UEFA und Young Boys Bern streiten: Was bedeutet das Wort "Scheiße"?

Fans von Young Boys Bern im Spiel gegen Ferencvaros Budapest - riefen sie "Scheiß UEFA"?

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UEFA und Young Boys Bern streiten: Was bedeutet das Wort "Scheiße"?

Von Chaled Nahar

"Scheiß UEFA" riefen Fans von Young Boys Bern bei einem Qualifikationsspiel in der Champions League, die UEFA-Disziplinarkammer verhängte eine Strafe von 10.000 Euro. Im Verfahren stritten der Klub und das Gericht: Was bedeutet das böse Wort eigentlich genau?

Minutiös hielt der Sicherheitsbeauftragte der UEFA das Fehlverhalten fest. "Rufe gegen die UEFA. Wann? In der 38. und der 63. Minute, ohne besonderen Grund. 'Scheiß UEFA - Fuck UEFA'. Wo? Südtribüne, Unterrang. Wer? Fans von Young Boys Bern" - so steht es in dem offiziellen Dokument der UEFA-Disziplinarkammer zum Verfahren.

Die Rufe sollen demnach beim 3:2-Hinspielsieg der Berner zu Hause gegen Ferencvaros Budapest am 18. August 2021 gefallen sein. Die Bestrafung folgte nun durch die Sportgerichtsbarkeit der UEFA. In der Begründung der Disziplinarkammer ist ein bemerkenswerter Verlauf des Verfahrens sichtbar, in dem der Klub mit den UEFA-Richtern über die Bedeutung des Wortes "Scheiße" debattiert. Das Urteil wurde bereits am 25. August 2021 gefällt, aber erst in der Nacht zum 25. November veröffentlicht.

Bern: "'Scheiße' heißt nicht 'Fuck' und auch nicht unbedingt 'Scheiße'"

Was sagen die Young Boys Bern dazu? Die Beobachtungen des UEFA-Sicherheitsbeauftragten zu den Rufen seien "teilweise richtig", räumt der Klub in einer Stellungnahme gegenüber der UEFA-Disziplinarkammer ein. "Scheiß UEFA" bedeute aber nicht wie von dem UEFA-Personal interpretiert "Fuck UEFA". Im Wortlaut teilte der Klub dem Gericht mit: "Zweimal während des Spiels sangen die Fans 'Scheiß UEFA', was nicht 'Fuck UEFA' bedeutet, wie im entsprechenden Bericht angegeben."

Der Klub führte weiter aus, dass es auf Schweizerdeutsch verschiedene Interpretationsmöglichkeiten des Wortes gebe. "Scheiße" müsse dem Klub aus Bern zufolge "nicht unbedingt 'Scheiße' bedeuten". Der Begriff könne auch Unmut ausdrücken, wenn bestimmte Dinge nicht funktionierten. "Im vorliegenden Kontext sind die 'Scheiß UEFA'-Gesänge eher eine Bekundung der Unzufriedenheit als eine Beleidigung", so Young Boys Bern. Der Klub erachte daher eine Bestrafung diesbezüglich "als weder verhältnismäßig noch gerechtfertigt".

UEFA-Richter: "Es ging nicht um Unzufriedenheit"

Die Disziplinarkammer der UEFA unter Vorsitz des österreichischen Richters Thomas Partl widersprach dieser Argumentation und sah eine Herabwürdigung. "Die Disziplinarkammer ist der Auffassung, dass die Gesänge nicht verwendet wurden, um Unzufriedenheit auszudrücken oder um eine Diskussion zu einem bestimmten Thema anzustoßen", heißt es in der Urteilsbegründung. Die Gesänge seien auf eine beleidigende und provokative Weise benutzt worden, "was unangemessen für ein Sportereignis wie ein Spiel der UEFA Champions League" sei.

Der Klub werde daher wegen "eines Verstoßes gegen Artikel 16, Absatz 2, Buchstabe e der Rechtspflegeordnung der UEFA" bestraft. Doch dieser Artikel birgt Probleme.

Möglicher Eindruck: Die UEFA bestraft Beleidigungen gegen die UEFA

Denn Artikel 16.2.e ermöglicht die Bestrafung bei "Verbreitung provokativer, einer Sportveranstaltung unangemessener Botschaften aller Art, insbesondere solcher politischen, ideologischen, religiösen oder beleidigenden Inhalts". Dabei geht es ausdrücklich nicht um Rassismus, Homophobie, Antisemitismus oder Sexismus - Diskriminierung wird in einem gesonderten Artikel geregelt. Artikel 16.2.e bezieht sich auf andere Vorfälle.

"Das kann dann problematisch sein, wenn eigentlich zulässige Meinungsäußerungen eingeschränkt oder bestraft werden", sagt der Berliner Sportrechtler Holger Jakob im Gespräch mit der Sportschau. "Erst recht, wenn das vermeintliche Opfer der Beleidigung gleichzeitig das Urteil über die Strafe fällt. Und dieser Eindruck kann hier entstehen, auch wenn die Gerichtsbarkeit der UEFA auf dem Papier unabhängig von dem Verband agiert." Seiner Einschätzung zufolge sei der DFB-Kontrollausschuss in der Zeit bis zur Pandemie auch aus diesem Grund eher zurückhaltend vorgegangen, wenn der DFB das Ziel von entsprechenden Plakaten oder Gesängen war.

Fans von Legia Warschau mit einem Banner gegen die UEFA

Fans von Legia Warschau mit einem Banner gegen die UEFA

Der Fall Bern gegen UEFA ist kurios ob der Diskussion um ein böses Wort. Die Rechtsprechung über Beleidigungen gegen die UEFA ist dagegen völliger Alltag, sie werden fast standardisiert behandelt. "Solche Fälle haben wir im Dutzend", sagt ein Mitglied der UEFA-Sportgerichtsbarkeit im Gespräch mit der Sportschau. Und so wurde auch Union Berlin bestraft.

Union-Fans vergleichen UEFA mit Mafia - 10.000 Euro Strafe

Union hatte in der in der Qualifikation zur UEFA Europa Conference League in Finnland bei Kuopion PS im Olympiastadion Helsinki gespielt. Der Klub muss nun einem ebenfalls am 25. November veröffentlichten Urteil zufolge 10.000 Euro Strafe dafür zahlen, da die Fans 90 Sekunden lang ein Plakat mit der Aufschrift "Can't stop fans - UEFA = Mafia" zeigten.

Hintergrund war die UEFA-Maßgabe, dass wegen der Coronavirus-Pandemie keine Auswärtsfans in der Qualifikation zugelassen waren. Die EM war von der UEFA zuvor teils uneingeschränkt als große Party ausgerichtet worden. In Finnland waren dann aber offiziell 300 Union-Fans zugelassen.

Stand: 25.11.2021, 18:13

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