Hochgefühl und Enttäuschung - Psychologie im DFB-Trainingslager

Ilkay Gündogan und Kai Havertz auf dem Trainingsplatz

EM-Trainingslager in Seefeld

Hochgefühl und Enttäuschung - Psychologie im DFB-Trainingslager

Von Marcus Bark (Seefeld)

Die Spieler des FC Chelsea und Ilkay Gündogan von Manchester City sind nun auch ins Training der deutschen Nationalmannschaft eingestiegen. Die Sportschau hat einen Psychologen gefragt, wie sich Hochgefühl und Enttäuschung auswirken - und in die Historie geschaut.

"Die beste Woche des Lebens" sei es gewesen, sagte Kai Havertz, zumindest "gefühlt". Kann sehr gut sein, schließlich gewann Havertz mit dem FC Chelsea die Champions League. Auch Timo Werner reckte den Pokal nach dem Finale in Porto in die Höhe, genau wie Antonio Rüdiger.

Die drei deutschen Nationalspieler waren am Freitag (04.06.2021) zum ersten Mal mit ihren 23 Kollegen in Seefeld auf dem Trainingsplatz. Bei drückender Hitze ging es in der Vormittagseinheit vor allem um Überzahlspiel und schnelles Umschalten auf Defensive. Vorher wurden Passübungen gemacht, die mit einem Schuss auf ein kleines Tor endeten.

Havertz: Vom CL-Finale zum DFB "mit viel Selbstvertrauen" Sportschau 04.06.2021 00:44 Min. Verfügbar bis 04.06.2022 Das Erste

Ilkay Gündogan verpasste das Tor nach der letzten Übung um die doppelte Höhe. Und es wäre symbolisch gewesen, wenn Rüdiger kurz danach mit einem Linksschuss aus 20 Metern in den Winkel des großen Tores getroffen hätte.

Aber so einfach ist es dann doch nicht, dass einem im Hochgefühl alles gelingt und einem in der Enttäuschung Sachen misslingen, die man ansonsten traumhaft sicher erledigt.

Lehmanns Bürde vor der WM 2006

Es kam schon häufig vor, dass deutsche Nationalspieler nach Endspielen in der Champions League zur Turniervorbereitung anreisten. Jens Lehmann etwa ging 2006 mit der Bürde in die WM, das Finale mit dem FC Arsenal gegen den FC Barcelona vielleicht auch deshalb verloren zu haben, weil er schon nach 18 Minuten die Rote Karte gesehen hatte.

Auswirkungen beim Turnier waren nicht zu spüren. Im Viertelfinale gegen Argentinien gewann er der Mannschaft das Spiel im Elfmeterschießen.

Das berüchtigte "Finale dahoam"

Vor der EM 2012 drehte sich im Trainingslager in Südfrankreich viel, sogar nahezu alles um das berüchtigte "Finale dahoam", das der FC Bayern auf dramatische Art gegen den FC Chelsea verlor.

Sechs von acht Münchner Spielern bestritten danach sämtliche fünf Turnierspiele in Polen und der Ukraine, zwei immerhin vier. Im Halbfinale war Schluss. Das Fachmagazin "kicker" gab Philipp Lahm die für ihn seltene Note "5", Bastian Schweinsteiger erhielt für die Leistung gegen Italien sogar eine"6".

Auswirkungen des tragisch verlorenen Endspiels ein paar Wochen zuvor, in dem Schweinsteiger einen Elfmeter an den Pfosten setzte? Die Frage lässt sich nicht schlüssig klären.

"Bei stabiler Persönlichkeit ist das nicht so dramatisch"

Aber welche Auswirkungen haben extremer Erfolg oder auch eine herbe Enttäuschung so kurz vor einem großen Turnier mit der Nationalmannschaft? Professor Jens Kleinert, Sportpsychologe an der Sporthochschule Köln, näherte sich auf Anfrage der Sportschau zunächst der allgemeinen Situation.

Ilkay Gündogan (r) im Zweikampf mit Kai Havertz.

Ilkay Gündogan (r) im Zweikampf mit Kai Havertz.

