Rainer Koch - viele Fragen, eine Antwort

Rainer Koch

Porträt des DFB-Vizepräsidenten

Rainer Koch - viele Fragen, eine Antwort

Von Marcus Bark

Rainer Koch mischt immer kräftig mit, wenn im deutschen Fußball wichtige Entscheidungen zu treffen sind. Im Lagerkampf, der den Verband derzeit lähmt, stellen sich wichtige Fragen an ihn. Die Antworten führen über kurz oder lang immer wieder auf sein Thema: die Amateure. Porträt eines Funktionärs, der nur einen Posten meidet - den ganz oben.

Der Schriftwechsel zwischen Christian Seifert und Rainer Koch wird als "Schlammschlacht" bezeichnet, und das geben die Wortlaute zweifelsfrei her. Seifert, der Geschäftsführer der Deutschen Fußball-Liga (DFL) und damit oberste Vertreter des Profifußballs, will am 4. Mai von Koch wissen, ob der tatsächlich gesagt habe, dass die DFL den DFB "strukturell zerschlagen" wolle.

Noch am selben Tag antwortet Koch in einem achtseitigen Schreiben. "Ihre entsprechende Behauptung, mittlerweile bundesweit in allen Kanälen medial bestens gestreut, ist frei erfunden", heißt es dort, gefettet und unterstrichen. An anderer Stelle wirft Koch dem Adressaten "Agitation gegen mich mit wahrheitswidrigen Unterstellungen" vor. Vorangestellt ist dem fünften Punkt von Kochs Replik: "Ich stehe für die Einheit von Profi- und Amateurfußball." Im vierten Punkt schreibt er: "Ich kämpfe für die Anliegen des Amateurfußballs."

Klientel, Rückhalt, Anliegen, Berufung, Rechtfertigung

Die Suche nach dem Begriff "Amateur" auf den acht Seiten ergibt 18 Treffer, und damit ist Rainer Koch trefflich beschrieben. Die Amateure, die dem Fußball in einer recht naiven Vorstellung nur aus Liebe zum Sport nachlaufen oder es wirklich tun, sind Kochs Klientel, Rückhalt, Anliegen, Berufung, Rechtfertigung.

Am 19. April hat Koch im Exekutivkomitee für eine Reform der Champions League gestimmt, die vor allem den Klubs fette Einnahmen garantiert, die ohnehin schon die mächtigsten in Europa sind. Viele Fangruppen, die sich wünschen, dass der Fußball sich wieder der Basis nähert, haben ihn zu einem "Nein" überreden wollen - vergeblich. "Ich habe der Reform zugestimmt, damit der Kuchen größer wird", sagt Koch zur Sportschau. Seine Folgerung: je mehr Geld für oben, desto mehr kommt unten an.

Alle Fragen führen zu einem Thema

Rainer Koch, der "1. Vizepräsident Amateure/Regional- und Landesverbände" des DFB, als Streiter für die Basis. Dieses Bild will er vermitteln, jede Diskussion führt er auf dieses Thema zurück, auch die heiklen. Etwa das um einen Vertrag mit einem Kommunikationsberater, das noch der Aufklärung bedarf.

Kochs Argumentation im Schnelldurchlauf: Der Berater habe geholfen, die Abwicklung eines schwierigen Geschäftsverhältnisse zu begleiten, das letztlich zum Wohl des DFB - und damit auch der Amateure - geklärt worden sei.

Selbst Gegner bescheinigen außergewöhnliche Intelligenz

Wer Rainer Koch beikommen will, muss bestens präpariert sein, und schlau. Selbst ehemalige Weggefährten, die inzwischen zu Gegnern oder gar Feinden gezählt werden dürfen, bescheinigen dem promovierten Juristen eine außergewöhnliche Intelligenz.

Engelbert Kupka darf zumindest als Widersacher von Koch geführt werden. Der langjährige Präsident der SpVgg Unterhaching hat 2017 die Initiative "Rettet die Amateurvereine" ins Leben gerufen, weil er der Ansicht gewesen ist und auch heute noch dazu steht, der DFB setze sich zu wenig für die Belange der Amateure ein.

"Unterstützung endet dort, wo er seine Position bedroht sieht"

"Die kleinen Amateurvereine mussten in der Vergangenheit bitter erfahren, dass für sie die Unterstützung durch den Amateurvertreter Dr. Koch stets dort endete, wo er seine Position bedroht sah. Siehe Grundlagenvertrag", sagt Kupka zur Sportschau. Der Grundlagenvertrag regelt die Geldverteilung zwischen Profis und Amateuren. Viele Amateure fühlen sich über den Tisch gezogen, Koch verteidigt den Vertrag als Kompromiss, den "sein" Lager den Profis abgerungen habe.

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Zum lähmenden und teilweise auch beschämenden Streit im DFB zwischen Präsident Fritz Keller und dem Lager um Koch, Generalsekretär Friedrich Curtius und Schatzmeister Stephan Osnabrügge sagt Kupka: "Solange Dr. Koch intern seine Fäden zieht und seine Ziele verfolgt, wird auch ein neuer Präsident keine Ruhe in den Laden bringen. Wenn zu lesen ist, die Amateure stünden hinter Dr. Koch, dann sind das in erster Linie die ‚Landesfürsten‘ der Verbände."

