Lieblingsspiel - Amnesie im Elfmeterschießen

Kapitän Andreas Möller und Stefan Reuter begrüßen ihre englischen Gegner

Fußball-EM 1996

Lieblingsspiel - Amnesie im Elfmeterschießen

Von Steffen Simon

1996 steht die deutsche Nationalmannschaft im EM-Halbfinale Gastgeber England gegenüber und bringt unseren Autoren an den Rand der Sachlichkeit. In der Reihe "Lieblingsspiel" erinnert er sich an diesen besonderen Besuch im Wembley Stadion.

Ich hatte Nick Hornbys "Fever Pitch" gelesen. Ein guter Freund hatte in London studiert. Ich wusste, dass Fußball auf der Insel etwas anderes war, als in der Heimat. Aber das, was ich im Wembley-Stadion am 26. Juni 1996 erlebte, sprengte meine Vorstellungskraft. Deutschland gegen England, EM-Halbfinale.

Noch eine halbe Stunde bis zum Anpfiff und alle Zuschauer sind auf ihrem Platz. Sie singen, schmettern, brüllen. Keine Stadionmusik, keine Show stört ihren akustischen Sturm, der mich mitreißt, jede Faser meines Körpers elektrisiert. Die deutsche Hymne stört nur kurz, "God Save the Queen" lässt das Stadion umso heftiger in seinen Fundamenten erzittern.

Ohne Kohler, ohne Basler, ohne Klinsmann

Ich sitze auf einem der schlechtesten Plätze. Das Dach des alten Wembley wurde von Stützpfeilern getragen. Dort, wo eigentlich mein Vordermann sitzen sollte, steht einer dieser Pfeiler, ich bin ständig in Bewegung und damit halb über den Schoß meiner Sitznachbarn gebeugt.

Deutschland ist Außenseiter. Grund ist eine unfassbare Verletzungsserie, kein anderer Halbfinalist ist so zerbeult. Was da in Weiß und Schwarz über den Rasen rennt, ist pure personelle Not. Kohler fehlt in der Abwehr, Basler im Mittelfeld, Klinsmann im Sturm.

Was um Himmels willen wollen wir mit Kuntz als alleiniger Spitze erreichen? Wie wird man später über ein Team sprechen, das von Andreas Möller als Kapitän angeführt wurde? Und was bitteschön soll Scholl im zentralen offensiven Mittelfeld gegen diese englische Büffelherde ausrichten?

Führung für England nach nur drei Minuten

Alan Shearer (England, 2.v.li.) trifft zum 0:1, Stefan Reuter (Deutschland, li.) am Pfosten ist machtlos.

Alan Shearer (England, 2.v.li.) trifft zum 0:1, Stefan Reuter (Deutschland, li.) am Pfosten ist machtlos.

Alles in mir ist auf Fiasko gepolt. Passend dazu die erste Ecke für die in grau spielenden "Three Lions" durch Gascoigne, Verlängerung Adams, Shearer läuft ein, Kopfball, 1:0 nach drei Minuten. Die nächsten Minuten bleibe ich hinter meinem Pfeiler, studiere das stellenweise Abblättern der braunen Farbe. Um mich herum werden die Emotionen immer turbulenter.

Ich rühre mich erst wieder, als eine akustische Ebbe eintritt. Die Deutschen haben das Spiel und damit auch die Ränge beruhigt. Die Fachkommentare drehen sich um die deutschen Abwehrspieler. "Was macht dieser Helmer in unserer Box?" Die englischen Fans haben ihren Stuart Pearce so gut wie nie die Mittellinie passieren sehen.

Ich nehme meine körperliche Tätigkeit wieder auf und liege nun auch regelmäßig auf dem Nachbarschoss, der dem englischen Strafraum näher ist. 16. Minute, Möller sieht den aufgerückten Helmer halblinks im Strafraum, der auf Kuntz am langen Pfosten. "Tooooor!"

Stefan Kuntz (Deutschland, re.) trifft zum 1:1 und dreht jubelnd ab.

Stefan Kuntz (Deutschland, re.) trifft zum 1:1 und dreht jubelnd ab.

