Relegationsgeschichten - "Unsere Chancen stehen 80:20!"

Relegationsgeschichten - "Unsere Chancen stehen 80:20!"

Von Chaled Nahar

Die Relegation zur Bundesliga hat eine lange Geschichte - mit tollen Toren, falschen Vorhersagen und Todesangst.

Relegation in Offenbach zwischen den Kickers und bayer Leverkusen 1982

Zwischen 1982 und 1991 wurden erstmals die Spiele zwischen dem Drittletzten der 1. Bundesliga und dem Dritten des Unterhauses ausgetragen. Das erste Mal waren Bayer 04 Leverkusen als 16. der Bundesliga und die Kickers Offenbach beteiligt. Auch ein von den Spielern kurz zuvor forcierter Trainerwechsel half den Kickers dabei nicht: Sie verloren mit 0:1 und 1:2, stiegen dafür aber in der folgenden Saison direkt auf. Im Bild ist eine Szene aus dem Hinspiel am Bieberer Berg zu sehen.

Zwischen 1982 und 1991 wurden erstmals die Spiele zwischen dem Drittletzten der 1. Bundesliga und dem Dritten des Unterhauses ausgetragen. Das erste Mal waren Bayer 04 Leverkusen als 16. der Bundesliga und die Kickers Offenbach beteiligt. Auch ein von den Spielern kurz zuvor forcierter Trainerwechsel half den Kickers dabei nicht: Sie verloren mit 0:1 und 1:2, stiegen dafür aber in der folgenden Saison direkt auf. Im Bild ist eine Szene aus dem Hinspiel am Bieberer Berg zu sehen.

Für Schalkes Trainer Jürgen Sundermann war 1983 klar: "Wir packen Uerdingen. Die Chancen stehen 80:20!" Falsch gerechnet - Mit Bayer 05 Uerdingen schaffte es erstmals ein Zweitligist, über die Relegation aufzusteigen. Uerdingen gewann gegen Schalke das Hinspiel zu Hause mit 3:1 und schaffte im Rückspiel im Parkstadion (Foto) ein 1:1.

Eintracht Frankfurt war seit ihrer Gründung Teil der Bundesliga, gewann 1980 den UEFA-Pokal und 1981 den DFB-Pokal - eine große Mannschaft seinerzeit. Doch 1983/84 legte die Eintracht eine ziemlich gruselige Saison hin. Am Ende rutschte die Eintracht in die Relegation, doch die verlief wenig spannend: Das Hinspiel beim MSV Duisburg gewann Frankfurt mit 5:0 (Foto), im Rückspiel reichte ein 1:1 zum Verbleib in der Bundesliga.

1985 schaffte mit dem 1. FC Saarbrücken erneut ein Zweitligist den Aufstieg per Relegation. Gegen Bielefeld gewann Saarbrücken das Hinspiel mit 2:0 - auch dank Michael Blättels Kopfballtor zum 1:0 (Foto), das von den Zuschauern der Sportschau später zum Tor des Monats Juni 1985 gewählt wurde. Im Rückspiel reichte dem FCS ein 1:1.

Dramatisch wie nie war die Relegation am Ende der Saison 1985/86: Zweitligist Fortuna Köln hatte zu Hause mit 2:0 gegen Borussia Dortmund gewonnen und führte im Rückspiel zur Pause mit 1:0 - dem BVB fehlten also drei Tore. Auf der Tribüne litt Präsident Reinhard Rauball, der später erzählte: "Ich weiß noch, wie mir damals jemand während des Spiels gesagt hat: 'Ich kann nicht sagen, was heller ist. Die Farbe des Torpfostens oder die deines Gesichtes.'" Am Ende holte der BVB die drei nötigen Tore auf und erzwang damit ein Entscheidungsspiel, die Auswärtstorregel galt damals nicht.

Das Entscheidungsspiel sollte eigentlich am 23. Mai 1986 stattfinden, doch eine in der Kölner Südstadt umhergehende Magen-Darm-Grippe verhinderte dies, der DFB verlegte das Spiel auf Bitten der Kölner um eine Woche. Dann gab es kein Entkommen mehr und die Grippe war offenbar noch nicht ganz überstanden - Dortmund gewann mit 8:0, im Bild feiert Jürgen Wegmann ein Tor.