Absetzung formell schwierig

Der aktuelle Grundlagenvertrag ist noch bis Juni 2023 gültig. Die Verhandlungen über den neuen stehen an, aber sie werden in der aktuellen Konstellation und Lage kaum starten. Fritz Keller steht vor dem Aus als Präsident, für ihn und seine Unterstützer aus dem Profilager geht es vor allem darum, möglichst viele aus dem anderen Lager auch von ihren Posten zu verdrängen.

Das ist formell gerade bei Rainer Koch schwierig, denn der zeigt keinerlei Willen, sich freiwillig zurückzuziehen, zum anderen gibt es keine Verfehlung wie etwa die von Keller, der seinen "Vize" mit dem Nazi-Richter Roland Freisler verglichen hat.

Offensive in den Medien und scharfe Angriffe

Koch hat lediglich die Entschuldigung zur Kenntnis genommen, aber nicht akzeptiert. Für ihn sei das "persönlich unglaublich verletzend", so Koch in der "Welt am Sonntag". Ähnlich äußert er sich am Samstag (08.05.2021) im "Aktuellen Sport-Studio" des ZDF. Koch ist in die Offensive gegangen, sie hat schon am Freitag begonnen mit einem Post auf der eigenen Facebook-Seite. Darin vermutet Koch einen bevorstehenden Beitrag der "Süddeutschen Zeitung", der ihn "diffamieren, diskreditieren, kompromittieren und kriminalisieren" solle. Heftige Vorwürfe, gerade eines Juristen.

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Am Sonntag, auf dem Rückweg vom Sportstudio Mainz, telefoniert Koch auch mit der Sportschau. Die Standpunkte in den heiklen Themen sind hinlänglich bekannt, es soll nun vor allem um die Person Rainer Kochs gehen, der ein Multifunktionär ist, obwohl er gerade diesen Begriff ablehnt. Er suggeriere, dass jemand immer mehr wolle, den Hals nicht voll kriege.

"Ein sehr, sehr schwerer Kampf"

Rainer Koch (v.l.), Wolfgang Niersbach und Reinhard Rauball bei der Verkündigung des Rücktritts von Niersbach als DFB-Präsident am 9. November 2015

Immer dabei, immer nah: Rainer Koch (l.) und Reinhard Rauball (r.) bei der Verkündung des Rücktritts von Wolfgang Niersbach (M.) als DFB-Präsident

Es sei "ein sehr, sehr schwerer Kampf", so Koch, sich immer wieder gegen die Vorwürfe zur Wehr zu setzen. Die Vorwürfe sind auch seit Jahren bekannt: Koch ziehe die Strippen so, dass er immer bleibe, andere hingegen, die ihn hindern, werden aus dem Weg geräumt. Kochs Alleinstellungsmerkmal: Er will selbst nicht nach ganz oben, zumindest nicht allein.

Zweimal ist er - jeweils mit Reinhard Rauball an seiner Seite - Teil einer Doppelspitze gewesen, die übergangsweise nach einem Rücktritt eines Präsidenten den Verband geführt hat. Der "Wille, Menschen zusammenzuführen", so Koch, sei sein Antrieb. Das gelte für seine Rolle als Funktionär wie auch als Richter. Er habe nie Anwalt werden wollen, um vermitteln zu können.

Aus dem Dorf in die große Stadt - und jeden Tag zurück

Rainer Koch ist 1958 in Kiel geboren. Drei Jahre später zieht die Familie in den Süden, weil der Vater dort eine Arbeitsstelle findet. Die Kochs leben in Poing, östlich von München. Rainer Koch pendelt aus dem "dörflichen Umfeld" in die große Stadt, macht sein Abitur auf einem humanistischen Gymnasium, seinen Doktor an der Ludwig-Maximilians-Universität.

"Zwei Dinge vielleicht ein bisschen anders"

Fußball spielt er von Kindesbeinen an. "Zwei Dinge sind vielleicht ein bisschen anders als bei anderen. Ich bin mit 16 Jahren schon Jugendtrainer geworden, mit 17 Jugendleiter", sagt er. Dann habe er das aktive Spielen aufgegeben, weil er als Schiedsrichter vorangekommen sei. Das habe er dann auch "früh gestoppt", weil er als Jurist vorangekommen sei.

Über die Sportgerichtsbarkeit ist der Vater einer Tochter zur Verbandsarbeit gekommen, seit 2004 steht er dem Bayerischen Fußballverband (BFV) vor, seit 2007 ist er "Vize" beim DFB. Fünf aktuelle Posten führt das Profil auf der Homepage des BFV für seinen Boss auf. Er ist ein Multifunktionär, auch wenn er das nicht gerne hört. Er hört gerne, und er sagt noch viel lieber: "Ich stehe nur für einen Teil des DFB, nämlich für das Amateurlager."

Stand: 10.05.2021, 15:21

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