"Kampf ums Geschlecht" - Arzt meldet sich zu Wort

Annett Negesa in Berlin

Nach der ARD-Dokumentation zur internationalen Leichtathletik

"Kampf ums Geschlecht" - Arzt meldet sich zu Wort

Von Jörg Winterfeldt und Jörg Mebus

Vor einem Jahr sorgte der Fall Annet Negesa für Schlagzeilen. Die ugandische Leichtathletin litt jahrelang unter einem medizinischem Eingriff. Jetzt gab auch der von ihr beschuldigte Arzt eine Erklärung ab - und die Athletin selbst kann sich nicht mehr genau erinnern.

Schon äußerlich lässt sich ein Unterschied feststellen. Wer Annet Negesa derzeit im Mommsen-Stadion von Berlin trainieren sieht, fühlt sich an jene Bilder erinnert, als die junge Leichtathletin aus Uganda internationale Rennen gewann. Manchmal scheint sie fast schon wieder über die Tartanbahn zu fliegen. Sie schindet sich wieder für ihren scheinbar lang ausgeträumten Wunsch.

2019 erschütterte der Bericht von Negesa, 28, die Welt. Einige Jahre zuvor war sie noch eine der vielversprechendsten Mittelstreckenläuferinnen Afrikas. Doch kurz vor den Olympischen Spielen 2012 in London, ihrem wahrscheinlichen Karriere-Höhepunkt, teilte ihr der Weltverband World Athletics mit, dass sie erst dann startberechtigt sei, wenn ihr Testosteronspiegel den sportlichen Bestimmungen entspreche.

"Ich glaube, es ist noch nicht zu spät. Eines Tages werde ich an den Olympischen Spielen teilnehmen. Das war schon immer mein großer Traum."

Natürlicher Testosteron-Spiegel über dem Grenzwert

Wie bei der prominenten südafrikanischen Läuferin Caster Semenya wurde Negesa zum Verhängnis, dass der natürliche Testosteronspiegel in ihrem Blut über den Grenzwerten lag, die bei Leichtathletikwettkämpfen für die Teilnahme an Frauenwettbewerben erlaubt sind. In der ARD-Dokumentation "Kampf ums Geschlecht - die verstoßenen Frauen des Sports" beschrieb die Athletin aus Uganda ihre anschließende Tortur.

Zunächst war Negesa aufgrund der Testosteronwerte in Uganda am 22. Juni 2012 untersucht worden. Befund: möglicher Fall von geschlechtlicher Uneindeutigkeit. Um weiterhin an Wettkämpfen teilnehmen zu dürfen, ließ sich Negesa in einem vom Weltverband empfohlenen Referenzzentrum in Nizza untersuchen, folgte dem unabhängigen medizinischen Rat, der ihr in Nizza und Uganda erteilt wurde, und unterzog sich in Uganda einer Gonadektomie. Nach eigener Aussage tat sie dies, ohne genau verstanden zu haben, was dies bedeutete: nämlich die Entfernung ihrer innenliegenden Hoden. Doch statt des gewünschten Ergebnisses - der Wiederzulassung zu Wettkämpfen - sah sich Negesa mit einer traurigen Realität konfrontiert: chronische Schmerzen, Schwächegefühle und Depressionen. Sie nahm nie wieder an einem internationalen Wettbewerb teil.

Arzt: "Habe mich nie mit Frau Negesa getroffen"

Jetzt meldet sich zum ersten Mal der Arzt zu Wort, den Negesa im ARD-Film für ihr Schicksal verantwortlich gemacht hatte, Dr. Stephane Bermon. Bermon war damals Mitglied der Medizinischen Kommission des Welt-Leichtathletikverbandes. Heute ist er Medizinischer Direktor der Föderation. Laut den Erinnerungen Negesas hatte er sie zu den medizinischen Voruntersuchungen nach Nizza eingeladen, diese dort durchgeführt und deshalb auch eine Verantwortung für die Nachsorge gehabt.

Er sagt jedoch: "Ich habe mich nie mit Frau Negesa getroffen. Ich hatte einen E-Mail-Austausch mit ihr und über ihren Vertreter, Herrn Van Der Velden, über die Entscheidung der IAAF und die Empfehlung des medizinischen Expertengremiums sowie über den Prozess. Entsprechend unseren damaligen Vorschriften wurden Frau Negesa unabhängige Referenzzentren zur Verfügung gestellt, die auf ihren Zustand spezialisiert waren. Frau Negesa und ihr Team buchten selbst den Termin, und sie wurde von Mitgliedern des medizinischen Teams der Abteilung für Endokrinologie und Gynäkologie des Universitätskrankenhauses von Nizza untersucht. Dieses Team wurde von Professor Patrick Fenichel geleitet. Ich habe an keinen Konsultationen oder Gesprächen mit Negesa teilgenommen."

Es handelt sich also um Ärzte des Krankenhauses in Nizza, das zu den anerkannten Referenzzentren des Weltverbandes gehörte. Dieses Vorgehen entsprach offenbar auch den internen Regeln des Leichtathletik-Weltverbands, wonach der untersuchende oder behandelnde Arzt einem unabhängigen Referenzzentrum, das auf das Fachgebiet spezialisiert ist, angehören müsse und nicht Teil des medizinischen Teams des Verbands sein dürfe.

Plötzliche Erinnerungslücken

Negesa selbst sagt nun, dass sie sich nicht mehr daran erinnern könne, welcher Arzt es damals gewesen sei, weist aber darauf hin, dass sie den behandelnden Arzt dem internationalen Verband zuordnete und dass sie aufgrund früherer E-Mails dachte, es müsse Bermon gewesen sein. Ganz offenbar verhielt es sich nicht so.

