Eiskunstläufer Robert Kunkel trainiert mit einem Fallschirm (rbb)

Eiskunstlauf-Paar Hocke/Kunkel Ein Fallschirm gegen Rückenschmerzen

Stand: 11.12.2023 16:43 Uhr

Verletzungsbedingt musste das Berliner Eiskunstlauf-Duo Hocke/Kunkel den Start bei mehreren Events absagen. Im neuen Jahr wollen sie nun schnellstmöglich wieder gemeinsam auf dem Eis stehen. Dabei hilft ein ungewöhnliches Sportgerät.

Aus einem kleinen Beutel kramt Robert Kunkel einen Gegenstand heraus, den man bei einem Eiskunstläufer wohl eher nicht erwartet hätte. Nach kurzem Entwirren der Schnüre breitet er einen kleinen Fallschirm aus, den er sich an den Rücken schnallt. "Ich darf nicht die normale Trainingsbelastung machen. Deshalb simuliere ich diese jetzt durch den Luftwiderstand des Fallschirms. Dabei habe ich keine Schmerzen", erklärt er und zieht den Schirm auf dem Eis hinter sich her.

Absage des Grand-Prix-Finales

Zuletzt waren Schmerzen ein großes Thema im Leben von Kunkel. Eine Entzündung der unteren Lendenwirbel und im Iliosakralgelenk quälten den 24-Jährigen schon eine ganze Weile. "Ich habe in den letzten zwei Monaten auf Schmerzmitteln trainiert. (…) Die Verletzung hat mich zum Schluss so sehr eingeschränkt, dass ich mich nicht mehr nach vorne beugen konnte, um mir selbst die Socken anzuziehen. Zum Schluss ging dann trotz vieler Schmerzmittel nichts mehr", berichtet er.
 
Zu diesem Zeitpunkt hatte Kunkel keine andere Wahl mehr, als die Reißleine zu ziehen und eine Zwangspause einzulegen. Und das genau zum falschen Zeitpunkt, denn eigentlich lief es für ihn und seine Laufpartnerin Annika Hocke gerade richtig gut. Das Duo hatte im Herbst beim Skate America den ersten gemeinsamen Grand-Prix-Sieg gefeiert und war bereits für das nächste Grand-Prix-Finale am vergangenen Wochenende in Peking qualifiziert gewesen.
 
Doch Kunkels Verletzung machte ihnen einen Strich durch die Rechnung und sie mussten die Teilnahme absagen. Auch bei den Deutschen Meisterschaften, die vom 14. bis 16. Dezember in ihrer Heimatstadt Berlin stattfinden, werden sie nicht dabei sein können.

Spaß als Markenzeichen

Vor allem für Hocke war das zu Beginn schwer zu verkraften, wie er sagt. "Gerade darüber, dass wir das Grand-Prix-Finale absagen mussten, war ich schon sehr traurig. Ich musste erst einmal weinen. Das gehört bei mir einfach dazu. Wenn ich traurig bin, muss ich es einmal rauslassen", sagt sie. "Ich glaube, für Robert war es fast einfacher. Ich hatte im Gegensatz zu ihm ja gar nichts, war ready, habe mich gefreut und war motiviert. Und dann ging es einfach nicht."
 
Tatsächlich war die Absage für ihren Laufpartner eher eine Erleichterung, wie er sagt. "Ich hatte ja die Schmerzen und wusste, dass ich mich nicht bewegen kann."

Robert Kunkel und Annika Hocke zusammen auf dem Eis (Bild: Imago Images/Laci Perenyi)
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Nach dem kurzen Schock versuchten beide schnell wieder nach vorne zu schauen und sich neue Ziele zu setzen. Für die Reha kehrten sie erst einmal nach Berlin zurück. Während Kunkel in der Eissporthalle im Sportforum Hohenschönhausen mit Fallschirm trainiert, gleitet Hocke daneben über das Eis und übt ihre Sprünge. "Es ist ein bisschen langweilig für mich. Ich vermisse das Laufen mit einem Partner. Ich habe jetzt in der Zeit aber alles gestärkt, was vielleicht sonst ein bisschen hinten runterfällte, wenn man zusammenläuft", sagt die 23-Jährige. "Je stärker man als Einzelläufer ist, umso stärker ist man dann auch zusammen."
 
Die Stimmung zwischen den beiden scheint auch durch die Verletzung und die Absagen nicht getrübt zu sein. Immer wieder scherzen sie in den Trainingspausen und lachen gemeinsam. "Den Spaß im Training muss man sich beibehalten und das war auch schon immer so ein bisschen unser Markenzeichen", sagt Hocke.
 
Der Zwangsaufenthalt in der Heimatstadt habe sogar auch Vorteile. "Wir können an diesem Weihnachten nicht nach Hause, weil die EM so früh ist. Dafür konnten wir jetzt in der Pause in Berlin unsere Großeltern sehen", sagt Kunkel.

Bei der EM wollen sie wieder um Medaillen kämpfen

Trotzdem ist die Vorfreude bei beiden riesig, wieder gemeinsam auf dem Eis zu stehen und Wettkämpfe zu bestreiten, wie sie sagen. In dieser Woche endet die Reha in Berlin und dann soll es in Bergamo wieder richtig mit den Vorbereitungen auf die Europameisterschaften losgehen, die Anfang des Jahres im litauischen Kaunas stattfinden.
 
Bis dahin will Kunkel wieder fit sein, wie sie sagt. "Ich hoffe, dass ich die Schmerzen in Berlin noch komplett wegbekomme. Die Frage ist nur, wie nachhaltig das dann ist und ob ich der Belastung standhalte, wenn wir wieder voll im Training sind."

Minerva Hase und Nikita Volodin haben Chancen auf den Sieg. (IMAGO / AFLOSPORT)
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Beim Grand-Prix-Finale in Peking mussten sie mit Minerva Hase und Nikita Volodin noch einem anderen Berliner Eiskunstlauf-Paar beim Siegen zusehen. Auch wenn sie sich sehr für ihre beiden Konkurreten gefreut hätten, sagen sie, wollten sie schon bald wieder selbst auf dem Treppchen stehen.
 
Nach der EM steht bereits im März mit den Weltmeisterschaften das nächste große Highlight bevor, für das sich das Duo durchaus Chancen ausrechnet. "Ich glaube, dieses Jahr ist alles möglich. Es ist ein total interessantes Feld und alle sind ungefähr auf dem gleichen Level. Es kann alles passieren", sagt Hocke. Allerdings nur, wenn der Rücken ihres Partners das mitmacht. Schon bald wird sich also zeigen, ob sich das Training mit dem Fallschirm gelohnt hat.

Sendung: rbb24, 12.12.2023, 18 Uhr