Ludovic Magnin - "Ein Virus ist eben ein Virus"

Ludovic Magnin, Trainer des FC Zürich

Interview mit dem Trainer des FC Zürich

Ludovic Magnin - "Ein Virus ist eben ein Virus"

Der FC Zürich kämpft um einen Europapokalplatz, musste aber in einem wichtigen Spiel mit der U21 antreten. Die Profis sind wegen zehn positiver Coronatests in Quarantäne. Trainer Ludovic Magnin spricht im Interview über Solidarität, eine Meldung, die ihn schockiert hat und wie es zu den vielen Fällen kam: "Ein Virus ist eben ein Virus."

Zwei Tore in der Nachspielzeit der zweiten Halbzeit sorgten dann doch noch für einen Sieg des FC Basel in der Höhe, die erwartet worden war. Mit 0:4 unterlag die Mannschaft des FC Zürich am Dienstagabend (14.07.20) im St.-Jakob-Park. Es war eine Mannschaft, die aus ein paar Profis, U21- und U18-Spielern zusammengestellt war. Ihr Trainer Ludovic Magnin sah das Spiel am Fernsehen, Stunden vor dem Anpfiff hatte er der Sportschau am Telefon ein Interview gegeben und über die besonderen Umstände in einer besonderen Zeit gesprochen.

Herr Magnin, Ihre Mannschaft spielt am Abend beim FC Basel, Sie aber werden zu Hause sitzen und die Partie vermutlich am Fernsehen verfolgen. Das muss ein komisches Gefühl sein.

Ludovic Magnin: Ja, wie fühlt man sich, wenn man negativ getestet ist, sich topfit fühlt - und trotzdem in Quarantäne gesteckt wird? Das ist schon ein ganz komisches Gefühl. Aber das spielt jetzt keine Rolle mehr, weil die Welt in den letzten Monaten total verrückt geworden ist. Das war für mich unvorstellbar, dass Länder wie Deutschland oder die Schweiz in den Lockdown gehen, die Grenzen schließen. Und es war auch unvorstellbar, dass Spiele der Super League oder auch der Bundesliga verlegt werden wegen eines Virus. Das war alles undenkbar für mich.

Der deutsche Fußball wurde für sein Hygienekonzept gelobt, das viele Tests vorsah. In der Schweiz gab es diese regelmäßigen Tests der Profis nicht. Warum?

Magnin: Da bin ich der falsche Ansprechpartner. Unser Schutzkonzept wurde vom Bund bewilligt, und daran haben wir uns alle gehalten. Ein Virus ist eben ein Virus und ein gewisses Restrisiko einer Ansteckung besteht immer.

Das ist Ludovic Magnin
geboren am20. April 1979
NationalitätSchweizer
Spieler (u.a.)FC Lugano2000 bis 2001
Werder Bremen2002 bis 2005
VfB Stuttgart2005 bis 2010
FC Zürich2010 bis 2012
Länderspiele62
TrainerFC Zürichseit 2018
ErfolgeDeutscher Meister mit Werder (2004) und VfB (2007), DFB-Pokal mit Werder (2004)
Schweizer Pokal (2018)

In Ihrem Verein gab es gleich zehn positive Coronatests. Wie ist es zu dieser hohen Anzahl gekommen?

Magnin: Ich wiederhole mich: Es ist ein Virus. Wenn das Virus so einfach zu stoppen wäre, dann wären nicht unzählige Menschen auf der Welt infiziert. Bei uns war es so, dass wir jeden Tag bei den Spielern die Temperatur gemessen haben, wir haben die Abstände eingehalten, soweit es ging. Wir haben auch die Masken aufgesetzt, wenn wir näher zusammen waren. Aber Sie müssen auch verstehen: Wir haben nicht wie in Deutschland eine Anlage, die abgeschottet ist - mit mehreren Kabinen. Wir ziehen uns in einer öffentlichen Sportanlage um, in die in Teilbereichen auch andere Menschen dürfen. Wir hatten zwar unsere abgesperrten Bereiche, aber es ist nicht so einfach wie in Deutschland mit den großen Budgets.

Es wird vermutet, dass sich viele Spieler bei einer Busfahrt nach einem Spiel infiziert haben.

