Planspiele mit vielen Unbekannten

Saarbrückens Trainer Lukas Kwasniok steht nach Spielende im leeren Völklinger Stadion

Probleme im DFB-Pokal

Planspiele mit vielen Unbekannten

Von Frank Hellmann

Erst am 22. August wird feststehen, wer wirklich an der 1. Hauptrunde im DFB-Pokal teilnimmt. Der Verband hat vorsorglich zahlreiche Vereine angeschrieben, sich für eine mögliche Teilnahme an der Hauptrunde zu wappnen. Das sorgt mancherorts für Irritationen. Vom DFB heißt es: "Es ist nicht so, dass wir die Vereine dazu zwingen, in große Stadien zu gehen."

Schon vor Wochen hat der 1. FC Düren von einer historischen Chance gesprochen – und damit die Teilnahme am Endspiel um den Mittelrhein-Pokal gemeint. Seitdem in der ARD-Sportschau am vergangenen Sonntag (26.07.2020) die Auslosung für die 1. Hauptrunde im DFB-Pokal vollzogen wurde, könnte die Euphorie rund um den Fünftligisten kaum größer sein. Der Landespokalsieger Mittelrhein trifft nämlich zwischen dem 11. und 14. September auf den FC Bayern.

Schlecht stehen die Dürener Chancen nicht: Für das Topteam aus der Mittelrheinliga geht es zuerst im Halbfinale am 15. August gegen den Ligagefährten und Lokalrivalen Viktoria 08 Arnoldsweiler, ein Stadtteil von Düren. Im anderen Halbfinale stehen sich Alemannia Aachen (Regionalliga West) und der FC Pesch (Mittelrheinliga) gegenüber. Topfavoriten wie Viktoria Köln oder Fortuna Köln sind schon vorher ausgeschieden. "Wir sind große Fans davon, einen Schritt nach dem anderen zu machen", sagt Dürens Pressesprecher Kevin Teichmann gegenüber der Sportschau. Wohl wissend, dass natürlich das "Jahrhundertlos" (Trainer Giuseppe Brunetto) locken würde, sollte sein Klub den Mittelrhein-Pokal gewinnen. Das Finale steigt am 22. August, dem Finaltag der Amateure (live im Ersten). "Wenn man den Bären erlegt, wäre das Fell sehr üppig", sagt Teichmann.

Die Westkampfbahn soll es in Düren sein

Entsprechend groß ist der Arbeitsbedarf für alle vier infrage kommenden Bayern-Gegner aus dem Fußball-Verband Mittelrhein. Die 90.000-Einwohner-Stadt will auf alle Fälle gewappnet sein: Der 1. FC Düren würde zunächst seine Westkampfbahn als Spielort benennen, die die älteste Fußball-Holztribüne in Deutschland besitzt. 6.000 Zuschauer drängelten sich hier im Vorjahr zum Halbfinale des Mittelrhein-Pokal gegen Alemannia Aachen – in der Pandemie undenkbar. Ausweichspielstätten könnten Aachen oder Köln sein.

Teichmann weiß, dass über die Besucherzahl nur Mutmaßungen angestellt werden können, "weil wir uns in einer sehr schwierigen, weil dynamischen Lage befinden." Entsprechend kompliziert sind überall die Planspiele, vermutlich hat Dürens Pressesprecher sogar Recht, wenn er sagt: "Noch nie war ein Los FC Bayern so unattraktiv wie in diesem Jahr." Weil womöglich nur wenige Anhänger vor Ort solch eine Ausnahmepaarung live erleben können.

Formulare sind umfangreich

Der DFB hat bereits an alle möglichen Teilnehmer der 1. Hauptrunde die entsprechenden Formulare gesandt, die sich mit den verbundenen Auflagen für eine Austragung beschäftigen. Im Normalbetrieb hätten zwischen dem Finaltag der Amateure im Mai und der ersten Pokalrunde im August drei Monate gelegen – genug Zeit, um in Ruhe abzuklären, wo unter welchen Bedingungen gespielt werden kann. Doch in Corona-Zeiten ist der ansonsten bewährte Ablauf nicht mehr einzuhalten. Daher kann nicht bis zum Finaltag der Amateure gewartet werden.

