Das Logo des Champions-League-Endspiels 2022 in der Gazprom-Arena von Sankt Petersburg

Fußball | Champions League Entscheidung über Champions-League-Finale in Sankt Petersburg "falls nötig"

Stand: 22.02.2022 18:50 Uhr

Im Mai soll in Sankt Petersburg das Champions-League-Finale stattfinden. Angesichts der russischen Aggressionen gegen die Ukraine werden Forderungen nach einer Verlegung laut - die UEFA erklärt, sie werde darüber entscheiden, "falls es nötig wird".

Von Chaled Nahar

Russland hat Truppen in die ukrainischen Separatistengebiete in den sogenannten Volksrepubliken Donezk und Luhansk entsandt. Für die europäische Fußball-Union UEFA wird der Krieg ebenfalls ein ernstes Thema: Am 28. Mai 2022 soll in der russischen Stadt Sankt Petersburg das Finale der Champions League stattfinden, eines der meist beachteten Sportereignisse des Jahres. Wird dieses Spiel in rund drei Monaten dort auch dann ausgetragen, wenn der Krieg zwischen Russland und der Ukraine eskaliert?

UEFA: "Entscheidung zu gegebener Zeit, falls nötig"

Auf Anfrage der Sportschau, ob es Pläne für einen Wechsel des Austragungsortes gibt, erklärte die UEFA: "Die UEFA beobachtet die Entwicklung fortlaufend und genau. Eine Entscheidung würde zu gegebener Zeit getroffen werden, falls es nötig wird." Damit hält sich der Verband die Option für eine Verlegung des Champions-League-Finales nun zumindest offen. Noch am Dienstagvormittag (22.02.2022) hatte die UEFA mitgeteilt, dass es "derzeit keine Pläne" gebe, den Veranstaltungsort zu wechseln.

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Maximilian Rieger, Sportschau, 23.02.2022 13:35 Uhr

Bislang laufen die Vorbereitungen für Sankt Petersburg. Am 10. Februar besuchte eine UEFA-Delegation das Stadion. Nach einem Bericht der staatlichen russischen Nachrichten-Agentur TASS ging es vorrangig um das Coronavirus. "Natürlich beginnen wir jetzt mit einer Menge Arbeit in Bezug auf die epidemiologische Sicherheit. Sie hat Priorität", sagte Sankt Petersburgs Vize-Gouverneur Boris Piotrovsky demzufolge. Ob ihre Delegation bei dem Termin auch das Thema Ukraine ansprach, beantwortete die UEFA nicht.

Der britische Premierminister Boris Johnson forderte die UEFA zur Verlegung des Finales auf. "Keine Chance, Fußballturniere in einem Russland abzuhalten, das in souveräne Staaten einmarschiert", sagte Johnson im Parlament in London. "In diesem kritischen Moment ist es absolut entscheidend, dass Präsident (Wladimir) Putin versteht, dass das, was er tut, eine Katastrophe für Russland bedeutet."

Europa-Abgeordnete: "Letzter Austragungsort, den ich mir wünschen würde"

Auch Viola von Cramon, Europa-Abgeordnete der Grünen, wünscht sich ein entsprechendes Vorgehen der UEFA. "Russland ist derzeit wohl der letzte Austragungsort, den ich mir für ein Finale der Champions League wünschen würde", sagt sie im Gespräch mit der Sportschau und stellt eine klare Forderung auf: "Sankt Petersburg darf kein Austragungsort mehr sein. Das dürfte jeder verantwortungsvolle Sportfunktionär genauso sehen." Philipp Hartewig, sportpolitischer Sprecher der FDP sagte dem Sport-Informationsdienst, das auch die UEFA bei Sanktionen "in Verantwortung" sei. Sabine Poschmann, sportpolitische Sprecherin der SPD, nannte ein Champions-League-Finale in Sankt Petersburg "undenkbar. Die UEFA ist aufgefordert, das Finale in ein anderes Land zu verlegen".