Der Gefühlssturm gleicht einem Augenblick wie in einer Parallelwelt. Als ich Sekunden später wieder in der Wirklichkeit ankomme, registriere ich die englischen Augenpaare, auf diesen offensichtlich verwirrten Deutschen gerichtet, der einen Stadionpfeiler im Arm hält.

Ein Spiel wie ein Huddle im Rugby

In den folgenden zwei Stunden werde ich immer wieder mit einer Mischung aus Besorgnis und Misstrauen gemustert. Ich habe die grimmige Entschlossenheit der Menschen direkt um mich herum gebrochen. Der Rest des Stadions tobt weiter, immer wieder singen sie "Football is coming Home" der Lightning Seeds – das Jahr 1996 war musikalisch ein Highlight.

Das Spiel ist in der regulären Spielzeit wie ein endloses Huddle im Rugby, England drückt und drückt, bekommt die Deutschen aber keinen Zentimeter bewegt. Pearce rammt Reuter um, kein Rot, stattdessen zu Beginn der zweiten Hälfte Gelb für Reuter und zehn Minuten vor Schluss für Möller – sollte Deutschland diese Schlacht für sich entscheiden, wären beide im Finale die nächsten Ausfälle, denn es ist ihre jeweils zweite im Turnier.

Steffen Freund (li.) und Paul Gascoigne

Steffen Freund (li.) und Paul Gascoigne

Fußballerisch ist die Partie nichts Besonderes. Groß wird es erst durch die englischen Sehnsüchte, 30 Jahre nach der Weltmeisterschaft endlich wieder einen Titel zu gewinnen. Alles staut sich in diesem Spiel auf, gegen die sportlichen Erzfeinde aus Deutschland, die sich allen Hoffnungen in den Weg stellen.

Verlängerung wird zum Spektakel

Verlängerung, das Golden Goal bedroht beide Lager. Und nun wird es ein Spektakel. Anderton trifft den Außenpfosten, und ich freue mich über die Leistungsfähigkeit meiner Trommelfelle. Schuss Möller, Parade Seaman. die 97. Minute, Kuntz köpft ins Tor, ich stehe mit ausgebreiteten Armen da und werde scharf ermahnt, mich wieder hinzusetzen.

Andreas Möller (Deutschland) trifft im Elfmeterschießen zum entscheidenden 6:5 - Torwart David Seaman (England) ist machtlos.

Andreas Möller (Deutschland) trifft im Elfmeterschießen zum entscheidenden 6:5 - Torwart David Seaman (England) ist machtlos.

Schiedsrichter Sandor Puhl will ohnehin ein Foul gesehen haben, der Treffer zählt nicht. Gascoigne grätscht vor dem leeren Tor am Ball vorbei. Wie kann es um mich herum so laut sein, wenn das Spiel uns allen zeitgleich den Atem nimmt? Mit dem verletzten Steffen Freund der nächste potenzielle Ausfall: Und dann: Schlusspfiff, Elfmeterschießen.

Am Ende singen die Engländer trotzdem

An dieser Stelle setzt meine Erinnerung aus. Dass Shearer, Platt, Pearce, Gascoigne und Sheringham für England treffen, Häßler, Strunz, Reuter, Ziege und Kuntz für Deutschland erlebe ich wie in Trance.

Mein Bewusstsein setzt erst wieder ein mit einem Schrei aus zehntausend Kehlen, dem ein tiefes Stöhnen folgt. Köpke hat gegen Southgate gehalten. Es folgt ein Moment, der zu den intensivsten meines Lebens zählt. Andreas Möller trifft, Deutschland steht im Finale.

EM-Halbfinale 1996 - Deutschland besiegt England im Elfmeterschießen Sportschau 07.05.2020 12:40 Min. Verfügbar bis 07.05.2021 Das Erste

Möller schreitet wie ein Pfau über den Platz und in diesem Augenblick erlebe ich Wembley als totenstill. Ich weiß nicht, wie lange das andauert, mir kommt es ewig vor. Und dann, als hätte sich eine unsichtbare Macht ihrer bemächtigt, holen sie Luft und beginnen wieder zu singen. Gemeinsam, laut und stolz.

Stand: 08.05.2020, 07:35

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