Wembley: Maskenpflicht am Platz gestrichen - 60.000 zugelassen

Fans in Wembley: Die Inzidenz steigt, die Zahl der Fans im Stadion auch.

EURO 2020 und die Coronavirus-Pandemie

Wembley: Maskenpflicht am Platz gestrichen - 60.000 zugelassen

Von Chaled Nahar

Bei den drei letzten Spielen der EURO 2020 wird im Londoner Wembleystadion am Sitzplatz keine Maskenpflicht gelten, auch das Abstandsgebot ist im Grundsatz aufgehoben - und mehr als 60.000 Fans dürfen rein. Die Kritik ist groß, denn die Sieben-Tage-Inzidenz in Großbritannien hat sich durch die Ausbreitung der Delta-Variante des Coronavirus seit Turnierbeginn verdreifacht.

Die beiden Spiele im Halbfinale sowie das Endspiel der EURO 2020 und zuvor auch das Achtelfinale zwischen England und Deutschland waren von der britischen Regierung offiziell zum Teil einer Studie erklärt worden.

Das britische Sportministerium erklärte in einer gemeinsam mit dem Gesundheitsministerium veröffentlichten Direktive, dass die vier Spiele in Wembley als Teil dieses Forschungsprogrammes zur Durchführung von Veranstaltungen mit Menschen auf den Rängen Ausnahmen von den aktuell gültigen Corona-Maßnahmen darstellen - unter anderem bei der Maskenpflicht.

UEFA passt Hinweise an: Maske darf am Platz runter, Mindestabstand entfällt

Angepasst: die Änderungen der Coronaregeln für die Spiele in Wembley bei der EURO 2020

Angepasst: die Änderungen der Coronaregeln für die Spiele in Wembley bei der EURO 2020

Auf den Internetseiten der UEFA gibt es für jedes der elf EM-Stadien eine Übersicht der Regeln für Fans. Dort steht bei London wegen der neuen Rechtslage nun, dass Fans bei den Spielen im Wembleystadion ihre Maske abnehmen können, wenn sie sich auf ihrem Sitzplatz befinden. Bis zum 27. Juni war bei den Vorschriften noch zu lesen, dass bei Spielen in Wembley eine Maske "zu jeder Zeit Mund und Nase" bedecken müsse.

Auch das Abstandsgebot wurde abgeschwächt. War zunächst noch von mindestens einem Meter Abstand zwischen den Fans die Rede, heißt es nun: "Halte Abstand zu anderen Fans, wo es nur geht." Diese Änderung ist unumgänglich - denn Abstand zu halten wird in Wembley nicht möglich sein, wenn ab dem Halbfinale mehr als 60.000 Menschen ins Stadion dürfen. Die britische Regierung weitet die nutzbare Kapazität des 90.000 Menschen fassenden Stadions damit zum zweiten Mal während des Turniers aus. In einem ersten Schritt war diese zum Spiel England gegen Deutschland von 21.500 auf 45.000 erhöht worden.

Fans bei den EM-Spielen in Wembley (Quelle: UEFA)
Partiezulässige Zahlanwesend
England - Kroatien21.50018.497
England - Schottland21.50020.306
Tschechien - England21.50019.104
Italien - Österreich21.50018.910
England - Deutschland45.00041.973
Halbfinale 160.000?
Halbfinale 260.000?
Endspiel60.000?

Regeln gehen teilweise an der Realität vorbei

Die Regeln kann die UEFA nicht selbständig erlassen oder verändern, dies ist Aufgabe der britischen Regierung. Das britische Sportministerium beantwortete eine Anfrage der Sportschau bislang nicht. Unklar bleibt auch, ob die neuen Regeln bei der Maskenpflicht Teil der Verhandlungen zwischen der UEFA und der Regierung waren. Ohnehin legen Bilder vom ekstatischen Jubel in Wembley im Spiel zwischen England und Deutschland sowie vom Gedränge vor dem Stadion nahe, dass die Regeln an der Realität vorbeigehen.

Die UEFA verweist auf Anfrage der Sportschau auf weitere Regeln beim Zugang zum Stadion. Jeder Fan müsse einen negativen Corona-Test, eine vollständige Impfung oder eine Genesung von einer Coronavirus-Infektion nachweisen. Zudem teilte die UEFA mit: "Die an jedem Austragungsort durchgeführten Maßnahmen entsprechen vollständig den Vorschriften der zuständigen lokalen Gesundheitsbehörden. Die endgültigen Entscheidungen in Bezug auf die Anzahl der Fans und auf die Einreisebestimmungen fallen in die Zuständigkeit der lokalen Behörden. Und die UEFA befolgt diese strikt."

