ManUnited gegen Chelsea - Klub-Ikonen müssen sich beweisen

Ole Gunnar Solskjaer (l.) und Frank Lampard

Premier League

ManUnited gegen Chelsea - Klub-Ikonen müssen sich beweisen

Von Hendrik Buchheister (Manchester)

Manchester United und der FC Chelsea setzen auf ein riskantes Trainer-Modell: Beide vertrauen Klub-Ikonen mit wenig Erfahrung. Der Druck auf Ole Gunnar Solskjaer und Frank Lampard ist groß. 

Erfolg ist relativ. Manchester United betrachtet das 2:1 bei Paris Saint-Germain zum Auftakt der Champions League unter der Woche logischerweise als solchen. Mit dem Sieg beim Finalisten der Vorsaison überraschte der abgestürzte englische Rekordmeister und hob die Stimmung nach dem Fehlstart in der Liga deutlich. Der FC Chelsea kam an der heimischen Stamford Bridge gegen den FC Sevilla nur zu einem 0:0, doch dass es mal wieder ein “clean sheet” (sauberes Bettlaken) gab, wie in England Spiele ohne Gegentor genannt werden - das deutet der Klub aus dem Südwesten Londons ebenfalls als Erfolg. Beide Mannschaften gehen also mit frischer Zuversicht in das direkte Duell in der Premier League an diesem Samstag. 

Im Fokus stehen die Trainer, Ole Gunnar Solskjaer bei Manchester United und Frank Lampard bei Chelsea. Beide haben sich als Spieler Legendenstatus bei ihrem Verein erworben, beide sind noch jung und haben kaum Erfahrung als Übungsleiter, und beide müssen erst noch beweisen, dass sie langfristig geeignet sind für ihren aktuellen Posten. Die Zweifel daran sind groß. Nach anfänglichen Flitterwochen sind beide längst angekommen in der erbarmungslosen Realität der Ergebnisbranche Profifußball, die sie bis dahin nur aus Spieler-Perspektive kannten.

Solskjaer bei ManUnited seit 1999 unsterblich

Solskjaer ist bei Manchester United unsterblich seit seinem 2:1-Siegtreffer im Champions-League-Finale 1999 gegen den FC Bayern. Die Berufung des Publikumslieblings zum Übergangs-Trainer nach dem Aus des schlecht gelaunten José Mourinho im Dezember 2018 war ein cleveres Manöver von Vizepräsident Ed Woodward, praktisch dem Chef des operativen Geschäfts, um die Stimmung bei der Kundschaft zu heben. Nach einer Erfolgsserie zum Einstand und einem wundersamen Weiterkommen im Champions-League-Achtelfinale gegen Paris Saint-Germain im März des vergangenen Jahres kürte ihn der Verein zur Dauerlösung. Die Ergebnisse seitdem: durchwachsen. 

Zum Ende von Solskjaers Premieren-Saison vergab die Mannschaft die Champions-League-Qualifikation leichtfertig. In der vergangenen Spielzeit wurde der Rekordmeister Dritter, nach einer schwachen Hinrunde und einer starken Rückrunde, und scheiterte dreimal im Halbfinale: im Ligapokal, im FA-Cup und der Europa League. Der Auftakt zur aktuellen Spielzeit misslang. In vier Partien gab es schon zwei Niederlagen, unter anderem ein 1:6 gegen Tottenham. Das ist der Grund dafür, dass sich die Presse um die Zurechnungsfähigkeit der Entscheider im Old Trafford sorgt: “Es ist verblüffend, dass sie an einem Experiment festhalten, das komplett auf Emotionen anstatt auf irgendeiner fußballerischen Logik basiert”, schrieb der Independent. 

Solskjaer - ein Experiment

Das Experiment, damit ist Solskjaer gemeint. Seine Identifikation mit dem Verein ist unbestritten, doch in der Tat steht der Nachweis darüber noch aus, ob er auch fachlich der richtige Mann für einen der größten Jobs im internationalen Fußball ist. Seine Spielweise ist vor allem reaktiv und basiert auf der Konterstärke seines Teams. Für die Probleme bei der aktiven Gestaltung des Geschehens und in der Abwehr hat er noch keine endgültige Lösung gefunden. Der Klub scheint entschlossen, am Ex-Stürmer aus Norwegen festzuhalten, doch viele Beobachter halten diese Treue für selbstmörderisch. Zumal sich ein Trainer auf dem Markt befindet, der dafür bekannt ist, dass er aus seinen Möglichkeiten das Maximum macht, nämlich der ehemalige Tottenham-Coach Mauricio Pochettino. 

Pochettino-Gerüchte bei beiden Klubs

Er wurde zuletzt auch mit Chelsea in Verbindung gebracht, denn auch Lampard steht unter Druck. In seiner ersten Saison schaffte er mit dem Klub den Champions-League-Einzug, und das trotz einer Transfersperre durch die Fifa. In seiner zweiten Spielzeit sind die Erwartungen höher, denn die Blues haben königlich investiert, unter anderem in Timo Werner und Kai Havertz für zusammen mehr als 130 Millionen Euro. Sie verstärken die Offensive, doch die Probleme liegen am anderen Ende des Spielfelds. Chelsea hat in der vergangenen Saison von allen Teams in der oberen Tabellenhälfte die meisten Tore kassiert. Insgesamt lässt die Mannschaft in der Liga im Schnitt fast 1,5 Treffer pro Spiel zu. 

Die Fehler des mittlerweile abgesetzten Torwarts Kepa Arrizabalaga reichen als Erklärung dafür nicht aus. Chelsea ist insgesamt porös und verteidigt im Kollektiv nicht hinreichend. Wenn diese Mängel nicht bald behoben werden, dürfte der ungeduldige Klubbesitzer Roman Abramowitsch auch mit Lampard keine Gnade haben, trotz seiner Verdienste als Spieler und seiner Beliebtheit bei der britischen Presse: “Sein Weg bis hierher wurde durch sein blaues Privileg geebnet. Doch in dieser Saison wird Lampard an seinen Ergebnissen gemessen”, formulierte der Guardian neulich. Und so schaut am Samstag neben den englischen Fußball-Fans wohl auch ein Argentinier mit großem Interesse auf das Duell zwischen Manchester United und Chelsea: nämlich Mauricio Pochettino.

Stand: 23.10.2020, 08:20

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