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Sexueller Missbrauch im Sport Was Eltern und Vereine tun können

Stand: 30.09.2022 17:52 Uhr

Sportvereine können auch Tatort für sexuellen Missbrauch und Gewalt sein. Die Bundesregierung hat am Dienstag (27.09.2022) die Studie zum Sport ihrer "Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs" veröffentlicht. Die Geschichten von 72 Betroffenen haben aufgeschreckt. Mandy Owczarzak vom Landessportbund Nordrhein-Westfalen berät seit vielen Jahren in Sachen Prävention. Im Sportschau-Interview nennt sie konkrete Tipps für Eltern, Vereine, Trainerinnen und Trainer.

Von Volker Schulte

Sportschau: Worauf sollten Eltern achten, wenn sie ihr Kind in einem Sportverein angemeldet haben?

Mandy Owczarzak: Sie sollten schauen, ob sich der Verein grundsätzlich mit dem Thema Kinder- und Jugendschutz auseinandersetzt. Gibt es etwas auf der Homepage? Wird dafür Werbung gemacht? Gibt es ein Schutzkonzept und Vertrauens- und Ansprechpersonen? Zeigen die Vereinsmitarbeiter:innen Ehrenkodex und Führungszeugnis vor? Das sind alles Dinge, die Eltern erfragen können.

Mandy Owczarzak vom Landessportbund Nordrhein-Westfalen

Mandy Owczarzak vom Landessportbund Nordrhein-Westfalen

Wenn das die Eltern dann tun und merken, dass sich der Verein noch nicht mit diesen Themen beschäftigt hat, sollten sie sich dann einen anderen Verein suchen?

Owczarzak: Das natürlich nicht, aber man könnte nachfragen, ob entsprechende Maßnahmen denn in Planung sind. Einige Vereine haben sich schon auf den Weg gemacht, sich mit diesen Themen zu beschäftigen. Einige Vereine aber auch noch nicht. Dort fehlt vielleicht noch die Sensibilität, weil die Meinung vorherrscht, dass noch nichts derart im Verein vorgefallen ist. Das höre ich in meiner Beratung immer wieder. Aber es ergibt natürlich total Sinn, sich damit auseinanderzusetzen. Manchmal brauchen Vereine dafür einen kleinen Stoß aus der Elternschaft.

Gibt es Verhaltensweisen von Trainern, die darauf hindeuten könnten, dass etwas im Verein nicht richtig läuft?

Owczarzak: Gewalt kann in unterschiedlichen Konstellationen stattfinden, nicht nur von Erwachsenen wie zum Beispiel aus der Trainerschaft, sondern auch als Peer-Gewalt, also Gewalt, Übergriffe oder Grenzverletzungen unter Kindern und Jugendlichen. Eltern und Vereine sollten grundsätzlich darauf schauen: Wie ist der Umgang miteinander? Wie wird miteinander gesprochen? Wie wird das Thema Nähe und Distanz behandelt? Wie wird mit Körperkontakt umgegangen, wie z.B. mit Umkleide- und Duschsituationen etc.?

Inwieweit sollte ich als Elternteil präventiv mit meinem Kind kommunizieren?

Owczarzak: Ein Punkt ist mir immer ganz wichtig: Viele Erwachsene vergessen manchmal, dass die Kinder auch eine Privatsphäre haben. Mütter und Väter verlangen teilweise von den Kindern Dinge, die ihnen selbst nicht gefallen, beispielsweise das Umarmen von Personen. Man sollte mit Kindern und Jugendlichen über eigene Grenzen und Emotionen sprechen. Hilfreich wäre auch, eine altersgemäße Sexualaufklärung in der Familie anzusteuern. Potenzielle Täter:innen können häufig die Unwissenheit von Kindern und die natürliche Neugier für ihre Zwecke ausnutzen, insbesondere dann, wenn Kinder keine Ausdrücke dafür haben, was da passiert und nicht wissen, dass das nicht in Ordnung ist.

Bei welchen Veränderungen im Verhalten ihrer Kinder sollten Eltern stutzig werden?

Owczarzak: Es gibt kein Symptom und keine Verhaltensänderung, die eindeutig auf Gewalt oder sexuellen Missbrauch hinweist. Aber Betroffene versuchen sich mittels verdeckter Hinweise immer wieder mitzuteilen. Das könnten sein, müssen aber nicht: Verschlossenheit, sich zurückziehen in eine depressive Haltung oder genau das Gegenteil: übernervös, zuweilen unruhig sein, aggressives Verhalten zeigen. Betroffene haben vielleicht auch Albträume und entwickeln Sprachstörungen, manche Betroffene entwicklen eine Sucht oder Essstörungen, vernachlässigen die Körperhygiene oder bekommen Schulprobleme. Die Palette ist also groß und vielfältig. Im Sport kommt hinzu, dass sich die sportliche Leistung verschlechtern könnte und der Spaß am Sport ausbleibt. Versteckte Hinweise können auch sein, dass das Kind nicht mehr zum Sport gehen will oder sagt: 'Person xy ist blöd.'