Es seien stets die Persönlichkeit und die Situation zu betrachten. "Bei stabiler Persönlichkeit ist das nicht so dramatisch", sagte Kleinert mit Blick auf Gündogan. "Eine Niederlage in einem Finale drückt natürlich die Stimmung, aber nur sehr kurzfristig. Das Selbstvertrauen wird davon kaum beeinflusst", so Kleinert.

Dies sei weiterhin grundsätzlich vorhanden, weil Gündogan eben eine herausragende Saison mit Manchester City gespielt und dies auch bescheinigt bekommen habe.

Keine Zeit fürs Grübeln

Gut für Gündogan sei, dass der nun "sofort neue Ziele" habe: "Das ist besser, als wenn er drei oder vier Wochen ohne Aufgabe wäre." Dann wäre auch die Gefahr größer, wegen des nun schon zweiten verlorenen Endspiels in der Champions League - 2013 unterlag Gündogan mit Borussia Dortmund dem FC Bayern - ins Grübeln zu kommen über die Frage: "Warum denn ich schon wieder?"

Kontakt zu Vertrauenspersonen aus der Familie oder dem Freundeskreis könnten helfen, die Enttäuschung zu überwinden, eventuell auch der Sportpsychologe des DFB. Wichtig seien jetzt vor allem auch die Mannschaftskollegen, die allerdings nicht den Fehler machen sollten, Gündogan trösten zu wollen.

"Trösten ist eine schwierige Sache", so Professor Kleinert, weil damit immer wieder an das negative Erlebnis erinnert werde. Richtig sei, Gündogan in Aktivitäten und Gespräche einzubinden, um ihn von der Enttäuschung abzulenken.

"Jetzt sind wir eine Mannschaft, und wir müssen zusammenhalten", sagte Havertz am Freitag bei der Pressekonferenz über den Umgang mit Gündogan und eigene Erfahrungen mit verlorenen Endspielen: "Da möchte man am liebsten alleingelassen und nicht von allen getröstet werden."

Über sich, den Siegtorschützen im Finale von Porto, sagte Havertz: "Klar gibt einem das Selbstvertrauen, da braucht man nicht lange drumherum reden."

Vom Konkurrenten zum Mitspieler: "Jetzt müssen wir zusammenhalten" Sportschau 04.06.2021 01:12 Min. Verfügbar bis 04.06.2022 Das Erste

Der Erfolg sei für die Ewigkeit, daher gehe er jetzt auch mit "viel Selbstvertrauen in den Lehrgang", wisse aber auch, dass da Konkurrenten sind, "die den Titel auch schon gewonnen haben".

Die Ansprüche von Havertz dürften trotzdem gestiegen sein. Ein Bankplatz für den "Champion", wie ihn der DFB in Seefeld via Twitter begrüßte, zum Auftakt der EM gegen Frankreich ist dennoch möglich, angesichts der Konkurrenz wäre er sogar kaum überraschend.

Bankplatz kein Rückschlag

Professor Kleinert glaubt nicht, dass dies psychologische Folgen für einen Spieler hätte, der sich derzeit noch auf Wolke sieben wähnt: "Dafür haben selbst solch junge Fußballprofis schon zuviel erlebt und gelernt, mit solchen Rückschlägen umzugehen."

Die "beste Woche des Lebens", wie es Havertz nannte, könnte es auch für Antonio Rüdiger gewesen sein. Der gewann die Champions League und wurde wenige Tage später Vater. "Das ist das absolut Größte", sagte Jens Kleinert, auch aus eigener Erfahrung.

Gefahr in der Euphorie

Trotzdem berge es eine Gefahr, denn eine euphorische Stimmungslage könne "positiv ablenken" vom Ziel, mit Deutschland eine erfolgreiche EM zu spielen. Auch hier seien die Mannschaftskollegen gefragt, um zu korrigieren. Gut sei, so Kleinert, dass Rüdiger schon zum zweiten Mal Vater geworden sei. Auch in diesem Punkt zahle sich Erfahrung aus.

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Stand: 04.06.2021, 18:00

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