Im Fall von Negesa beschränkte sich Bermons Rolle nach derzeitigen Erkenntnissen auf einen E-Mail-Austausch mit Annet Negesa und deren Manager. Dokumente, die Negesas ursprüngliche Aussage zu unterstützen schienen, dass Bermon auch der behandelnde Arzt war, besagen, dass der Arzt, der die Operation in Uganda durchführte, im Anschluss auf "Konsultation mit Dr. Bermon" gewartet hatte, um ihre Hormontherapie zu beginnen.

Bermon kann sich nicht erklären, wie der afrikanische Arzt zu dieser Schlussfolgerung gekommen ist. "Die Ergebnisse der im Universitätskrankenhaus von Nizza durchgeführten Untersuchungen wurden von mir am 25. Juli 2012 nach Genehmigung durch Frau Negesa per E-Mail an Dr. S. (Name von der Redaktion abgekürzt) weitergeleitet", sagt er. "Ich schickte Frau Negesa zusätzliche Informationen über die nächsten Schritte und Behandlungsmöglichkeiten, die mit Dr. S. besprochen werden sollten, und dass Dr. S. ihr alle zusätzlichen Informationen über die IAAF-Hyperandrogenismus-Verordnungen zukommen lassen könnte, damit sie voll und ganz versteht, wo sie im Prozess tatsächlich steht."

Bermon war allerdings Mitautor einer Studie über Hyperandrogenismus, die 2013 veröffentlicht wurde. In der wissenschaftlichen Arbeit geht es um vier Leichtathletinnen, die sich der gleichen Operation wie Negesa unterzogen hatten. Patrick Fenichel, der das Team, das in Nizza die Untersuchung bei Negesa durchführte, leitete, war der Hauptautor. In der umstrittenen Studie heißt es ausdrücklich, den vier beteiligten Spitzenathletinnen sei von den Studienautoren eine Gonadektomie empfohlen worden. Negesa weiß nicht, ob sie Teil der Studie war. Dr. Bermon behauptet, er habe keiner Athletin eine Gonadektomie empfohlen.

Rückschläge und Erfolge für den Weltverband

In einem Urteil des Court of Arbitration for Sport, CAS, aus dem Jahr 2014 zur Klage der indischen Läuferin Dutee Chand gegen die IAAF wegen der Hyperandrogenismus-Regel wurde festgestellt, dass Bermon sich persönlich vor dem Gericht als zentraler Ansprechpartner der IAAF bezeichnet habe. Es wurde festgehalten, dass er als "die 'go to'-Person für alle Angelegenheiten, die sich auf die [Hyperandrogenismus-Bestimmungen] beziehen und sich daraus ergeben, aktiv an all diesen Fällen beteiligt gewesen“ sei. Gemeint ist, dass er verantwortlich zeichnet für die Empfehlungen des Expertengremiums und die daraus resultierenden Entscheidungen des Verbandes an die einzelnen Athleten und ihre Vertreter weiterzuleiten. Er erläuerte Fragen der Wettkampf-Berechtigung und die zur Verfügung stehenden Referenzzentrum-Ressourcen.

World Athletics hat in den vergangenen Monaten zwei wichtige juristische Erfolge verbucht, aber auch eine schwere Rüge kassiert. Den ersten im April 2019 beim CAS, der einen Einspruch Semenyas gegen die IAAF-Regularien abwies. Im Juni 2019 wurden allerdings die Hyperandrogenismus-Regeln von World Athletics in einem Bericht des UN-Hochkommissars für Menschenrechte heftig kritisiert. Neben Caster Semenya und sechs weiteren Athleten wird auch Annet Negesa namentlich genannt. Der UN-Hochkommissar betrachtet die Regeln als Menschenrechtsverletzungen und kritisiert zum Beispiel, dass die Regelungen für Sportler "die Gefahr unethischer medizinischer Praktiken ... und Verstöße gegen das allgemeine Verbot medizinisch unnötiger Verfahren" bergen.

"Menschen wie ich sind in Uganda nicht frei"

Anfang September veröffentlichte das Schweizer Bundesgericht ein Urteil, wonach die Beschwerden der Läuferin Semenya und ihres südafrikanischen Leichtathletikverbandes gegen die Entscheidung des CAS abgewiesen wurden. Semenya hatte sich auf das Diskriminierungsverbot berufen. Der CAS hatte 2019 geurteilt, dass die auch Negesa betreffenden World-Athletics-Berechtigungsbestimmungen für die weibliche Klassifikation zu Athleten mit Unterschieden in der geschlechtlichen Entwicklung (DSD-Reglement) zulässig seien, und keine Rechte verletzt würden. Sie seien angemessen, um fairen Wettbewerb in gewissen Laufdisziplinen der weiblichen Leichtathletik zu gewährleisten. Die Rechtssicht bestätigte das oberste Gericht der Schweizerischen Eidgenossenschaft.

In Berlin wartet Annet Negesa bisher vergeblich darauf, ihre Patientendaten einsehen zu können. Sie hatte diese vor einem Jahr zum ersten Mal beim zuständigen Krankenhaus in Nizza angefordert. Aus Furcht vor Verfolgung in ihrem Heimatland wegen der im Film geschilderten intimen Details ihres Lebens entschied sich Negesa, nicht zurückzukehren, und beantragte ein Bleiberecht in Deutschland. "Mein Leben in Uganda war schwer, ich konnte nicht mehr im Wettbewerb antreten. ich wurde diskriminiert, Menschen wie ich sind in Uganda nicht frei", sagt Negesa, "hier in Deutschland kannst Du machen, was Dich glücklich macht. Hier in Deutschland bin ich 100 Prozent sicher. Ich bin heute sehr glücklich."

Stand: 06.10.2020, 11:20

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