Schalkes Abstieg - Fehler auf dem Rasen und im System

Clemens Tönnies, Jens Buchta, David Wagner, Jochen Schneider

Strukturelle Probleme in Gelsenkirchen

Schalkes Abstieg - Fehler auf dem Rasen und im System

Von Jörg Strohschein

Der FC Schalke 04 muss den Weg in die Zweitklassigkeit antreten. Die Fehler wurden aber nicht nur auf dem Rasen gemacht. Das von Clemens Tönnies hinterlassene Machtvakuum enthüllte die Fehler im Schalker System gnadenlos.

Der lange Weg der sportlichen Qual hat ein weiteres Etappenziel erreicht. Der FC Schalke 04 ist nach 33 Jahren wieder in die 2. Bundesliga abgestiegen. Mit einer Bilanz, die innerhalb von nur anderthalb Jahren von Champions-League-Ambitionen in den Totalschaden führte. 13 Punkte nach 30 Spieltagen, 18 erzielte Tore, 76 Gegentreffer. Zahlen, die erschrecken, eingefahren von einer Profi-Mannschaft, die den Klub in dieser Saison rund 80 Millionen Euro an Gehältern gekostet hat.

Viele Fehler wurden von den Profis auf dem Feld gemacht. Aber bei den Schalkern liegen die Probleme auch in der Struktur des Klubs. Solange Clemens Tönnies als Aufsichtsratsvorsitzender agierte, war immer klar, wer die wichtigen (Personal-) Entscheidungen trifft - ob es um den Vorstand, die sportliche Leitung oder den Trainer ging.

"Man muss natürlich festhalten, dass Clemens Tönnies die Rolle als Aufsichtsratsvorsitzender sehr weit interpretiert hat und de facto nicht, wie es gemäß Satzung vorgesehen ist, als Vorsitzender des Kontrollgremiums agiert hat. Sondern Clemens Tönnies hat als Vorstandsmitglied oder als Vorstandsvorsitzender agiert und natürlich operative Entscheidungen getroffen", sagt Uwe Kemmer, ehemaliges Aufsichtsratsmitglied der Schalker der Sportschau. Die Kräfte im Klub waren - auch wenn sich dagegen seit längerer Zeit Widerstand regte - klar verteilt.

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Diskussionen über den Schalker Aufsichtsrat

Das änderte sich im Sommer 2020, als Tönnies aufgrund von Fanprotesten und der Corona-Problematik in seinen Fleischwerken in Rheda-Wiedenbrück zurücktrat. Und ein Machtvakuum hinterließ, das kein anderer füllte, auch nicht sein Nachfolger Jens Buchta.

Stattdessen gab es schon seit längerem Diskussionen um den Schalker Aufsichtsrat, der aus honorigen Personen aus Banken, Wirtschatsberatungs-Unternehmen, Steuerberatern und Wirtschaftsführern besteht. Mit Huub Stevens war nur ein echter Sportexperte dabei. Ansonsten war kein Nachweis vonnöten, sich im Bereich Profifußball oder dem Sportbusiness auszukennen. "Wir machen das alle ehrenamtlich", hatte Buchta jüngst im Rahmen einer Pressekonferenz gesagt. Und genau das ist wohl auch das Problem.

"Alte" Bekannte in der Transferperiode verpflichtet

Wie groß es ist, zeigte sich deutlich Ende 2020. Die Mannschaft befand sich sportlich im freien Fall, die bevorstehende Transferperiode bot aber noch eine Gelegenheit, sich auf dem Spielfeld zu verstärken.

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Christian Gross

Zu diesem Zeitpunkt waren allerdings schon erhebliche Zweifel an den Entscheidungen des ehemaligen Sportvorstandes Jochen Schneider aufgekommen. Etwa an seinen Spielerverpflichtungen im Sommer. Auch an seinem Festhalten an Trainer David Wagner. Die Verpflichtung von Coach Christian Gross stellte sich zudem schnell als Fehler dar. Schneider verpflichtete mit Sead Kolasinac, Klaas-Jan Huntelaar und Skhrodan Mustafi zwar namhafte Spieler.

