Lagerkampf beim DFB - Krisensitzung mit brisanten Punkten

DFB-Präsident Fritz Keller (l.) und Vizepräsident Rainer Koch

Machtkampf beim Deutschen Fußball-Bund

Lagerkampf beim DFB - Krisensitzung mit brisanten Punkten

Von Marcus Bark

Spitzenfunktionäre des Deutschen Fußball-Bundes und seiner Landesverbände tagen in Potsdam. Präsident Fritz Keller kämpft um seinen Posten. Dass er nach einer schlimmen Entgleisung dazu noch die Gelegenheit hat, zeigt auf, wie schlecht es auch um das andere Lager bestellt sein muss.

In einem Hotel in Potsdam, schön an einem See gelegen, tagten am Samstag (01.05.21) in diesen Stunden 25 Herren: Fritz Keller, der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), sein Stellvertreter Rainer Koch (Foto, bei der Ankunft im Hotel), Friedrich Curtius als Generalsekretär des Verbandes und Schatzmeister Stephan Osnabrügge sowie 21 Präsidenten der Landesverbände.

Die doppelte Anzahl an Menschen wäre nach gültiger Coronaschutzverordnung des Landes Brandenburg bei einer "Veranstaltung ohne Unterhaltungscharakter in geschlossenen Räumen" erlaubt.

Der Nachweis, dass die Sitzung keinen Unterhaltungscharakter besitzt, wird dem DFB leichtgefallen sein. Die Lage ist ernst, das ist mit ein paar Zeitungsausschnitten und Links der vergangenen Tage leicht zu belegen.

Intrigen, Beleidigungen, Missgunst

Ein Machtkampf lähmt und schädigt den Verband seit Monaten. Auf der einen Seite steht Keller, auf der anderen stehen Curtius, Koch und Osnabrügge. Es geht aber nicht nur um Macht, sondern auch um Intrigen, Beleidigungen und Missgunst. Und auch um Vertuschung?

Es ist nahezu ausgeschlossen, dass die Lager noch einmal zusammenfinden. Gänzlich ausgeschlossen ist nach Informationen der Sportschau, dass Fritz Keller seinen Rücktritt einreichen wird.

Im Gegenteil, der Präsident wirbt für sich. In einem Schreiben an die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des DFB, über das die "Bild-Zeitung" zunächst berichtete, sprach er sich für einen Außerordentlichen Bundestag aus, auf dem er sich das Vertrauen aussprechen lassen möchte. Außerdem möchte er seine Kompetenzen ausgeweitet sehen.

Kellers Dank an die Ethikkommission

Nach Informationen der Sportschau stellte Keller ein zweites Schreiben ins Intranet des DFB ein, und zwar seines an die unabhängige Ethikkommission des Verbandes. Darin bedankte sich der Präsident dafür, dass er die Gelegenheit zur Stellungnahme in einem Fall erhalte, der seinen Vorgängern vermutlich schon den Posten gekostet hätte.

Keller soll seinem Widersacher Koch während einer Sitzung den Namen "Freisler" entgegengemurmelt haben. Roland Freisler organisierte den Holocaust mit und war einer der widerlichsten Blutrichter der Nazis. Ein schlimmerer Vergleich mit Koch, ebenfalls Richter, ist kaum möglich.

Der Vorfall wurde nie direkt, aber an mehreren Stellen indirekt zugegeben. Keller bat mehrfach um Entschuldigung für eine "unsägliche Entgleisung", die Curtius bei der Ethikkommission zur Anzeige brachte. Auch das wurde bislang nur indirekt bestätigt.

Strategie liegt auf der Hand

Rainer Koch nach seiner Ankunft in einem Hotel in Potsdam

Rainer Koch nach seiner Ankunft in einem Hotel in Potsdam

Keller ist in Potsdam gefordert, die Landespräsidenten davon überzeugen, dass er trotz der Entgleisung weitermachen darf. Seine Strategie liegt auf der Hand. Der Präsident wird anführen, dass er der Aufklärer ist, als der er sich beim Amtsantritt im September 2019 vorstellte. Dass es weiter viele offene Verfahren und heikle Fragen gibt, wird er damit entschuldigen, dass ihm von der anderen Seite ständig Knüppel zwischen die Beine geworfen werden.