Zwei Wochen Vorlauf würden nicht ausreichen, heißt es von DFB-Seiten, der wegen der Live-Übertragungen aller Spiele inzwischen recht hohe Anforderungen stellt. Allein die Durchführungsbestimmungen umfassen 81 Seiten. Dazu kommen mehr als ein Dutzend PDF-Dateien. Stadionkapazität, Gästeblock, Fantrennung, Medien-TV-Compound, Flutlicht – die Liste der Auflagen war schon vor Corona lang. Nun kommt das Hygienekonzept noch obendrauf. Für manch einen Klub, der zudem heute noch gar nicht weiß, ob er wirklich am DFB-Pokal teilnimmt – mancherorts sind die Landespokalwettbewerbe im Viertelfinale hängen geblieben – ist das zu viel. Vor allem, weil ein Teil der Unterlagen bis zum 17. August beantwortet werden muss.

Benjamin Kappelt, Pressesprecher des 1. FC Bocholt (Oberliga Niederrhein), hat daher in der "Bild-Zeitung" Alarm geschlagen. "Insgesamt sind das alles viele große Fragezeichen und ebenso große Herausforderungen, die die Amateurvereine in so kurzer Zeit klären sollen – bevor überhaupt feststeht, ob sie wirklich dabei sind." Er sehe die Gefahr, "dass viele Vereine im Zweifel den Weg des geringsten Übels gehen und in aller Ungewissheit einfach das Heimrecht tauschen".

Saarbrücken durfte in Völklingen spielen

Tatsächlich ist beim jüngsten DFB-Bundestag zur Corona-Krise dieser Passus in den Statuten verankert worden – aber er soll eigentlich erst in letzter Instanz greifen, wenn es zu gar keiner anderen Lösung mehr kommt. Dass im Vorjahr der SV Atlas Delmenhorst sein Erstrundenspiel gegen Werder Bremen (1:6) im Weserstadion bestritt, hatte damit zu tun, dass die Atlas-Verantwortlichen aus der Bremer Vorstadt ohnehin die Bundesliga-Spielstätte als möglichen Spielort angegeben hatten. Ansonsten passiert es häufig, dass kleinere Klubs in größere Stadien in der Umgebung ausweichen.

Grundsätzlich will der DFB aber seinen Amateuren behilflich sein, das Heimrecht nicht zu verlieren. Bestes Beispiel ist der 1. FC Saarbrücken, der sich als Viertligist erstmals bis ins Halbfinale kämpfte. Dabei vollzog der tapfere Außenseiter aus dem Saarland - der übrigens noch nicht wieder qualifiziert ist, sondern sich erst im Halbfinale und Finale des Saarland-Pokals behaupten muss, ehe der Zweitligist  FC St. Pauli warten würde -  seinen Siegeszug im Ausweichquartier in Völklingen. Das dortige Hermann-Neuberger-Stadion ist dauerhaft nicht mal drittligatauglich, war aber jeweils für die Pokalspiele so ausgerüstet worden, dass der DFB die Austragung erlaubte. Bis zum Viertelfinale mit Zuschauern, nach der Corona-Zwangspause auch als Geisterspiel im Halbfinale gegen Bayer Leverkusen (0:3).

DFB verspricht, keinen Druck auszuüben

Der Verband weiß, dass den Kleinen in der Pandemie hohe Hürden auferlegt werden, denn im Gegensatz zu den Erst- und Zweitligisten verfügen die meisten noch über keine Erfahrungen mit dem Hygienekonzept, dessen Umsetzung einiges an Arbeit bedeutet, was meist Ehrenamtliche erledigen. Und dann alles für ein Pokalspiel, dem ohne Zuschauer das besondere Flair fehlt. Dennoch wollte der DFB partout nicht, dass das Heimrecht auf die Lizenzklubs übertragen wird. Im Gegenteil. Daher betont der Verband, jetzt keinerlei Druck auszuüben: "Es ist nicht, dass wir die Vereine dazu zwingen, in große Stadien zu gehen."

Der Verband verspricht Hilfestellung zu geben, was auch in Bocholt angekommen ist. Kappelhoff: "Wir können natürlich den DFB verstehen, der die eigenen hohen Standards auch in diesem Jahr halten möchte." Besser wäre es nur gewesen, man hätte die Klubs früher mit den Auflagen konfrontiert, heißt es vom Niederrhein-Vertreter. Zurück an den Mittelrhein: Beim 1. FC Düren  wollen sie jetzt die Unterlagen nach und nach abarbeiten. Und dann gilt es, sich zunächst auf die sportlichen Aufgaben zu konzentrieren, denn vier Vereine wittern ja das große Los. Für Dürens Präsident Wolfgang Spelthahn wäre das eine besondere Sache: Er ist nämlich seit der Kindheit glühender Bayern-Fan.

Stand: 31.07.2020, 13:52

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