Doch sie weckten nur Erwartungen. In ihren vorherigen Klubs hatten sie kaum oder gar keine Einsatzzeiten bekommen, weshalb ihnen nun die nötige Wettkampfhärte fehlte. Entsprechend gering war ihr positiver Einfluss auf die weiter trudelnde Mannschaft. Der bereits 37 Jahre alte Huntelaar war zudem mehrere Wochen lang verletzt.

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Personalchaos um Bentaleb und Harit

Auch der Umgang Schneiders mit Spielern wie Nabil Bentaleb oder Amine Harit, die mehrfach suspendiert wurden, dann aber plötzlich doch wieder im Schalker Kader standen, war nicht mehr als ein hilfloser Zickzack-Kurs, der die Mannschaft und das Umfeld des Klubs irritierte.

Uwe Kemmer wollte deshalb im Aufsichtsrat eine Diskussion über Schneider und dessen Zukunft führen. "Dazu gab es aber keinerlei Bereitschaft", sagt der Ex-Aufsichtsrat, der daraufhin kurz vor Weihnachten spontan zurücktrat.

Schalkes Sportvorstand Jochen Schneider wird den Club im Sommer verlassen.

Schalkes Sportvorstand Jochen Schneider

Im Februar rollte dann doch eine Entlassungswelle über den Klub. Die sportliche Lage hatte sich so katastrophal entwickelt, dass der Aufsichtsrat zum Handeln gezwungen war. Schneider und Gross wurden beurlaubt. Auch die übrige sportliche Leitung, darunter Teamkoordinator Sascha Riether, Athletiktrainer Werner Leuthard und auch Co-Trainer Rainer Widmayer mussten gehen. So etwas hatte es auf Schalke noch nicht gegeben. Das alles geschah allerdings viel zu spät, um noch einen Wandel herbeiführen zu können.

Keine Vorbereitung?

Die Vereinssatzung sieht vor, dass der Aufsichtsrat einen neuen Sportvorstand bestellt. Der Klub schien allerdings gar nicht vorbereitet auf solch eine Entscheidung. Der damalige Knappenschmiede-Leiter Peter Knäbel übernahm zunächst interimsmäßig den Posten als Vorstand Sport. "Ich bin froh, dass uns Peter Knäbel so spontan geholfen hat", sagte AR-Chef Buchta rückblickend mit ein paar Wochen Abstand.

Parallel dazu laufen in Gelsenkirchen emotionale Diskussionen um eine Ausgliederung des Klubs. Würde aus der Profiabteilung eine Kapital-Gesellschaft werden, würde der Status der Ehrenamtlichkeit entfallen, und es könnten gezielt Personen mit Sportexpertise eingestellt werden. Das würde zwar auch nicht vor Fehlern schützen, zumindest aber hätte der Klub eine solidere Grundlage für gravierende Entscheidungen.

Im Vereinsrecht (fast) alles möglich

Aber auch bei der Beibehaltung des eingetragenen Vereins (e.V.) - wie es sich viele Mitglieder wünschen - gibt es Möglichkeiten, bessere Strukturen zu schaffen. "Im Vereinsrecht ist so gut wie alles möglich", sagt Professor Lars Leuschner, Experte für Bürgerliches Recht, Handels- und Gesellschaftsrecht von der Universität Osnabrück der Sportschau.

So könnte etwa ein mit Fachleuten besetztes Gremium zwischen Vorstand und Aufsichtsrat eingesetzt werden, das für wichtige Personal-Entscheidungen zuständig ist. Und das bereits vorher Kandidaten sucht und auswählt.

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Wie ein mittelständisches Unternehmen

Weitere Denkmodelle sind möglich: "Meistens lassen sich diese Gremien aber von Außen für recht viel Geld beraten", sagt Leuschner. Auch weil derartige Veränderungen einen gewissen Machtverlust beinhalten. Und weil für strukturelle Weichenstellungen immer eine Sätzungsänderung herbeigeführt werden müsste, beschlossen von der Mitgliederversammlung.

Im Moment ist es schwer vorstellbar, dass ein Klub, der finanziell agiert wie ein mittelständisches Unternehmen und der zuletzt einen Jahresumsatz von 350,4 Millionen Euro erwirtschaftete, weiterhin von mehrheitlich fachfremden Ehrenamtlern beaufsichtigt und gegebenenfalls geführt werden sollte. Die Erfahrungen des vergangenen Jahres haben zumindest das sehr deutlich gezeigt.

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Stand: 20.04.2021, 22:15

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