Einer der dicksten Knüppel war die fristlose Kündigung von Samy Hamama, Kellers Büroleiter und enger Vertrauter. Hamama reichte am 26. März Klage gegen die Kündigung ein, am 21. Mai kommt es zu einem Gütetermin, wie das Arbeitsgericht Frankfurt am Main der Sportschau mitteilte. Das könnte heikel werden für das Lager um Curtius und Koch, denn Hamama spielt eine wichtige Rolle in der Aufklärungsarbeit um einen Vertrag zwischen dem DFB und einer Kommunikationsagentur.

Ominöser Vertrag mit Kommunikationsagentur

Wofür genau erhielt deren Chef Kurt Diekmann viel Geld, und welche Rolle spielte er bei äußerst brisanten Themen wie der Aufarbeitung der Vergabe um die Fußball-WM 2006 und bei Personalien wie dem Rücktritt von Kellers Vorgänger Reinhard Grindel?

Diese Fragen stehen in Potsdam auf der Tagesordnung, und vor allem Rainer Koch dürfte um Antworten gebeten werden, wie Berichte der "Süddeutschen Zeitung" und "Bild" vermuten lassen.

Grindel erhebt Vorwürfe gegen Koch

Der frühere DFB-Präsident Reinhard Grindel

Der frühere DFB-Präsident Reinhard Grindel

Unter Erklärungsdruck gerät der Vizepräsident auch durch Vorwürfe, die Grindel in einem Interview mit dem ZDF erhebt. Demnach habe Koch eher als bislang von ihm behauptet von der Enthüllung im Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" über fragwürdige Zahlungen im Zusammenhang mit der WM-Vergabe gewusst. Koch habe aber weder das Präsidium noch den damaligen Präsidenten Wolfgang Niersbach frühzeitig über die Recherche in Kenntnis gesetzt. Dies, so der damalige Schatzmeister Grindel, "wäre gut gewesen, um sportpolitisch, möglicherweise auch steuerrechtlich" auf die vom "Spiegel" erhobenen Vorwürfe zu reagieren.

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Koch, so Grindel, habe ihm von seiner Kenntnis berichtet, ein paar Tage später in einer Krisensitzung mit Niersbach allerdings so getan, als höre er zum ersten Mal von der Recherche. Die Vorgänge um die Vergabe der WM 2006 sind bis heute teilweise offen.

Auf Anfrage der Sportschau ließ Koch über den Bayerischen Fußball-Verband, dessen Präsident er ist, mitteilen, "dass die Aussagen von Reinhard Grindel nicht der Wahrheit entsprechen". Koch sei indes nicht verwundert, "dass Herr Grindel diese Aussagen zum jetzigen Zeitpunkt trifft und ganz gezielt Öffentlichkeit herstellt".

Die Gräben sind tief, auch alte Rechnungen scheinen wieder auf den Tisch gelegt zu werden.

"Wir haben Aufklärungsbedarf"

"Wir haben Aufklärungsbedarf", sagte einer der Landespräsidenten zur Sportschau, er gehe "ergebnisoffen" in die Krisensitzung am Templiner See in Potsdam.

Bislang ist aus dem Kongresshotel noch nichts nach außen gedrungen. Ob es am Freitagabend (30.04.2021) zu einer Aussprache zwischen Keller und Koch wegen des Nazi-Vergleichs gekommen sei, wollte der DFB auf Anfrage der Sportschau nicht beantworten. Wenn es etwas zu vermelden gebe, werde es der Verband tun. Die Zimmer sind bis Sonntag gebucht.

Stand: 01.05.2021, 15:00

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