Christian Gross - Optimismus als Schalker Hoffnungsschimmer

Christian Gross

Vor dem Revierderby gegen Borussia Dortmund

Christian Gross - Optimismus als Schalker Hoffnungsschimmer

Von Jörg Strohschein

Der FC Schalke 04 hat sich unter Trainer Christian Gross verbessert - ist aber immer noch nicht voll konkurrenzfähig. Der Schweizer versucht mit Pragmatismus und Improvisationstalent das Beste herauszuholen. Einen echten Umschwung hat aber auch der 66-Jährige noch nicht bewirken können.

Er steht oft am Spielfeldrand als sei er lediglich ein interessierter Beobachter. Christian Gross hält dann oft eine seiner Hände an das Kinn, schaut dem Treiben auf dem Platz fast regungslos zu. Es ist nicht so als würde den Trainer des FC Schalke 04 ein Spiel seiner Mannschaft nicht emotional aufwühlen. Aber der 66 Jahre alte Schweizer versucht offenbar lieber Fehler seines Teams zu entdecken, die Taktik des Gegners zu dechiffrieren, Lösungsansätze für seine Mannschaft zu suchen - und sich nicht von seinen Gefühlen leiten zu lassen.

Gross ist seit Ende des Jahres 2020 beim stolzen Ruhrgebietsklub. Einem Groß-Verein, dessen Selbstverständnis es im vergangenen Jahrzehnt war, irgendwann einmal die deutsche Meisterschaft zu gewinnen. Und der seit gut einem Jahr von allen guten Geistern verlassen zu sein scheint.

Noch keine sportliche Wende

Gross soll retten, was eigentlich kaum noch zu retten ist. Die Schalker steuern seit Monaten schnustracks auf die 2. Liga zu. Dennoch versucht der Trainer, die Ruhe zu bewahren und Zuversicht auszustrahlen - ob am Spielfeldrand oder bei seinen öffentlichen Auftritten. Der ehemalige FC-Basel-Präsident Heusler - unter dem Gross einige Jahre lang Trainer war - sagte jüngst in der "Züricher Zeitung": "Wenn alle anderen am Boden lagen, versuchte Gross, noch Kraft auszustrahlen und voranzugehen."

Auch Gross hat "auf Schalke" noch keine sportliche Wende herbeiführen können. Lediglich ein Sieg weist die ebenfalls wenig rühmliche Bilanz für den Schweizer aus. Dennoch hat er Veränderungen herbeigeführt.

Erfahrung ist für Gross besonders wichtig

Gross setzt vor allem auf Routine. Ralf Fährmann (32) steht wieder zwischen Pfosten, Skhrodan Mustafi (28) und Sead Kolasinac (27) wurden für die Verteidigung verpflichtet, Klaas-Jan Huntelaar (37) für den Angriff. "Wir brauchen mehr Erfahrung und Persönlichkeit im Team", sagte Gross zu Beginn seiner Tätigkeit immer wieder.

Der Coach hat es bisher immerhin geschafft, der Mannschaft in weiten Teilen wieder eine Konkurrenzfähigkeit und deutlich mehr Stabilität zu vermitteln. Die Abwehr ist kein Selbstbedienungsladen mehr für gegnerische Teams. Im Mittelfeld hat Gross es geschafft, Amine Harit sein so lange verschüttetes Leistungspotenzial entfalten zu lassen und ihm seine Spielfreude zurück zu geben.

Gross: "Haben Punkte mehr nötig als Dortmund" Sportschau 19.02.2021 01:03 Min. Verfügbar bis 19.02.2022 Das Erste

Im Angriff hakt es noch

Nur im Angriff hat er noch keinen Hebel gefunden, wie sein Team zu mehr Treffern kommt. Das liegt auch daran, dass Angreifer Huntelaar aufgrund einer Wadenverletzung nur einmal für wenige Minuten eingesetzt werden konnte. In acht Spielen unter Gross' Regie gelangen lediglich sieben Tore, davon allein vier gegen die TSG Hoffenheim. Mit dieser Bilanz sind die Schalker weiterhin der Konkurrenz nicht gewachsen. "Wir müssen es schaffen, torgefährlicher zu werden, das Spiel weiter nach vorne zu verlagern. Wir müssen noch entschlossener agieren", sagt Gross immer und immer wieder - und es klingt fast wie ein Hilfeschrei.