Magnin: Fakt ist, dass wir in Neuenburg (bei Neuchatel Xamax, d. Red.) gespielt haben. Auf der Rückfahrt hat sich einer der Spieler dann im Bus nicht wohlgefühlt. Er wurde nach der Rückkehr sofort von der Mannschaft isoliert und getestet. Das Ergebnis war positiv. Für uns war dann wichtig, sofort zu wissen, welche anderen Spieler, deren Familien und Eltern vielleicht auch das Virus haben könnten. Das haben wir sofort gemacht. Deshalb war ich auch so geschockt, dass in Deutschland die Falschmeldung verbreitet wurde, die mich als verantwortungslosen Trainer darstellte. Das war für mich nicht akzeptabel.

Ludovic Magnin: "Haben getestet, obwohl es nicht obligatorisch war"

Sportschau 14.07.2020 00:57 Min. Verfügbar bis 14.07.2021 ARD Von Marcus Bark

In dieser inzwischen korrigierten Meldung wurde behauptet, einer ihrer Spieler sei schon am 3. Juli positiv getestet worden, Sie hätten ihn aber dennoch am 7. Juli in der Begegnung mit Xamax eingesetzt.

Magnin: Genau. Aber es war das genaue Gegenteil von verantwortungslosem Handeln. Wir haben sofort alle getestet, damit auch unsere Frauen und Kinder geschützt werden.

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Der Großteil der Profimannschaft befindet sich nun in Quarantäne. Nur wenige Spieler aus ihr stehen für das Spiel am Dienstag (14.07.20) beim FC Basel zur Verfügung. Deshalb werden die meisten Spieler, die in Basel auflaufen, aus der U21 sein, manche aus der U18. Ihr Präsident Ancillo Canepa sagte, es sei im Interesse der ganzen Liga, mit dieser Mannschaft anzutreten, um so die Saison nicht zu gefährden. Wie stehen Sie dazu? Denn sportlich ist das ein deutlicher Nachteil.

Magnin: Ich stehe zu 100 Prozent dazu. Wir müssen die Saison bis zum 3. August beenden, weil wir der UEFA dann die Teilnehmer für den Europapokal melden müssen. Ich denke, dass der Verein zum Wohl des Schweizer Fußballs die richtige Entscheidung getroffen hat. Es ist wichtig, die eigenen Interessen nicht in den Vordergrund zu stellen. Wir wollten die Solidarität vorleben, deshalb war es wichtig, zu sagen: Okay, wir nehmen es allfällig in Kauf, ein paar wichtige Punkte im Fight um einen Europapokalplatz zu verlieren, damit die Meisterschaft zu Ende geht.

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Ist die U21 denn überhaupt im Training?

Magnin: Ja. Die haben zwar in diesem Kalenderjahr noch kein Pflichtspiel gemacht, weil die Saison früh abgebrochen wurde. Aber sie bereitet sich auf die nächste Saison vor, die im August starten soll. Vergangene Woche haben sie auch zwei Testspiele bestritten. Die Jungs sind sowieso heiß.

Magnin: "Natürlich hoffen wir, dass Leute ins Stadion können"

Sportschau 14.07.2020 00:40 Min. Verfügbar bis 14.07.2021 ARD Von Marcus Bark

Der FC Zürich muss aber schon jetzt drei Punkte auf den vierten Tabellenplatz aufholen, der zur Teilnahme an der Qualifikation zur Europa League berechtigt. Wie bewerten Sie die Ausgangslage?

Magnin: Wir werden an unsere Chance glauben und versuchen, die Spiele zu gewinnen. Wichtig ist, dass die Mannschaft so schnell wie möglich wieder ins Training kann. Wir werden versuchen, schon am Samstag (18.07.20) mit der Mannschaft, die dann aus der Quarantäne rauskommt und kaum ein Training hat, trotzdem eine gute Leistung gegen die Young Boys Bern abzuliefern. Wir werden sicher nicht aufgeben, nur weil unsere jüngere Mannschaft heute in Basel spielt.

Mit Ludovic Magnin sprach Marcus Bark.

Stand: 15.07.2020, 07:39

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