Rafael Nadal bei den Australian Open

Tennis | Australian Open

Rafael Nadal ist die Wundertüte der Australian Open

Stand: 19.01.2022, 18:11 Uhr

Ist Rafael Nadal einer der Mitfavoriten bei den Australian Open? Diese Frage könnte der Spanier wohl nicht mal selbst beantworten. Aber gut in Form scheint er zu sein.

Von Jörg Strohschein

Rafael Nadal feierte seinen souveränen Drei-Satz-Erfolg (6:2, 6:3, 6:4) am Mittwoch (19.01.2022) gegen Yannick Hanfmann, als wäre es ein besonders enges Match gewesen. Dabei machte der Spanier nur das, was er immer macht, wenn er auf einem Tenniscourt steht: Er feuerte mit seinen wilden Schlägen den kleinen gelben Tennisball nur so um sich und setzte den Deutschen permanent unter Druck, bis dieser sich ergeben und geschlagen geben musste.

Es war ein typisches Nadal-Spiel. Kurz und kompromisslos. Hanfmann, der nicht schlecht gespielt hat, war insgesamt überfordert. "Er ist ein Spieler mit starken Schlägen, einem guten Aufschlag, und viel Potenzial. Sein Tennis-Level ist viel höher als sein Ranking, ohne Zweifel", sagte Nadal über seinen Kontrahenten voller Anerkennung. Hanfmann ist 126. in der Weltrangliste. Auch das zeichnet den Spanier seit jeher aus: der Respekt vor seinen Gegnern.

Nadal litt unter Covid

Dieses Spiel könnte aber auch ein deutliches Statement des mittlerweile 35 Jahre alten Spaniers gewesen sein. Ist mit ihm bei diesem Turnier wieder zu rechnen? So ganz genau weiß das bisher niemand. Immerhin: Er befindet sich in der oberen Hälfte des Turnier-Tableaus, in der sich die Nummer eins, Novak Djokovic, auf unrühmliche Weise selbst aus dem Turnier genommen hatte. Der nächste große Gegner in seinem Feld heißt Alexander Zverev - auf den er im Viertelfinale treffen kann.

Nadal ist erfolgreich auf den Hardcourt zurückgekehrt. Ein halbes Jahr hatte er aufgrund einer Fußblessur aussetzen müssen und reihte diese neuerliche Verletzung in eine lange Liste der Leiden ein, die ihn in seiner Karriere immer wieder heimgesucht hatten. Zudem hatte er eine Covid-Erkrankung durchzustehen, kurz bevor er nach Down Under geflogen war. "Ich war sehr krank während Covid. Die Empfindungen waren in diesen sieben Tagen nicht gut, vor allem die ersten vier Tage, die ziemlich hart waren", sagte Nadal.

Keine dauerhafte Höchstbelastung

Aber er hat sich erneut zurückgekämpft, sieht schlanker, weniger muskelbepackt aus als im vergangenen Jahr. Und er gewann im Vorfeld des Grand-Slam in Melbourne ein Turnier der 250er-Kategorie an gleicher Stelle. Weniger körperliche Masse, mehr Geschmeidigkeit zeichnen ihn in diesen Tagen von Melbourne bei den Australian Open aus. "Ich habe ein bisschen Golf gespielt", sagte Nadal über seine Saison-Vorbereitung und belustigte damit das Publikum.

Tatsächlich wirken vor allem seine Arme weniger ausgeprägt als in den Jahren zuvor. "Ich war nie jemand, der gerne in den Kraftraum gegangen ist", sagte Nadal. Vor dieser Saison scheint er seine Abneigung gegen die Gewichte tatsächlich ausgelebt zu haben. Auch, weil ihm sein Körper immer wieder einen Streich spielt.

"Ich bin ein Fan davon zu spielen", sagte er und räumte ein, nur alle paar Tage eine bis eineinhalb Stunden Gewichte gestemmt zu haben. Sein Körper lässt offenbar dauerhafte Höchstbelastungen nicht mehr regelmäßig zu. "Manchmal war ich in der Lage gut zu trainieren, manchmal eben nicht. Ich wollte arbeiten können, manchmal mit Tennis, manchmal eben im Kraftraum", so Nadal.

Reicht die Kraft für fünf Sätze?

Zverev hatte bei einer gemeinsamen Trainingseinheit mit den Spanier im Vorfeld der Australian Open allerdings einen ganz anderen Eindruck und bescheinigte Nadal eine gute Form, die dieser bisher auch unter Beweis stellte. Allerdings: Niemand - auch nicht Nadal - weiß, wie es mit der Kraft aussieht, wenn der Spanier ein intensives Match über fünf Sätze absolvieren müsste. Das letzte Mal hatte er im vergangenen Sommer bei den French Open diese körperliche Herausforderung meistern müssen. Eine halbe Ewigkeit entfernt.

Ob er seinen 21. Grand-Slam-Titel in Australien gewinnen kann? "Es ist offensichtlich, dass nichts klar ist", sagte Nadal, der sich offenbar auch selbst gerade eine Wundertüte ist.

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