Wie kann ich als Elternteil dann reagieren?

Owczarzak: Wichtig ist es, aufmerksam zu sein, das Thema anzusprechen und Hilfe anzubieten, wenn man merkt, dass was stimmen könnte. Zu sagen: Wenn du reden möchtest, bin ich da. Damit signalisiert man der betroffenen Person: Ich nehme dich ernst. Das ist unabhängig davon, ob dies ein Elternteil macht oder jemand aus dem Sportverein. Betroffene brauchen sieben bis acht erwachsene Personen, bis ihnen wirklich Gehör geschenkt wird. Deshalb ist es wichtig, alle Beteiligten zu sensibilisieren.

Wenn ich in einem Verein mitwirke, der sich noch nicht mit dem Thema beschäftigt hat: Wie könnten dann meine ersten Schritte aussehen?

Owczarzak: Der Verein sollte für sich eine Kultur des Hinsehens und der Beteiligung schaffen und sich fragen: Wie sind unsere Strukturen? Was können wir verändern? Und wie bekommen wir die Trainer:innen, Eltern, Kinder und Jugendlichen beteiligt in diesem Prozess? Wenn sich ein Verein damit auseinandersetzt, ist die Gefahr für sexualisierte Gewalt signifikant geringer. Das ist ein Ergebnis der Safe-Sport-Studie, die 2016 herausgebracht wurde. Das Ziel sollte der Schutz aller Beteiligten sein, egal ob es Kinder, Jugendliche oder Erwachsene sind.

Wo können sich die Vereine Unterstützung bei ihren Bemühungen holen?

Owczarzak: Sie können sich an die Stadt-, Kreis- und Landessportbünde sowie die Fachverbände wenden. Auch Fachberatungsstellen bieten ihre Unterstützung an. Die Unterstützungsstrukturen sind unterschiedlich aufgestellt in Deutschland. Wir in NRW haben ein System, in dem wir Berater:innen rausschicken, die die Vereine schulen. Und wir haben das Qualitätsbündnis zum Schutz vor sexualisierter Gewalt, in dem die Vereine Mitglied werden können.

Für manche ist die Hemmschwelle sicher groß, dieses heikle Thema im eigenen Verein auf den Tisch zu bringen.

Owczarzak: Ein erster Schritt wäre, das Thema im Verein zu enttabuisieren und alle Vereinsmitarbeitenden und Mitglieder zu sensibilisieren. Es ist definitiv ein Qualitätsmerkmal, wenn ein Verein beim Kinder- und Jugendschutz gut aufgestellt ist und ein individuelles Schutzkonzept besitzt. Das ist dann auch für Eltern attraktiver. Das bedeutet unter anderem: Der Vorstand trägt das Thema mit, es ist in der Satzung verankert und es gibt Ansprechpersonen, die speziell geschult werden. Ebenso sind die Trainer:innen und Übungsleiter:innen sensibilisiert und geschult. Je mehr Bausteine ein Verein umsetzt, desto unattraktiver wird er für potenzielle Täter:innen.

Zum Abschluss noch zur Rolle der Trainerinnen und Trainer: Wie sollten sie sich verhalten, um Missverständnissen vorzubeugen?

Owczarzak: Sie sollten schauen: Wo gibt es in meiner Arbeit mögliche Gefahrenquellen und Momente, bei denen ich vielleicht selbst ein komisches Bauchgefühl habe? Muss ich zum Beispiel als erwachsene Person dabei sein, wenn sich die Kinder umziehen? Nein, muss ich nicht. Wie gehe ich mit Eins-zu-Eins-Situationen um? Sollte ich eher in ein Sechs-Augen-Prinzip gehen, um auch mich selbst zu schützen? Wie gehe ich mit Nähe und Distanz um? Frage ich zum Beispiel vorher nach, bevor ich eine Hilfestellung  gebe? Man sollte sein Handeln transparent machen. Und wo ich mir unsicher bin, sollte ich mir Unterstützung holen.

Sexueller Missbrauch im Sport - Das große Tabu

Andrea Schültke, Sportschau, 13.07.2019 19:05 Uhr