Schwimmbecken

Untersuchungsbericht zu sexualisierter Gewalt Letzte Warnung an den Schwimmverband

Stand: 21.01.2023 11:10 Uhr

Das Bundesinnenministerium kritisiert den DSV in einem Untersuchungsbericht zu sexualisierter Gewalt scharf. Steuergelder sollen aber weiter fließen - noch.

Von Arne Steinberg, Hajo Seppelt und Jörg Mebus

Der Deutsche Schwimm-Verband (DSV) kann trotz schwerer Vorwürfe wegen schleppender Aufarbeitung von Missbrauchsfällen weiter mit einer vollständigen Förderung aus Steuermitteln rechnen – zumindest vorerst. Das geht aus dem Untersuchungsbericht des Bundesinnenministeriums (BMI) mit dem Titel "Aktuelle Situation im Deutschen Schwimm-Verband e.V. im Hinblick auf die Vorwürfe sexualisierter Gewalt" hervor, der sportschau.de vorliegt.

Ausgangspunkt der Initiative des BMI war die ARD-Dokumentation "Missbraucht – Sexualisierte Gewalt im deutschen Schwimmsport", die im August vergangenen Jahres ausgestrahlt wurde. Darin hatte unter anderem der ehemalige Weltklasse-Wasserspringer Jan Hempel hochrangigen DSV-Funktionären vorgeworfen, von jahrelangen sexuellen Übergriffen durch seinen damaligen Trainer gewusst zu haben, ohne sie später aufzuarbeiten. Im Zuge dessen hatte der DSV seinen ehemaligen Spitzenfunktionär Lutz Buschkow zunächst beurlaubt und ihm später fristlos gekündigt.

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Dem DSV kommt nun offenbar zugute, dass er in Bezug auf die Überprüfung seiner Förderwürdigkeit zumindest alle Formalien erfüllt hat. Die Prüfung des BMI habe ergeben, hieß es in dem Bericht, dass der DSV alle in der "Eigenerklärung zur Prävention und Bekämpfung von sexualisierter Gewalt im Sport" enthaltenen Forderungen "vollumfänglich umgesetzt" habe.  

"Konsequenzen für die aktuelle Förderung des DSV haben die Vorfälle daher zunächst nicht", schrieb das BMI in seinem Bericht an die Mitglieder des Sportausschusses des Bundestages. Dieses Gremium wird am kommenden Mittwoch (25.01.2023) in Anwesenheit der neuen DSV-Doppelspitze Wolfgang Rupieper und Kai Morgenroth zu diesem Thema tagen.

"Aufklärungsarbeit sehr viel stärker vorantreiben"

Für die beiden Top-Funktionäre wird es ein ungemütlicher Termin werden, trotz der grundsätzlichen Bestätigung durch das BMI, dass weiterhin Geld fließt. Denn das Ministerium, das als größter Finanzier des DSV in den vergangenen zehn Jahren mehr als 44 Millionen Euro Steuergeld an den DSV überwiesen hat, kritisierte die Aufarbeitung des Verbandes scharf. Der Bericht kann als allerletzte Warnung verstanden werden.

"Nach Auffassung des BMI sollte der DSV seine Aufklärungsarbeit zügig forcieren und sehr viel stärker vorantreiben", hieß es: "Die in der Dokumentation aufgezeigten Fälle verdeutlichen einmal mehr, dass zügiges Handeln zum Schutz der Sportlerinnen und Sportler gefordert ist. Jeder einzelne Fall ist verstörend und untergräbt weiter das Vertrauen in den Sport." Das BMI erkenne "grundlegende Defizite, die strukturell gelöst werden müssen". Schon nach Ausstrahlung des Films hatte BMI-Staatssekretär Mahmut Özdemir die Förderwürdigkeit des Verbandes infrage gestellt.

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Sportschau

Noch immer keine Kommission

Nun geht aus dem Bericht hervor, dass der DSV das Ministerium erst nach "erneuter Berichtsaufforderung" am 29. Dezember 2022 offiziell über den Stand der Aufarbeitung informierte, mehr als vier Monate nach Ausstrahlung der ARD-Doku. Erst Mitte November nach Wahl des neuen Präsidiums nahm die Aufarbeitung offenbar etwas Fahrt auf. Dennoch ist bis heute noch immer keine unabhängige Kommission etabliert, die der DSV im Zuge des Falles Hempel mit großen Worten als "Leuchtturmprojekt" in Sachen Aufarbeitung angekündigt hatte.

Seit 2018 fordert das BMI von den Sportverbänden, dass sie verpflichtend eine "Eigenerklärung zur Prävention und Bekämpfung von sexualisierter Gewalt im Sport" vorlegen. Die Verbände müssen acht Maßnahmen umsetzen, unter anderem die Benennung eines oder einer Beauftragten für die Prävention sexualisierter Gewalt, die Erstellung eines Fort- und Weiterbildungskonzeptes für die Mitarbeiter und die Verankerung der Bekämpfung sexualisierter Gewalt in der Verbandssatzung und in Arbeitsverträgen.

BMI betont Autonomie des Sports

Für die Umsetzung hatten die Verbände bis Ende Mai 2021 Zeit, lange bevor die ARD-Doku überhaupt ausgestrahlt wurde. Inwieweit in die Entscheidung des BMI, den DSV wie bislang weiter zu fördern, die Vorfälle nach der Veröffentlichung der Doku eingeflossen sind, ist unklar. Das Ministerium betonte, dass die Aufarbeitung der Vorfälle durch den Verband selbst "der Autonomie des Sports entspricht, die auch von der Bundesregierung zu beachten ist".

Bei einem Blick auf die aktuelle Situation im DSV und die Vorgänge, die durch Jan Hempel und andere Opfer in Gang gesetzt wurden, wird klar: Solche Konzepte funktionieren gut auf dem Papier, die Umsetzung der formalen Anforderungen in der verbandsinternen Realität wird offenbar jedoch nicht geprüft. Auch eine Bewertung durch Dritte, etwa Athleten, findet nicht statt.

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Beim DSV und seiner Präventionsbeauftragten Franka Weber hatten sich nach Ausstrahlung der Doku weitere Missbrauchsopfer gemeldet. Die Doku "Missbraucht" hatte die Diskussion über Missbrauch im Sport weiter angefacht, künftig sollen in einem unabhängigen Zentrum für Safe Sport alle Fäden zusammenlaufen. Der Trägerverein "Safe Sport e.V." wurde am 3. November 2022 vom Bund und allen 16 Ländern gegründet und ist seit Januar im Vereinsregister eingetragen. Die Ansprechstelle soll noch im ersten Quartal 2023 eröffnet werden.