Markus Schmidt, Schiedsrichter mit Bart

Fußball Schiedsrichter mit Bart - Darum sind sie so selten

Stand: 04.05.2022 16:38 Uhr

Bärte in allerlei Formen sind längst Mainstream unter Profisportlern, dagegen treten Schiedsrichter fast immer glatt rasiert auf. Warum eigentlich? Eine Spurensuche mit kuriosen und brisanten Details.

Von Volker Schulte

Diese Quizfrage stellt selbst nerdigste Fußball-Stammtische vor Probleme: Nenne Bundesliga-Schiedsrichter mit Bart. "Franz-Xaver Wack!", wird dann sicher jemand rufen. Dessen Schnäuzer war ja auch markant. Oder: "Christian Dingert!", der sich an der "Movember"-Aktion beteiligte, bei der Männer mit sprießenden Oberlippenbärten auf Prostatakrebs-Prävention aufmerksam machen.

Aber ein Schiedsrichter mit Vollbart? Da wird es schwierig. Und das, obwohl seit Jahren alle Varianten zwischen Dreitage- und Rauschebart Mainstream sind, auch im Profifußball. Man schaue auf Lionel Messi, Mats Hummels, Jürgen Klopp ... die Liste zieht sich.

Basketball-Schiedsrichter Benjamin Barth wehrt sich

Was ist also los bei den glattrasierten Schiedsrichtern? Trend verpennt? Spätestens seit Dienstag (03.05.2022) hat die Frage nach dem Warum einen ernsteren Hintergrund. Der Basketball-Schiedsrichter Benjamin Barth machte öffentlich, dass er nicht mehr für Spiele in der Euroleague eingeladen worden war, weil er sich weigerte, seinen Bart abzurasieren. Der Schiedsrichter-Chef der Euroleague, Richard Stokes, hatte ihn dazu aufgefordert, mit Nachdruck. "Ich hatte es zunächst für einen Witz gehalten, aber er meinte das sehr ernst", sagte Barth der Sportschau.

Verwunderlich sind auch die Gründe, die Barth genannt wurden. Die Trainer und Manager würden Schiedsrichter mit Bärten nicht mögen. Und mit Gesichtsbehaarung würde er zu sehr im Mittelpunkt stehen. Dazu muss man wissen, dass Barth im Gesicht weder zottelig noch extravagant aussieht. Sein sorgfältig gestutzter Bart sieht stattdessen so aus, als gehöre er genau dorthin, wo er ist, und nirgendwohin anders. Umso kurioser der Rasurbefehl durch Stokes.

Wegen Vollbarts: Basketball-Schiedsrichter durfte keine Euroleague-Spiele mehr pfeifen

Sportschau, 03.05.2022 15:25 Uhr

Lutz Wagner: "Das ist ein Eingriff in die Persönlichkeit"

Barth wehrte sich letztlich auch juristisch und erreichte immerhin eine Entschuldigung durch Stokes und die Euroleague, inklusive Versprechen, künftig nicht mehr unfaire Maßstäbe ansetzen zu wollen. Im Basketball liegt das Thema damit also zumindest auf dem Tisch. Aber wie ist es beim Fußball? Gibt es dort womöglich ähnliche Ansagen?

Ein Anruf bei Lutz Wagner, Koordinator der DFB-Schiedsrichterausbildung. Er beteuert, im deutschen Schiedsrichterwesen werde nach Leistung beurteilt, nicht nach Aussehen. Den Fall aus dem Basketball kritisiert er als "Eingriff in die Persönlichkeit". Er selbst habe in ganz jungen Schiedsrichterjahren auch mal Schnauzbart getragen.

Lutz Wagner 1997 mit Schnurrbart

Lutz Wagner 1997 mit Schnurrbart

Das ungeschriebene Gesetz

Also kein offizielles Bart-Verbot im DFB. Aber warum dann überall die glattrasierte Haut rund um die Trillerpfeifen? In der Szene könne man durchaus von einem ungeschriebenen Gesetz sprechen, dass Top-Schiedsrichter bitteschön bartlos seien sollten, sagt Alex Feuerherdt der Sportschau.

