Dritte Liga - der Streit eskaliert weiter

Waldhof Mannheim

Öffentlich gemachter Todesfall

Dritte Liga - der Streit eskaliert weiter

Von Frank Hellmann

Waldhof Mannheim hat den Corona-Todesfall im Umfeld eines Spielers öffentlich gemacht. Einige Vereine werfen dem Drittliga-Aufsteiger vor, damit weitere Argumente für einen Saisonabbruch zu sammeln. Heute gab es die nächste Telefonschalte der Klubs.

Erst am Freitag (24.04.2020) versandte Jochen Breideband, der Themenmanager 3. Liga und Amateurfußball beim Deutschen Fußball-Bund (DFB), eilig eine Klarstellung: Dass das Präsidium vor dem Hintergrund der offenen Fortsetzung in der 3. Liga und Frauen-Bundesliga einen Außerordentlichen Bundestag einberufen will, sei nicht damit gleichzusetzen, dass die Saison in diesen beiden obersten DFB-Spielklassen auch abgebrochen wird.

Auch für die 3. Liga gelte diese Tendenz nicht. Unterschwellig schwang nämlich die Hoffnung mit, dass sich die Streithähne, die über den Fortgang der Saison in zwei Lager gespalten sind, doch noch zusammenraufen. Doch vor der nächsten Zusammenkunft am Montag in einer Telefonschalte ist der Graben nun noch weiter aufgerissen. "Wie sich eine Liga selbst zerlegt", urteilte das Fachmagazin "Kicker" treffend.

Nur kurzer Burgfrieden

Erneut steht Waldhof Mannheim im Blickpunkt. Der Streit entzündete sich an einer am Samstag von Waldhof-Geschäftsführer Markus Kompp verfassten E-Mail an die anderen Drittligisten, in der der 37-Jährige ankündigte, den Corona-Todesfall vom 30. März im unmittelbaren Umfeld eines Spielers öffentlich zu machen.

Was dann auch geschah: Der Tabellenzweite sprach sich anschließend erneut ausdrücklich gegen eine Fortsetzung der wegen der Corona-Pandemie unterbrochenen Spielzeit aus. Dieser Fall sei "der entscheidende Grund", warum sein Verein "die sofortige Prüfung des Saisonabbruchs" verlangt habe. Kompp schob später noch nach, dass der Spieler sogar darum gebeten habe, "dass diese Info auch als weitere Grundlage zur Entscheidungsfindung dient".

Markus Kompp, Geschäftsführer beim SV Waldhof

Markus Kompp, Geschäftsführer beim SV Waldhof

Dieses Vorgehen stieß anderen Klubs übel auf, die lieber die Saison mit Hilfe von Geisterspielen fortsetzen wollen. Das von der Task Force unter Vorsitz von Tim Meyer entworfene Sicherheitskonzept schließt ausdrücklich die 3. Liga und die Frauen-Bundesliga als Profiklassen unter DFB-Obhut mit ein, wenn auch erst zeitverzögert zu den beiden Bundesligen weitergespielt werden soll. Benutzt Mannheim also den tragischen Fall für eigene Zwecke? Dieser Vorwurf steht verstärkt im Raum.

Viel Gegenwind für Waldhof

Günther Gorenzel, Geschäftsführer von 1860 München, kondolierte zwar in einer E-Mail, warf aber Kompp vor, sich über die Expertise der medizinischen Task Force des DFB zu stellen: "Dass sie sich in ihren Ausführungen, die Causa Spielfortsetzung in der 3. Liga nur über die Expertise der medizinischen Task Force der DFL stellen und den tragischen Vorfall in Ihrem Klub sportpolitisch positionieren, soll jeder aus moralischer Sicht selbst bewerten." Auch andere Klubs werteten das Mannheimer Vorgehen als fragwürdig.

"So ein Vorgang hat ja auch eine ethische Komponente. Ich kann für mich persönlich sagen, dass ich diesen Weg so nicht gewählt hätte", sagte Chemnitz-Präsidentin Romy Polster. Robert Marien, Vorstandsvorsitzender von Hansa Rostock, kommentierte: "Unser aufrichtiges Beileid an die Familie. Aber die Art und Weise, so etwas zu lancieren und die Ankündigung, es zu veröffentlichen, lässt sich streiten." Der SV Waldhof bestreitet den Vorwurf, den Todesfall für die sportlichen Interessen zu missbrauchen.

SV Waldhof träumt vom Durchmarsch

Der Drittliga-Aufsteiger, der in der unterbrochenen Saison überraschend einen direkten Aufstiegsplatz besetzt, hatte sich tatsächlich früh als einer der ersten Klubs für einen Saisonabbruch ausgesprochen. Zum Heimspiel am 29. Februar gegen den 1. FC Kaiserslautern (1:1) war das Stadion mit mehr als 23.000 Zuschauern ausverkauft, die Begeisterung war in dieser Saison riesig.

