Der Sport in Belarus positioniert sich

Demonstranten in Minsk

Proteste in Minsk

Der Sport in Belarus positioniert sich

Von Robert Kempe und Evgenij Rudnij

Nach den umstrittenen Präsidentschaftswahlen in Belarus gehen die Menschen aus Protest auf die Straße. Nach und nach beteiligt sich auch der Sport, der ansonsten eine enge Verbindung zu Präsident Lukaschenko pflegt. Dessen Regime reagiert auf die breiten Proteste mit harter Gewalt.

"Man muss sich zusammenschließen und alles unternehmen, damit die Regierung aufhört, ihr eigenes Volk zu morden", sagt Jewgeni Kostjukewitsch, bis vor kurzem Torhüter beim ehemaligen belarussischen Fußball-Erstligisten NFK Krumkachi Minsk. "Wir sind hier ruhige, geduldige Menschen, keiner will Krieg."

Jagd auf die Bevölkerung

Doch die Bilder aus Belarus, die seit der umstrittenen Wahl aus dem Land nach draußen dringen, erinnern an ein Kriegsgebiet. Schwer bewaffnete Sicherheitskräfte gehen brutal gegen Demonstranten vor. Es wird geschossen, Tränengas und Blendgranaten gegen die Proteste eingesetzt. Spezialeinheiten der Polizei und des Militärs machen Jagd auf die Bevölkerung. "So schrecklich und hart, wie die Sicherheitskräfte auf die Leute losgelassen werden, ist fürchterlich. In keiner modernen Welt könnte man so etwas veranstalten", sagt Oleg Hulak, Vorsitzender des belarussischen Helsinki-Komitees, der ältesten Menschenrechtsorganisation des Landes.

Doch Präsident Alexander Lukaschenko zieht derzeit alle Register, um sich an der Macht zu halten. An die 80 Prozent der Stimmen, die er laut zentraler Wahlkommission bei den Präsidentschaftswahlen am 9. August erhalten haben soll, glauben in Belarus die wenigsten Menschen, sprechen von Wahlbetrug. Bei den Protesten dabei sind mittlerweile auch Sportler. Das sei in einem Land, in dem Sport und Politik eng verbunden seien, keine Selbstverständlichkeit, erzählt der belarussische Sportjournalist Alexander Ivulin sportschau.de. "Natürlich liebt Staatspräsident Lukaschenko den Sport. Viele Sportler schweigen oder unterstützen sogar die Regierung, weil sie privilegiert sind, gutes Geld verdienen und die Möglichkeit haben, gut zu trainieren. Die Bedingungen für die Sportler sind in Belarus sehr gut."

"Ich spucke auf meine Karriere"

Einer, der protestieren geht, ist der Fußballer Jewgeni Kostjukewitsch. Ihn hat die Gewalt des Staates gegen die eigene Bevölkerung auf die Straße getrieben. "Wissen Sie, ich spucke auf meine Karriere! Ich habe für mich längst entschieden, dass solcher Fußball in einem solchen Land für mich uninteressant ist. Ja, Fußball brachte mir jahrelang emotional sehr viel, aber was Geld und Karriere angeht, ist das doch alles lächerlich", sagt er.

Fußballprofi Kostjukewitsch: "Ich spucke auf meine Karriere" 02:33 Min. Verfügbar bis 14.08.2021

Mindestens 7.000 Menschen sollen während der Proteste verhaftet worden sein, gut 1.000 wurden inzwischen wieder freigelassenen. Die berichten von überfüllten Gefängniszellen, Prügel, Erniedrigung und Folter. In Haft saßen und sitzen auch prominente Sportler wie etwa Anton Saroka, Nationalspieler von Bate Borissow, der erfolgreichsten Fußball-Vereinsmannschaft des Landes. Er ist inzwischen wieder frei, genau wie der Eishockeyspieler Ilja Litwinow, der laut belarussischen Medienberichten auf dem Rückweg vom Training war, als er von der Polizei angehalten, verhaftet und verprügelt wurde.

Darja Domratschewa im Fokus

Andere Athleten äußern sich in sozialen Netzwerken kritisch gegenüber dem Regime und fordern seinen Rücktritt. Doch offizielle Interviews wollen sie der Sportschau nicht geben, sie fürchten Repressionen gegen sich und ihre Familien. "Sport in Belarus ist ja eine staatliche Angelegenheit und wenn du auf die Straße gehst, dann wirst du deinen Job natürlich los, weil du nicht mehr vertrauenswürdig bist", so Sportjournalist Alexander Ivulin.

Besonders im Fokus steht derzeit Darja Domratschewa. Die ehemalige Biathletin und viermalige Olympiasiegerin forderte die Sicherheitskräfte zum Gewaltverzicht auf, doch die Aussagen der "Heldin von Belarus" gehen vielen nicht weit genug. In den sozialen Netzwerken kritisieren sie Domratschewas Nähe zu Staatspräsident Lukaschenko. Der ist seit 1997 auch Präsident des Nationalen Olympischen Komitees von Belarus und damit höchster Sportfunktionär des Landes. Den Sport hat er fest im Griff, erklärt Sportjournalist Ivulin: "Sie behaupten zwar, dass der Sport außerhalb der Politik steht, aber alle großen belarussischen Sportverbände haben vor den Wahlen sehr viel Werbung für die Regierung gemacht. Meiner Meinung nach ist das eine direkte Überschreitung der internationalen Sportregeln und Prinzipien und ich denke, man kann es auch bestrafen."

Sportjournalist Ivulin: "Direkte Überschreitung der internationalen Sportregeln und Prinzipien" Sportschau 14.08.2020 00:53 Min. Verfügbar bis 14.08.2021 Das Erste

Lukaschenko musste vom Sport nichts fürchten

Die vom Sport immer wieder postulierte Autonomie und Trennung von der Politik - in Belarus unter Lukaschenko wird sie ignoriert. Doch der Präsident musste vom internationalen Sport bisher wenig fürchten. Im Gegenteil: im vergangenen Jahr fanden die Europaspiele in Minsk statt, veranstaltet vom Europäischen Olympischen Komitee. Das zeichnete Lukaschenko schon vor Jahren mit einem Orden für seinen "herausragenden Beitrag zur olympischen Bewegung" aus.

Im nächsten Jahr soll zudem die Eishockey-WM in der belarussischen Hauptstadt stattfinden. Keine Kritik am Vorgehen von Lukaschenko gibt es von der UEFA, die will weiter an ihrem für März kommenden Jahres geplanten Kongress in Minsk festhalten. Auf Sportschau-Anfrage legt die UEFA Wert auf die Feststellung, dass der Verband den Kongress organisiere und nicht die belarussische Regierung.

Von den internationalen Sportverbänden scheint also wie so oft wenig Unterstützung für Bürger und Sportler zu erwarten sein. Die nehmen ihr Schicksal längst in die eigene Hand: "Mein Gewissen erlaubt es mir nicht zu schweigen", so Jewgeni Kostjukewitsch, "ich würde mich schämen, wenn ich nichts tun würde. Vor allem, wenn man sieht, dass unschuldige Menschen verprügelt werden."

Stand: 14.08.2020, 17:22

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