Die Europa-Abgeordnete Viola von Cramon (Grüne)

Die Europa-Abgeordnete Viola von Cramon (Grüne)

Mehrere Mitglieder des Europäischen Parlaments forderten in einem Brief an UEFA-Präsident Aleksander Ceferin Konsequenzen. "Wir rufen Sie auf, russische Städte nicht mehr für die Austragung von internationalen Fußballspielen zu berücksichtigen. Als erster dringender Schritt sollte ein anderes Stadion als das in Sankt Petersburg für das Champions-League-Finale ausgesucht werden", heißt es in dem Schreiben, das der Sportschau vorliegt. Darüber hinaus solle das UEFA-Exekutivkomitee in einer Sondersitzung die Zusammenarbeit mit Sponsor Gazprom beenden. "Die Zeiten, in denen 'man die Situation beobachtet', sind vorbei. Die UEFA muss jetzt handeln und darf dieses Regime nicht länger legitimieren."

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Gazprom poliert als UEFA-Sponsor sein Image auf

Distanz gibt es zwischen der UEFA sowie dem russischen Verband und dem Staatskonzern Gazprom allerdings seit Jahren wenig - auch deshalb wäre eine Verlegung des Endspiels aus der Gazprom-Arena Sankt Petersburg in ein anderes Stadion sportpolitisch brisant. Das von der Regierung in Moskau gelenkte Gasunternehmen mit Sitz in Sankt Petersburg ist seit 2012 einer der Großsponsoren der UEFA. Das Unternehmen zeigt sich im Umfeld der Champions League, die Partnerschaft wurde vergangenes Jahr auf die EM 2021 und die Nations League ausgeweitet. Welche Summe mittlerweile für das Sponsoring fällig wird, beantwortet die UEFA auf Anfrage der Sportschau nicht.

Allgegenwärtig: Gazprom-Werbung in der UEFA Champions League, hier hinter Bayerns Joshua Kimmich

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Über das geostrategische Machtinstrument Gazprom ist der Einfluss Russlands in die UEFA über Jahre gewachsen. Der Werbewert des Sponsorings für Gazprom erscheint auf den ersten Blick gering, für einen Endverbraucher in Europa ist es schließlich weitgehend nicht möglich, Kunde von Gazprom zu werden. Doch der staatliche Energieriese poliert damit sein Image auf.

"Die Bandenwerbung ist in jedem Spiel zu sehen, das prägt sich ein", sagt die Parlamentarierin von Cramon. "Man zeigt sich so als verlässlicher Partner, der liefert. Das produziert eine positive Stimmung, Russland setzt das sehr strategisch ein." Hinzu komme der Zugang zu VIP-Logen der Stadien, in denen man unkompliziert diplomatische oder geschäftliche Gespräche führen könne.

UEFA-Funktionäre mit direktem Draht zu Gazprom

Auf der Entscheidungsebene der UEFA ist Russland ebenfalls seit Jahren etabliert. Gazprom-Funktionäre haben in der UEFA ein gewichtiges Wort, was ein Blick auf die Personalien in den relevanten Gremien der vergangenen Jahre zeigt. Die letzten russischen Funktionäre, die im UEFA-Exekutivkomitee oder im Auftrag der UEFA im FIFA-Rat saßen, hatten alle einen Bezug zu dem Unternehmen.

UEFA-Präsident Alexander Ceferin (l.), Russlands Präsident Wladimir Putin (2.v.l.) sowie Gazprom-Funktionär und UEFA-Vorstandsmitglied Alexander Dyukov (r.)

UEFA-Präsident Alexander Ceferin (l.), Russlands Präsident Wladimir Putin (2.v.l.) sowie Gazprom-Funktionär und UEFA-Vorstandsmitglied Alexander Dyukov (r.)