Gross kam mit dem Ruf eines autoritären, wenig nahbaren Trainers nach Gelsenkirchen, der stur ist, den alle Siezen und der vor allem eines macht: seinen Willen durchsetzen. In seinen fast zwei Monaten hat er sich am Berger Feld allerdings als Führungsfigur mit klarer Sprache und direkter Kommunikation erwiesen, er zeigt Kritikfähigkeit und hat sich als Quell unerschöpflichen Optimismusses herausgestellt. Nach den häufigen Misserfolgserlebnissen ist sein Credo immer gleich: "Ich verliere solange nicht die Zuversicht, bis es rechnerisch für uns nicht mehr möglich ist."

Pragmatismus und Improvisation

Dass er seine Spieler Alessandro Schöpf als Massimo Schüpp und Can Bozdogan als Can Erdogan bezeichnete, brachte ihm zwar schon einmal Kritik von Außen ein. An seiner internen Akzeptanz änderte das nichts. Gross tritt bei den Schalkern als Pragmatiker und Improvisationskünstler auf, versucht aus diesem nur unzureichend und unausgewogen zusammengestellten Kader herauszuholen, was irgendwie geht.

Als Gross gar keinen Stürmer mehr zur Verfügung hatte, holte er Matthew Hoppe aus der Regionalliga in den Kader. Der dankte es dem Coach mit bisher fünf Treffern. Der junge Innenverteidiger Timo Becker (23) füllt die rechte Außenverteidiger-Position mittlerweile überzeugend aus - was ihm außer Gross im Vorfeld wohl kaum jemand zugetraut hätte. Gross' ganzer Pragmatismus wird allerdings in der Causa Nabil Bentaleb deutlich.

Den insgesamt fünffach suspendierten Mittelfeldspieler holte er ganz überraschend ins Team zurück, als sich Mark Uth eine länger anhaltende Muskelverletzung zugezogen hatte. Eine andere personelle Alternative sah er offenbar nicht. Und das, obwohl Gross Tage zuvor bekundete, eine Rückkehr Bentalebs sei "kein Thema". Nach zwei Trainingseinheiten stand der 26-Jährige dann auch gleich in der Startelf bei Union Berlin. Gross scheut nicht davor zurück, auch weniger populäre Maßnahmen zu treffen, wenn sie seiner Auffassung nach der Sache dienen.

Symbole für den Erfolg

Seit langer Zeit versucht Gross mit Symbolen zu arbeiten. In Gelsenkirchen hat er "Basler Läckerli" in der Kabine verteilt. Die Lebkuchen werden hart an der Luft. Die Botschaft: Man muss sie gut kauen, um an den Honig in der Mitte zu kommen. Diese Beharrlichkeit wünscht er sich von seinen Profis.

Schalke 04 ist nach Gross' eigenem Bekunden die schwierigste Aufgabe in seiner langen Trainerkarriere. Die Gefahr für ihn, als Abstiegs-Trainer in die Schalker Geschichtsbücher einzugehen, ist groß. Ohnehin dürfte ab der kommenden Saison ein anderer Fußballlehrer seine Funktion übernehmen.

Sollte der Schweizer mit seinem Team das Revierderby am Samstag (20.02.2021) gegen Borussia Dortmund nicht gewinnen, wird der Coach noch immer sagen, dass er weiterhin zuversichtlich sei. Aber ob die verbleibende Zeit dann noch ausreicht?

Derby-Historie - Reinhard "Stan" Libuda, Legende auf beiden Seiten Sportschau 10.10.2018 01:55 Min. Verfügbar bis 10.10.2099 Das Erste

Stand: 19.02.2021, 07:00

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