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UEFA drohte London laut "Times" mit Entzug der Spiele

In der Öffentlichkeit entstand zuletzt aber immer wieder der Eindruck, dass die UEFA versucht, auf Regelungen Einfluss zu nehmen. Vor dem Turnier forderte UEFA-Präsident Aleksander Ceferin öffentlich von allen Spielorten zumindest die Zulassung einiger Fans im Stadion. Die britische "Times" berichtete zudem, dass die UEFA gedroht habe, London die drei letzten großen Spiele zu entziehen und nach Budapest zu verlegen, wenn Forderungen nicht erfüllt werden. Die UEFA bestätigte diese Vorgänge offiziell nie und sprach von "Zuversicht", dass die Spiele in London stattfinden können.

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Sonderrechte für wichtige UEFA-Gäste

Anschließend bekam die UEFA mehrere Zugeständnisse, die am 23. Juni von der Regierung bekannt gegeben wurden. Neben der Erhöhung der nutzbaren Kapazität räumten die britischen Behörden den wichtigen Gästen der UEFA Sonderrechte ein, indem diese Menschen die Quarantäne für die Spiele unterbrechen dürfen. Dabei geht es beispielsweise um Funktionäre wie Mitglieder des UEFA-Exekutivkomitees, des FIFA-Rats oder Vorstandsmitglieder der Nationalverbände. Voraussetzung ist, dass sie sich im Hotel isolieren und dieses nur zu den Spielen verlassen. Dasselbe gilt für Vertreter von Sponsoren des Turniers wie beispielsweise Qatar Airways oder Gazprom.

Möglicherweise sollen jeweils 1.000 Fans der teilnehmenden Teams am Halbfinale und am Endspiel dieselben Möglichkeiten erhalten. Nach Informationen der Sportschau laufen die Verhandlungen diesbezüglich aber noch.

Sieben-Tage-Inzidenz seit Turnierbeginn verdreifacht

Fast 42.000 waren beim Spiel zwischen England und Deutschland, ab dem Halbfinale sollen es mehr als 60.000 sein.

Fast 42.000 waren beim Spiel zwischen England und Deutschland, ab dem Halbfinale sollen es mehr als 60.000 sein.

Die Maßnahmen der britischen Regierung und die Rolle der UEFA als Veranstalterin stehen seit Tagen in der Kritik. Der Vorwurf: Gerade in Großbritannien sorgen solche Großereignisse mit derart vielen Zuschauern möglicherweise für eine schnellere Verbreitung der Delta-Variante des Coronavirus. Die Sieben-Tage-Inzidenz in Großbritannien hat sich seit Beginn des Turniers von 63,6 auf 196,4 mehr als verdreifacht. Zahlreiche Politiker meldeten Bedenken an. Am Donnerstag nannte Bundesinnenminister Horst Seehofer das Vorgehen der UEFA "verantwortungslos".

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Behörden melden 1.991 Infektionen in Schottland im Zusammenhang mit EM-Spielen

Und erste Erkenntnisse zu Auswirkungen der Spiele gibt es bereits. Die schottische Gesundheitsbehörde "Public Health Scotland" teilte laut BBC am Mittwoch mit, dass 1.991 Infektionen in Zusammenhang mit EM-Spielen stünden. Zwei Drittel der Infektionen seien auf Reisen zum Spiel der schottischen Mannschaft in London zurückzuführen. "Darunter sind 397 Fans, die im Wembleystadion waren", berichtet die BBC. Der genaue Weg der Infektionen sei aber nicht gesichert - das Virus könnte von schottischen Fans nach London getragen oder auch von dort mitgebracht worden sein. Auch in Finnland und Dänemark wurden Infektionen mit den Spielen in Verbindung gebracht.

UEFA: Der Spielplan steht

Fans beim Verlassen des Wembleystadions nach dem Spiel England gegen Deutschland

Fans beim Verlassen des Wembleystadions nach dem Spiel England gegen Deutschland

Eine Veränderung der Spielorte oder die Reduzierung der nutzbaren Stadionkapazität kommt vorerst aber nicht in Frage. Auf Anfrage der Sportschau teilte die UEFA am Dienstag mit, dass die Partien in London "wie im Spielplan vorgesehen" ausgetragen würden.

Auslastung K.o.-Spiele EURO 2020
StadionFansmax. Auslastung
Budapest61.000100%
London ab Halbfinale60.00075%
Kopenhagen25.00073%
London Achtelfinale 245.00050%
Baku31.00050%
Bukarest26.00050%
St. Petersburg30.50050%
Sevilla16.00035%
Amsterdam16.00033%
Rom14.50025%
Glasgow12.00025%
London Achtelfinale 121.50024%
München14.50020%

Stand: 01.07.2021, 13:51

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