Die zweite Saison in Corona-Zeiten - mit alten und neuen Problemen

Fans von Bayern München auf dem Weg zum Stadion (Archivbild aus dem Jahr 2017)

Bundesliga 2020/21

Die zweite Saison in Corona-Zeiten - mit alten und neuen Problemen

Von Chaled Nahar

Die Bundesliga geht in ihre zweite Saison, die unter den Vorzeichen der Coronavirus-Pandemie steht. Der Profifußball weiß nun, wie es geht - doch es bleiben einige Schwierigkeiten.

Nach den Diskussionen um Geisterspiele, Testkapazitäten, Spielplangestaltung oder nicht eingehaltene Hygieneregeln in der Rückrunde der alten Spielzeit startet die neue Saison 2020/21 - mehrere alte oder neue Probleme muss der Profifußball im Blick halten, falls sich die Pandemielage wieder verschlechtern sollte.

Problem 1: Es kann erneut zu Geisterspielen kommen

Ein "Schritt Richtung Normalität" soll die Teilöffnung der Stadien sein. Doch weltweit grassiert die Pandemie unvermindert weiter. Die Weltgesundheitsorganisation meldete am Sonntag (13.09.2020) die weltweit bislang höchste Zahl an Neuinfektionen an einem Tag, die Folgen solcher Meldungen können auch Rückschritte sein. Der dänische Fußball war zuletzt fast zurück im Normalbetrieb. Am Dienstag kündigte die Regierung an, in mehreren Stadien nur noch 500 statt zuletzt mehrere tausend Fans zuzulassen.

Sind die Infektionszahlen zu hoch, werden die Fans auch in Deutschland möglicherweise nicht mehr ins Stadion gelassen - die Geisterspiele wären zurück.

Zuschauer kehren in die Stadien zurück Tagesschau 15.09.2020 01:20 Min. Verfügbar bis 15.09.2021 Das Erste

Problem 2: Mögliche Corona-Fälle innerhalb von Mannschaften

Im Hygienekonzept der Deutschen Fußball Liga (DFL) bleibt das alte Dilemma für die Klubs festgehalten. "Aus einem positiven Testergebnis resultieren ggf. Maßnahmen der Gesundheitsämter, die den Spiel- und Trainingsbetrieb beeinflussen." Gemeint ist auch der Extremfall, der in der vergangenen Saison bei Dynamo Dresden in der 2. Bundesliga eintrat: Eine ganze Mannschaft musste in Quarantäne, die Folge waren Spielausfälle, Querelen um Nachholtermine, zu hohe Belastungen und Wettbewerbsnachteile.

Die Spieler und ihr direktes Umfeld in den Klubs wurden in der Rückrunde laut Hygienekonzept zwei Mal wöchentlich getestet. Das sollte Infektionen schnell erkennbar machen und die Isolierung der infizierten Menschen ermöglichen - ohne dass der Rest des Teams in Quarantäne muss. Allerdings wird zur neuen Saison nur bei einem "hohen Pandemie-Level" an einem Bundesliga-Standort wie bisher zwei Mal pro Woche getestet. Ansonsten gibt es zunächst nur noch einen Test wöchentlich. Kommt es zu positiven Tests und sogar einer Qarantäne ganzer Teams, könnten Spiele ausfallen - was zum nächsten Problem führt.

Problem 3: Wenn Spiele ausfallen müssen - wohin damit?

Nachholtermine könnten den Spielplan in bestimmten Zeiträumen weiter verdichten. Die hohe Belastung der Spieler wird wohl ohnehin ein Thema: Der Spielplan seit August bis zur EM kann für Spieler wie beispielsweise Joshua Kimmich im Extremfall mehr als 70 Spiele bereithalten. "Bei den Spitzenspielern im Fußball sind wir schon lange über den Bereich hinaus, in dem es vertretbar ist. Die Spieler kommen relativ schnell an die Stelle, wo die Belastung nicht mehr okay ist", sagte Jürgen Klopp, Trainer des FC Liverpool.

Neben der Belastung bleibt die Terminfrage. Vor allem für die Topklubs, die lange in drei Wettbewerben spielen, bietet der Kalender schon jetzt kaum Ausweichtermine. Die DFL und der DFB mussten kreativ planen: Drei Wochenspieltage wird es geben, am 2. Januar 2021 soll die Winterpause nach nur elf freien Tagen schon wieder enden. Der DFB-Pokal spielt sein Halbfinale am Wochenende, das Finale an einem Donnerstag. Hinzu kommen der Europapokal und dass die UEFA zwei der drei Länderspielfenster im Herbst verlängert hat, um alle Termine der Nationalmannschaften sicherzustellen. Wenn es zu mehreren Spielausfällen kommen sollte, droht die Zeit irgendwann knapp zu werden. Und am 12. Juni soll die EM beginnen - ein weiteres Problem.

Problem 4: Die EM "2020" kann wohl nicht länger warten

Die UEFA gab den Klubs das größtmögliche Entgegenkommen. Sie verlegte die EM 2020 in das Jahr 2021. Damit sollten die Klubs Zeit bekommen, um ihre Saisons sowie die beiden Europapokal-Wettbewerbe zu Ende zu spielen - und um finanzielle Schieflagen zumindest zu verkleinern. Diesmal hat die UEFA deutlich weniger Handlungsspielraum. Kommen die nationalen Saisons nicht rechtzeitig zu einem sportlichen Ende, stehen alle Beteiligten vor denselben Problemen wie im Frühjahr 2020. Eine weitere Verlegung der EM ist schwer vorstellbar - aus mehreren Gründen.

Im Jahr 2022 wartet die WM in Katar im November und Dezember, was den Kalender schon in eine ungewöhnliche Struktur gebracht hat. Die Frauen-EM wurde in das Jahr 2022 verlegt. Und in Zürich wartet FIFA-Präsident Gianni Infantino auf einen neuen Termin für seine Klub-WM mit 24 Mannschaften, auf die er 2021 verzichtete. Es könnte im Extremfall also sein, dass der Fußball erneut eine unangenehme Entscheidung zwischen der Austragung der EM und einem Saisonende der Ligen sowie des Europapokals treffen muss.

Problem 5: Ein Saisonabbruch ist weiter ungeregelt

In der vergangenen Saison gab es keine Antwort auf die Frage, was bei einem Saisonabbruch passiert, es brach zeitweise offener Streit aus. Die Sache wurde ausgesessen: Die Klubs einigten sich in der Coronapause nicht auf ein Vorgehen, dass den Meister, die Europapokalteilnehmer sowie die Auf- und Absteiger der Saison 2019/20 bestimmt hätte. Und das bleibt offenbar auch 2020/21 so. Nach Informationen der Sportschau werden sich die Klubs zunächst nicht mehr mit einer generellen Regelung befassen. Und dafür gibt es Gründe.

Eine generelle Abbruchsregelung wird nicht jeder Form eines Saisonabbruchs unbedingt gerecht - zu unterschiedlich kann die Situation sein. Hinzu kommt, dass jeder Klub im Gefühl einer Benachteiligung wohl juristische Schritte außerhalb der Sportgerichtsbarkeit anstreben würde. "Daher ist das mit einer möglichen juristisch wasserdichten Regelung in der Spielordnung so eine Sache", sagte Holger Schwiewagner, der Geschäftsführer von Zweitligist SpVgg Greuther Fürth, Anfang September zur Sportschau. Die Folge: Im Ernstfall muss man sich einigen.

Stand: 16.09.2020, 07:00

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