St. Pauli hatte 1987 als Zweitligist das Hinspiel beim FC Homburg mit 1:3 verloren. Im Rückspiel führten die Braun-Weißen mit 1:0 - ein Tor fehlte zum Entscheidungsspiel. Schiedsrichter Dieter Pauly sprach dann aber den Homburgern in der 86. Minute einen fragwürdigen Foulelfmeter zu, der Ausgleich bedeutete die Vorentscheidung. St. Pauli erzielte nur noch das wertlose 2:1. Schiedsrichter Pauly konnte das Stadion nur unter Polizeischutz verlassen.

1988 entschied das bis heute einzige Mal ein Elfmeterschießen über die Bundesliga-Teilnahme. Nachdem Bundesligist Waldhof Mannheim das Hinspiel bei Darmstadt 98 mit 2:3 verloren und das Rückspiel mit 2:1 gewonnen hatte, kam es zum Entscheidungsspiel, das nach Verlängerung 0:0 endete. 300 Minuten ohne Sieger führten zum Elfmeterschießen, in dem Darmstadt 3:2 führte, Karl-Heinz Emig dann aber vergab (Foto) - Mannheim schaffte den Klassenerhalt. "Mir ist so unwahrscheinlich schlecht", sagte der Unglücksrabe anschließend. Kein Wunder.

1989 forderte Zweitligist 1. FC Saarbrücken Eintracht Frankfurt heraus - doch der 2:1-Sieg dank zweier Tore des damaligen Saarbrückers Anthony Yeboah im Rückspiel reichte nach dem 0:2 im Hinspiel nicht. Die Stimmungslage war trotzdem umgekehrt: Die Saarbrücker feierten ihre Mannschaft ausgiebig, während die Frankfurter - im Bild Frank Schulz (v.l.), Karl-Heinz Körbel und Präsident Matthias Ohms - etwas gequält auf ein weiteres Jahr Bundesliga anstießen.

Saarbrücken sollte 1990 erneut scheitern - diesmal am damals noch "unabsteigbaren" VfL Bochum. Das Hinspiel hatte der FCS zu Hause verloren, ging aber durch Anthony Yeboahs (Foto) Kopfball in Bochum in Führung. Doch kurz vor Schluss traf Uwe Leifeld und hielt Bochum damit in der Bundesliga. "Die Erleichterung war groß, dennoch gab es danach irgendwie nichts Besonderes. Wir sind in die Stadt gegangen, haben zusammen gegessen und ein bisschen gefeiert, das war es", erzählte Bochums Torwart Andreas Wessels später in "11 Freunde".

1:1 und 1:1 - Erstligist FC St. Pauli und die Stuttgarter Kickers mussten in Gelsenkirchen ein Entscheidungsspiel bestreiten. 10.000 Fans von St. Pauli reisen ins Ruhrgebiet und sehen ein 1:3. Tränen fließen, die Anhänger sind am Boden zerstört. Torwart Volker Ippig sagte damals im NDR Fernsehen: "Das hat mich zutiefst bewegt. Das hat nicht direkt was mit Fußball zu tun - sondern mit Gefühlen und Menschen."

Dann kam die Wende in Deutschland auch im Fußball an. Das Jahr 1991 sollte zunächst das Ende der Relegationsspiele markieren. Der letzte DDR-Meister Hansa Rostock (im Bild bei der Meisterfeier) und Vize Dynamo Dresden kamen neu in die Bundesliga - die Relegation ließ der Ligaverband erst zum Ende der Saison 2008/09 wieder aufleben.

Und der Weg zurück zur Relegation führte zu einer spektakulären Neuauflage: Zweitligist 1. FC Nürnberg gewann 3:0 und 2:0 gegen Energie Cottbus - so deutlich setzte sich bislang kaum eine Mannschaft durch, schon gar nicht eine aus der 2. Liga. Nürnberg feierte und Trainer Michael Oenning versprach: "Wir wollen mit dieser Mannschaft nahezu unverändert in die Bundesliga gehen."