Insgeheim träumen sie beim Traditionsverein aus der Kurpfalz ja davon, bald schon dort weiterzuspielen, wo der Pepitahut von Klaus Schlappner mal Markenzeichen war: Im deutschen Profifußball. Die aktuelle vom ehemaligen Bundesliga-Haudegen Bernhard Trares trainierte Mannschaft kann nun vielleicht am "grünen Tisch" noch schneller als auf dem grünen Rasen aufsteigen.

3. Liga - Streit über Fortführung der Saison Sportschau 18.04.2020 03:57 Min. Verfügbar bis 18.04.2021 Das Erste

Geschäftsführer Kompp schlug als einer der ersten Drittliga-Manager vor, die Aufstiegsfrage über das jetzige Ranking zu regeln. Den Faktor Eigennutz wurde von ihm in einem ARD-Interview bereits Mitte des Monats gar nicht verschwiegen: "Das Argument, dass ich von persönlichen Interessen geleitet bin, muss ich mir natürlich gefallen lassen. Es ist korrekt, dass wir profitieren würden. Bei uns ist das wirtschaftliche, gesellschaftliche und gesundheitliche Argument eben deckungsgleich." Abbruch und Aufstieg lautet seine simple Losung.

Sieben Vereine wollen abbrechen

Das  Kommuniqué hatten sieben weitere Vereine, der Hallesche FC, der 1. FC Magdeburg, Preußen Münster, der Chemnitzer FC, die SG Sonnenhof Großaspach, der FSV Zwickau und Carl Zeiss Jena unterzeichnet. Sie sehen einen Abbruch als "den sinnvollsten Weg für die Gesellschaft, zum Schutz unserer Mitarbeiter und zum Erhalt der Vereine an".

Was nicht in der Erklärung stand: Sie alle würden direkt auch sportlich profitieren, weil sie der Abstiegsgefahr entgehen.  Aber ganz abwegig ist auch ihre Argumentation nicht: Viele Drittligisten haben auf Kurzarbeit umgestellt: Würde die Saison weitergehen, müssten die Spieler wieder voll bezahlt werden, aber Zuschauereinnahmen würden ja weiterhin fehlen.

Verbot von Geisterspielen in Halle

Nun hat sich der Oberbürgermeister von Halle auch noch gegen Geisterspiele ausgesprochen. Bernd Wiegand (parteilos) sagte laut der "Mitteldeutschen Zeitung" in einer Videopressekonferenz, dass es "eine Sonderstellung des Fußballs" hinsichtlich der Lockerungsmaßnahmen nicht geben werde. Geisterspiele seien nach aktuellem Stand "mit den vorgegebenen Regeln zu Abstand und Sicherheit nicht zu verantworten".

Halles Präsident Jens Rauschenbach ist erklärter Gegner einer Saisonfortsetzung: "Problematisch sind nach unserer Beurteilung die Ausnahme vom Kontaktverbot bei Spielern auf dem Platz, die abweichende Regelung zur Einzelquarantäne und die in unserem Stadion schwierig umsetzbaren räumlichen Anforderungen und Abtrennungen." Der Unternehmer war selbst an Covid-19 erkrankt, ist inzwischen genesen.

Über den Abbruch entscheidet der DFB-Bundestag

Manfred Schwabl von der SpVgg Unterhaching vertritt die Gegenposition, der insgesamt fünf bayrische Drittligisten folgen: "Es gebietet der Sportsgeist, dass man sportliche Wettbewerbe grundsätzlich zu Ende bringt." Der Ausbildungsverein mit seinem meist nur sehr übersichtlich gefüllten Sportpark hat als Tabellendritter etliche Mitstreiter bei dieser Meinung. Der SV Meppen, der FC Ingolstadt, 1860 München, der FC Bayern II, Hansa Rostock, Eintracht Braunschweig und die Würzburger Kickers wollen die Saison vor leeren Rängen zu Ende zu bringen.

Nun  eskalierte der Streit wegen einer rundgeschickten E-Mail erneut, nachdem doch gerade erst die Deutsche Fußball-Liga (DFL) eine Finanzspritze von 300.000 Euro für jeden Klub gewährte, ohne die Verwendung der Gelder an irgendwelche Bedingungen zu knüpfen. Aber offenbar sind die verhärteten Fronten auch mit Geld nicht mehr aufzuweichen. Und so wird ein Außerordentlicher Bundestag vielleicht doch erforderlich: Für die Fortsetzung des Spielbetriebs bedarf es keiner Entscheidung eines DFB-Bundestages - wohl aber bei einem Abbruch, da dieser mit einem Eingriff in die Satzung verbunden wäre.  

mit sid/dpa | Stand: 27.04.2020, 11:40

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