Das gilt auch für Alexander Dyukov, seit 2021 Mitglied der UEFA-Exekutive. Er war Präsident von Zenit Sankt Petersburg, ist mittlerweile Präsident des russischen Verbandes und Vorstandsvorsitzender der Gazprom-Tochter Gazprom Neft. Ob diese Verflechtungen Einfluss auf Entscheidungen etwa über die Vergabe des Endspiels der Champions League in der Gazprom-Arena in Sankt Petersburg haben, auch dazu äußerte sich die UEFA auf Anfrage nicht.

Pandemie zwang die UEFA zu neuem Final-Termin

Die UEFA brachte auch der Faktor Zeit in die aktuelle Lage. 2019 hatte das Exekutivkomitee mehrere Endspielorte der Champions League frühzeitig bis 2023 festgelegt. Aufgrund der Corona-Pandemie entzog die UEFA aber Istanbul erst 2020 und dann 2021 erneut das Finale. Die zugesagten Endspiele an den anderen Spielorten wurden teilweise mehrfach neu terminiert.

Sankt Petersburg wurde auf diesem Weg für das Jahr 2022 bestimmt, obwohl dort ursprünglich schon 2021 hätte gespielt werden sollen. Das und die Verschiebung der EM von 2020 auf 2021 zeigen deutlich, dass die UEFA zu kurzfristigen Änderungen ihrer Pläne allemal fähig ist.

Planung Endspiele UEFA Champions League
Jahr Planung 2019 Planung 2020 Planung 2021
2020 Istanbul Lissabon -
2021 Sankt Petersburg Istanbul Porto
2022 München Sankt Petersburg Sankt Petersburg
2023 London (Wembley) München Istanbul
2024 - London (Wembley) London (Wembley)
2025 - - München

Die Gazprom-Arena in Sankt Petersburg, der Heimatstadt des russischen Staatspräsidenten Wladimir Putin, war für die UEFA bei der EM 2021 ein Zufluchtsort. Als Dublin wegen der Coronavirus-Pandemie keine Garantie für Fans im Stadion geben wollte, verlegte die UEFA drei der vier in Irland geplanten Spiele nach Sankt Petersburg, das damit Gastgeber von sieben Partien wurde.

Große Bühne: Die EM in der Gazprom-Arena, hier bei Schweiz gegen Spanien

Große Bühne: Die EM in der Gazprom-Arena, hier bei Schweiz gegen Spanien

"Jedes internationale Sportereignis legitimiert und zementiert die Macht von Putin", sagt die Europa-Abgeordnete von Cramon. "Dabei müsste er als Aggressor mit seiner Politik der Desinformation und Destabilisierung international isoliert werden."

Menschenrechtsaktivistin: "UEFA sieht Menschenrechte nur als PR"

Für Andrea Florence hat die UEFA darum eine Verantwortung über den aktuellen Konflikt hinaus. "Die UEFA betrachtet Menschenrechtsfragen nur aus einer PR-Perspektive", sagt die geschäftsführende Direktorin der Menschenrechtsorganisation Sports and Rights Alliance im Gespräch mit der Sportschau.

Andrea Florence, geschäftsführende Direktorin der Menschenrechtsorganisation Sports and Rights Alliance

Andrea Florence, geschäftsführende Direktorin der Menschenrechtsorganisation Sports and Rights Alliance

In Russland würden fundamentale Rechte verletzt. Die Pressefreiheit werde missachtet, LGBTQ-Organisationen kriminalisiert. "Dass sie diese Probleme nicht offen anspricht, sagt eine Menge über die UEFA aus", meint Florence. Zuletzt habe die UEFA immer wieder Spielorte gewählt, in denen Menschenrechte verletzt oder eingeschränkt werden: Die EM habe in Aserbaidschan, Russland und Ungarn stattgefunden, nun stünden ein Champions-League-Finale in Sankt Petersburg, ein weiteres in Istanbul und ein Europa-League-Finale in Budapest an.

Das Spiel in Sankt Petersburg könnte für die UEFA nun angesichts einer möglichen russischen Invasion der Ukraine zum Problem werden.