Das sollte sich als eine ziemlich schlechte Idee herausstellen, denn Oenning musste in Nürnberg kurz vor der Winterpause wegen Erfolglosigkeit seinen Posten räumen, unter seinem Nachfolger Dieter Hecking landete Nürnberg 2010 direkt wieder in der Relegation - diesmal als Erstligist. Doch Nürnberg blieb gegen Augsburg mit 1:0 und 2:0 erneut Sieger. Vier Spiele, vier Siege und null Gegentore gab es in den beiden Relegationen 2008 und 2009 - Nürnbergs Spieler galten in den fränkischen Medien fortan als "Relegationskönige".

Borussia Mönchengladbach war 2011 schon so gut wie aus der Bundesliga abgestiegen, als der neue Trainer Lucien Favre den Klub aus dem Allerschlimmsten führte. Die Aufholjagd führte vom Tabellenende noch in die Relegation. Gladbach gewann das Hinspiel gegen den Zweitligisten VfL Bochum durch das späte Tor von Igor de Camargo mit 1:0, lag im Rückspiel aber schnell zurück. Marco Reus schoss dann das entscheidende Tor zu Borussia Klassenerhalt und trat mit der ultimativen Trophäe vor die Fans - sein sonst lockiger Mitspieler Dante war kahlgeschoren. Trainer Favre analysierte kühl: "Er sieht jetzt hübscher aus."

Fortuna Düsseldorf war 1997 aus der Bundesliga abgestiegen und zeitweise in die Viertklassigkeit abgestürzt. 15 Jahre später stand Fortuna in der Relegation 2012 gegen den Erstligisten Hertha BSC auf dem Platz. Nach dem 2:1 im Hinspiel in Berlin stand es im Rückspiel 2:2, die Bundesliga war ganz nah - und die Fans wollten nicht länger warten. Sie standen schon am Spielfeldrand, stürmten den Platz, das Spiel wurde unterbrochen. Herthas Trainer Otto Rehhagel sprach von "Todesangst" seiner Spieler, die aber zugleich ihrerseits teilweise den Schiedsrichter tätlich angingen. Düsseldorf stieg nach einem erfolglosen Protest der Berliner vor dem DFB-Sportgericht auf.

Hoffenheim legte 2013 unter Markus Gisdol eine starke Aufholjagd hin und rettete sich am letzten Spieltag mit einem Auswärtssieg in Dortmund noch in die Relegation. Dort blieb Hoffenheim mit 3:1 und 2:1 klarer Sieger gegen Zweitligist Kaiserslautern. Sportlich war der FCK unterlegen - die Fans aber zeigten die unkäuflichen Qualitäten des Vereins: In einer unvergleichlichen Atmosphäre verabschiedeten sie ihr Team am Betzenberg in eine weitere Zweitligasaison.

Der HSV zeigte 2014 einen der erbärmlichsten Abstiegskämpfe aller Zeiten. Die letzten fünf Spiele verlor Hamburg allesamt, landete mit 27 Punkten aber tatsächlich noch auf Rang 16. Auch in der Relegation gewann Hamburg keines der beiden Spiele, nach dem 0:0 in Hamburg reichte das 1:1 in Fürth - denn in der Relegation seit 2008 gilt die Auswärtstorregel. Hamburgs Heiko Westermann gab sich im Jubel um die Rettung nachdenklich und sagte: "Ich glaube, dass der HSV noch so eine Saison nicht überstehen wird."

Der HSV legte aber tatsächlich noch so eine Saison hin - und überstand sie. In der Relegation gegen den KSC gab es zu Hause ein 1:1, im Rückspiel war der Hamburger SV der 2. Bundesliga so nah wie noch nie. Karlsruhe führte mit 1:0, als Schiedsrichter Manuel Gräfe den Hamburgern kurz vor Schluss einen äußerst fragwürdigen Freistoß an der Strafraumgrenze zusprach. Rafael van der Vaart wollte schießen, doch Marcelo Diaz reklamierte den Schuss mit den nun legendären Worten "Tomorrow my friend, tomorrow" für sich - und zirkelte den Ball in den linken Winkel des Karlsruher Tores. In der Verlängerung schaffte der HSV die Rettung, Diaz' Worte an van der Vaart wurden auf T-Shirts gedruckt.

Stand: 17.05.2018, 08:59 Uhr

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