass der Verbleib von mehr als zehn Millionen Dollar an IWF-Geldern ungeklärt ist.

Der WADA-Bericht gibt nun an, dass "zwischen 2012 und 2016 ein hochrangiges Mitglied der IWF angeblich etwa fünf Millionen Dollar von russischen Stellen erhalten haben soll, um die Dopingvorwürfe gegen russische Gewichtheber zu vertuschen". Diese Beträge sollen innerhalb der IWF unter "Geldstrafen" für Dopingfälle verbucht worden sein. Die Identität dieses Funktionärs wird nicht genannt. Der Bericht zitiert "weitere vertrauliche Quellen, die bereit sind, Informationen über den damaligen Präsidenten der IWF, Herrn Tamás Aján, zu liefern". Diese behaupten, dass Aján "routinemäßig" seinen ungarischen Diplomatenpass benutzt habe, "um große Geldsummen ungestört nach und aus Ungarn heraus zu transportieren".

Die amerikanische Interimspräsidentin Papandrea war in der vergangenen Woche zunächst durch den thailändischen Vizepräsidenten Intarat Yodbangtoey ersetzt worden, der im IWF-Untersuchungsbericht des kanadischen Chefermittlers Richard McLaren als Erfüllungsgehilfe Ajáns schwer belastet wird. Nach weltweiten Protesten gegen diese Personalie wurde der Brite Michael Irani als Interimspräsident eingesetzt, der sich als Vorsitzende der medizinischen Kommission allerdings in der langen Regentschaft Ajáns nicht gerade als Kritiker des Alleinherrschers hervorgetan hat.

Proben nach drei Monaten vernichtet

Die WADA erklärte, die Erkenntnisse deuteten darauf hin, "dass viele Gewichtheber wenig bis gar kein Vertrauen hatten, dass ihr nationaler oder internationaler Verband ihre besten Interessen und die besten Interessen des Sports schützt". Kritisiert wurden auch die geltenden Anti-Doping-Bestimmungen, die es einem Labor erlauben, eine vermeintlich negative Probe nach nur drei Monaten zu vernichten - zehn Jahre Aufbewahrung sind technisch heute ohne Probleme möglich.

Aján, bis zu diesem Jahr ein einflussreicher Funktionär und Ehrenmitglied des IOC, war auch Gründungsmitglied der WADA und hat über Jahre hinweg eine Schlüsselrolle bei der Gestaltung ihrer Politik gespielt. Das IOC hatte die IWF, zuletzt auch in Person von Präsident Thomas Bach, mehrfach zu verstärkten Reformbemühungen aufgefordert. Nach der Absetzung von Papandrea und dem neuen WADA-Bericht dürfte der Weltverband im Dezember nun noch schlechtere Karten haben, wenn die IOC-Exekutive erneut über das Programm der Spiele von Paris 2024 und Los Angeles 2028 berät.

Stand: 22.10.2020, 22:03

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