Die EURO 2024 in Deutschland - mit Gazprom als Sponsor?

Fußball | Europameisterschaft EURO 2024 in Deutschland - mit Gazprom als Sponsor?

Stand: 22.02.2022 19:08 Uhr

Der russische Staatskonzern Gazprom ist über Sponsoringverträge im europäischen Fußball allgegenwärtig. 2024 wird das Unternehmen nach jetzigem Stand Großsponsor der EM in Deutschland.

Von Chaled Nahar, Marcus Bark

Das von der Regierung in Moskau gelenkte Gasunternehmen mit Sitz in Sankt Petersburg ist seit 2012 einer der Großsponsoren der UEFA. Das Unternehmen zeigt sich im Umfeld der Champions League, die Partnerschaft wurde vergangenes Jahr auf die Nations League sowie auf die beiden Europameisterschaften 2021 und 2024 inklusive der Qualifikationsspiele ausgeweitet. Die EURO 2024 findet in Deutschland statt - trotz der aktuellen russischen Aggressionen gegen die Ukraine mit Gazprom als Sponsor in den Stadien und im Fernsehbild, das Deutschland als Gastgeber repräsentieren wird?

DFB-Interimspräsident Rainer Koch: "Es ist eine heikle Situation"

"Es ist eine sehr heikle Situation, die sich stündlich ändern kann und die wir natürlich alle im Blick haben", teilt Rainer Koch auf Anfrage der Sportschau mit. Der derzeitige Interimspräsident des Deutschen Fußball-Bundes sitzt auch im UEFA-Exekutivkomitee, dem mächtigsten Gremium im europäischen Fußball. Wird Koch auf die UEFA einwirken, was das Sponsoring durch Gazprom angeht? "Aktuell geht es um die Sicherung des Weltfriedens und damit um weitaus Wichtigeres als Fußball. Etwaige Folgen für den Fußball wird die UEFA gegebenenfalls kommunizieren."

Mit Karl-Heinz Rummenigge sitzt ein weiterer Funktionär aus Deutschland in der UEFA-Exekutive. Der frühere Vorstandschef von Bayern München zog im April 2021 als Vertreter der Klub-Vereinigung ECA in das Gremium ein. Auf Anfrage der Sportschau stand Rummenigge für eine Stellungnahme nicht zur Verfügung.

DFB-Interimspräsident Rainer Koch

DFB-Interimspräsident Rainer Koch

Europa-Abgeordnete von Cramon: "UEFA muss alle Maßnahmen ergreifen"

Die Europa-Abgeordnete Viola von Cramon (Die Grünen) fordert im Gespräch mit der Sportschau eine Sondersitzung des Exekutivkomitees, das planungsmäßig erst am 22. März wieder zusammenkommt. "Und dann müsste die UEFA eigentlich alle Maßnahmen ergreifen, um den Krieg einzudämmen - auch wenn die möglicherweise wehtun", sagt von Cramon. "Der Sport und die UEFA haben zahlreiche Möglichkeiten: Sponsorenverträge mit Gazprom auch für die EM in Deutschland beenden, russische Funktionäre aus den Gremien ausschließen und Sankt Petersburg die Austragung des Champions-League-Endspiels entziehen."

Mehrere Mitglieder des Europäischen Parlaments forderten in einem Brief an UEFA-Präsident Aleksander Ceferin, dass die UEFA das Finale verlegen und das Sponsoring mit Gazprom beenden soll. "Die Zeiten, in denen 'man die Situation beobachtet', sind vorbei. Die UEFA muss jetzt handeln und darf dieses Regime nicht länger legitimieren", heißt es in dem Schreiben, das der Sportschau vorliegt.

Das Logo des Champions-League-Endspiels 2022 in der Gazprom-Arena von Sankt Petersburg

Das Logo des Champions-League-Endspiels 2022 in der Gazprom-Arena von Sankt Petersburg

Auf Anfrage der Sportschau, ob es Pläne für einen Abzug des Spiels aus der Gazprom-Arena in Sankt Petersburg gibt, erklärte die UEFA: "Die UEFA beobachtet die Entwicklung fortlaufend und genau. Eine Entscheidung würde zu gegebener Zeit getroffen werden, falls es nötig wird."

UEFA: "Gazprom einer unserer vertrauenswürdigsten Partner"

Für einen kritischen Umgang mit ihren Sponsoren ist die UEFA nicht bekannt. Bei der EM 2021 wurde die staatliche katarische Fluggesellschaft "Qatar Airways" die "offizielle Fluglinie" der EM. Mehrere chinesische Sponsoren der UEFA standen im Verdacht, von Zwangsarbeit der unterdrückten Minderheit der Uiguren in China zu profitieren. Welche Summe mittlerweile für das Sponsoring durch Gazprom fällig wird, beantwortet die UEFA auf Anfrage der Sportschau nicht.

"Gazprom hat sich im Laufe der Jahre als einer unserer vertrauenswürdigsten Partner erwiesen", schwärmte UEFA-Marketingdirektor Guy-Laurent Epstein in einer Mitteilung zur Ausweitung des Sponsorings durch Gazprom. "Gazprom ist nicht nur führend auf seinem Gebiet, es hat auch eine lange Tradition im Fußball, und wir freuen uns darauf, in den kommenden Jahren noch enger zusammenzuarbeiten."

Eine enge Zusammenarbeit besteht schon lange. Die letzten russischen Funktionäre, die im UEFA-Exekutivkomitee oder im Auftrag der UEFA im FIFA-Rat saßen, hatten einen Bezug zu dem Unternehmen. Das gilt auch für Alexander Dyukov, seit 2021 Mitglied der UEFA-Exekutive. Er war Präsident des Gazprom-Werksklubs Zenit Sankt Petersburg, ist mittlerweile Präsident des russischen Verbandes und Vorstandsvorsitzender der Gazprom-Tochter Gazprom Neft. Ob diese Verflechtungen Einfluss auf Entscheidungen haben, auch dazu äußerte sich die UEFA auf Anfrage nicht.

Russland spielt im März gegen Polen in der WM-Qualifikation

Neben dem Endspiel der Champions League in der Gazprom-Arena in Sankt Petersburg stehen weitere Spiele der UEFA mit russischer Beteiligung an. Zenit Sankt Petersburg spielt am Donnerstag bei Betis Sevilla in der Zwischenrunde der Europa League. Spartak Moskau steht im selben Wettbewerb bereits im Achtelfinale. Zu den Spielen in der Europa League teilte die UEFA auf Anfrage der Sportschau mit, sie sei "in engem Kontakt mit den betroffenen nationalen Verbänden und Vereinen". Von einer Spielverlegung ist bislang keine Rede. Als in Belarus Diktator Alexander Lukaschenko Demonstrationen niederschlagen ließ, verlegte die UEFA die meisten Spiele mit belarusischer Beteiligung auf neutralen Boden.

Besonders heikel werden die Playoffs der europäischen Qualifikation zur WM 2022 in Katar. Am 24. März soll in Moskau Russland gegen Polen im Halbfinale spielen, auch im Endspiel am 29. März hätte Russland bei einem Weiterkommen Heimrecht, dann gegen Tschechien oder Schweden. Das Spiel in der WM-Qualifikation fällt aber unter die Regie des Weltverbands FIFA. Aufgrund der angespannten Lage habe man "die FIFA um dringende Klärung der Fragen im Zusammenhang mit der Organisation des Spiels", teilte der polnische Verband PZPN mit.