Bundestrainer Hansi Flick (l) klatscht mit Deutschlands Joshua Kimmich nach dessen Auswechslung ab.
analyse

Nach dem 0:1 in Polen Die Euphorie fehlt - vor allem der DFB-Elf

Stand: 17.06.2023 14:25 Uhr

Der DFB fordert eine Euphorie unter Fans und der Politik für die EURO 2024. Dabei fehlt es vor allem der Nationalmannschaft daran. Selbst Spieler kritisieren nach dem 0:1 in Polen, es sei alles "träge und langsam". 

Von Marcus Bark, Warschau

Bernd Neuendorf, der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes, schwieg. Auch Rudi Völler ging in den Katakomben des Nationalstadions in Warschau wortlos an der Meute der Reporter vorbei, die gerne vom Sportdirektor gewusst hätte, wie es denn nun weitergeht mit der deutschen Nationalmannschaft, die ein Jahr vor der Europameisterschaft ein großes Problem hat, vor allem mit Gegnern aus Europa.

Von den vergangenen elf Duellen mit europäischen Mannschaften gewann Deutschland nur eines. Im Juni 2022 gelang in der Nations League ein 5:2-Erfolg gegen Italien.

"Keine Wende in Sicht"

"Es ist keine Wende in Sicht", sagte Julian Brandt, nachdem am Freitag (16.06.2023) das Spiel gegen Polen, einer doch recht biederen europäischen Mannschaft mit einem an diesem Abend überragenden Torwart Wojciech Szczęsny, mit 0:1 verloren gegangen war. Die Wende, so der Mittelfeldspieler von Borussia Dortmund, könne nur mit Siegen gelingen, und von denen gab es nach dem Erfolg gegen Italien nur welche gegen den Oman, Costa Rica und Peru, also globale Leicht- bis Mittelgewichte.

"Wir werden da herauskommen", sagte Bundestrainer Hansi Flick am Mikrofon der Sportschau über die mageren Monate.

Trägheit als Problem

"Diese Durchhalteparolen sind nicht so mein Ding", sagte Brandt, allerdings bezog er sich dabei nicht auf den Trainer, sondern auf seinen abgebrochenen Versuch, eine Durchhalteparole zu formulieren. Er besann sich stattdessen auf eine Analyse, die als Konsens unter allen Zuschauern des Spiels gefunden wurde: "Wir müssen sehen, dass wir nicht zu träge werden. Unser Spiel ist zu langsam, wir haben zu viele Kontakte."

Joshua Kimmich pflichtete seinem Kollegen bei: "In der ersten Halbzeit waren wir vor allem auf Fehlervermeidung aus." Die Verunsicherung, ausgelöst vor allem durch das 3:3 gegen die Ukraine vier Tage zuvor, sei dafür verantwortlich gewesen.

Havertz und Wirtz außer Form

Die deutsche Mannschaft gab sich vor der Pause mit einem hohen Ballbesitzanteil zufrieden, es fehlte an Tempo und Dynamik, mit Ausnahme von einigen Dribblings Jamal Musialas. Der Münchner spielte in einem 3-4-2-1 hinter der schwachen Spitze Kai Havertz und neben dem schwachen Florian Wirtz, dem anderen außergewöhnlichen Talent im deutschen Fußball, der den Beweis in der Nationalmannschaft allerdings noch nicht erbrachte.

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In der zweiten Halbzeit wurde es besser, auch das war Konsens. Umso ernüchternder ist die Niederlage, die eine schlechte Stimmung noch weiter dämpft. Mit den drei Spielen im Juni sollten Nationalmannschaft und Fans wieder näher zueinander finden. Es bleibt nun noch eine Gelegenheit mit der Partie am Dienstag (20.06.2023) in Gelsenkirchen gegen Kolumbien, aber selbst ein deutlicher Sieg dürfte kaum die Euphorie hervorrufen, die der DFB und allen voran Rudi Völler von den Fans und auch der Politik mit Blick auf die EURO 2024 wünschen.

Zweifel an Flick?

Die Vorleistung fehlt jedoch, und das ist das große Problem des DFB. Das Flaggschiff des Verbandes prangert in den eigenen Reihen Trägheit an, verlangt jedoch Begeisterung.

Die Frage, ob Hansi Flick weiter der richtige Bundestrainer ist, um aus der misslichen Lage herauszukommen, stellt sich mit jedem schwachen Spiel und Ergebnis mehr. "Natürlich" werde Flick Trainer bleiben, sagte Völler nach der Partie gegen die Ukraine. Nun sagte er nichts. Das kann, muss aber nichts heißen.

"Ziemlich wichtig"

"Wir alle haben ein sehr enges Verhältnis zum Bundestrainer", sagte Julian Brandt, intern sei die leicht flammende Diskussion um Flick "kein Thema", auch "wenn wir das natürlich aus den Medien mitkriegen".

Hansi Flick sagte in Warschau, dass mit den Länderspielen im September gegen Japan und Frankreich die "entscheidende Phase" vor der Europameisterschaft beginne, nachdem er vorher gesagt hatte, dass die drei Tests im Juni ziemlich wichtig seien, um das Vertrauen der Fans zurückzugewinnen.

Kein Gündogan, viel Kimmich

Trotzdem wechselte er wieder extrem viel, gewährte İlkay Gündoğan einen längere Verschnaufpause, sodass der Kapitän des Gewinners der Champions League die Suche nach einer geeigneten Rolle für ihn in der Nationalmannschaft verschieben musste.

Mit der Erhöhung seines Kapitäns Joshua Kimmich ("Einstellung, immer gewinnen zu wollen wie Kobe Bryant und Michael Jordan") vergrößerte der Bundestrainer zudem seine Angriffsfläche.

Dem Trainer, der mit dem FC Bayern sechs Titel in einer Saison gewann, und der auch mit der Nationalmannschaft erfolgreich startete, bleiben derzeit nur Durchhalteparolen.