Der Publizist, Podcaster ("Collinas Erben") und Schiedsrichter-Lehrwart in Köln verweist auf die Erwartungshaltung, dass die Unparteiischen unauffällig seien und durch Leistung überzeugen sollten. "So mancher im insgesamt eher konservativen Schiedsrichterwesen sieht in peppig-bunten Schuhen, langen Haaren oder auffälligen Tattoos unnötige Angriffsflächen."

Frisur-Experimente erst nach der Karriere

Feuerherdt verweist auch auf Ex-Schiedsrichter wie Urs Meier oder Jochen Drees, die ihren bis dato kurzen Haaren erst nach ihren Karrieren freieren Lauf gelassen haben. Selbst Peter Gagelmann, früher Markenzeichen strenger Bürsten-Haarschnitt, ließ sich im Schiedsrichter-Ruhestand zu lässig zurückgekämmten Haaren hinreißen.

Doch auch Feuerherdt wundert sich über die Seltenheit von Bärten, da diese doch heutzutage gar nicht mehr wirklich auffielen. Und immerhin: Wer lange genug überlegt, kann auch auf Bundesliga-Schiedsrichter mit Vollbart kommen - zum einen auf Markus Schmidt.

Markus Schmidt: "Aber damit willst du doch jetzt nicht pfeifen?"

Der 48-Jährige hat jüngst die Bundesliga-Altersgrenze (47) überschritten, ist aber noch als Video-Assistent im Einsatz. In den letzten vier, fünf Jahren seiner langen Karriere (197 Bundesliga-Einsätze) war er mit einem Drei-Tage- bis Zwei-Wochen-Bart über den Rasen gelaufen. Und im Gespräch mit der Sportschau erzählt er, dass anfangs einige durchaus irritiert reagiert hätten. So habe ein höherrangiger Schiedsrichterfunktionär damals gesagt: "Aber damit willst du doch jetzt nicht pfeifen?"

Doch, wollte er - "und nach zwei Spieltagen war es dann Normalität", erzählt Schmidt. Er habe auch nie ganz herausgefunden, woher die Vorbehalte gegen Bärte kamen. Er berichtet von Kollegen, die im Privaten teilweise Vollbärte trugen (durchaus zu ihrem Vorteil), an Spieltagen dann aber wieder glattrasiert waren.

Offizielles Verbot in der Minor League Baseball

Auch in anderen Ländern und Sportarten neigen Schiedsrichter zur Glattrasur. Die unterklassigen Baseball-Profiligen in Nordamerika (Minor League Baseball) verbieten ihren Unparteiischen im Regelbuch gar offiziell "Schnurrbärte, Ziegenbärte oder anderes Gesichtshaar".

Diskriminierungs-Debatte in England

Im englischen Fußball ist das Thema wegen des mächtigen Funktionärs David Elleray brisant. Der langjährige Schiedsrichter-Chef der Football Association (FA) wird nach der Saison zurücktreten. Gegen ihn wurde auch wegen Rassismus-Vorwürfen ermittelt.

Er gilt als Bart-Gegner, soll den Schiedsrichtern entsprechende Ratschläge mitgegeben haben. Die Tageszeitung "i" sieht darin auch eine potenzielle Diskriminierung von Schiedsrichtern, für die ihr Bart aufgrund ihrer Religionszugehörigkeit wichtig ist. Alle 40 britischen Profi-Schiedsrichter in den obersten Ligen sind weiß.

Daniel Schlager: FIFA-Schiedsrichter mit Bart

Und wie sieht es mit den UEFA- und FIFA-Wettbewerben aus? Ist eine internationale Karriere nur mit Rasur möglich, so wie bisher im Basketball? Öffentlich beschwert hat sich noch niemand, und eine Personalie aus Deutschland macht Mut: Daniel Schlager pfeift seit 2015 im Profibereich, aktuell mit dezentem, modernen Vollbart. Geschadet hat dies dem 32-Jährigen offenbar nicht. Seit Dezember 2021 ist er FIFA-Schiedsrichter und wird den DFB damit künftig auch international vertreten.

Bartträger unter sich: Niklas Stark (Hertha BSC, l.) und Schiedsrichter Daniel Schlager

Bartträger unter sich: Niklas Stark (Hertha BSC, l.) und Schiedsrichter Daniel Schlager